Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.12.2014

13:20 Uhr

MH17-Abschuss

Moskau hält neuen Zeugen für glaubwürdig

Russland präsentiert einen geheimnisvollen Zeugen zum Absturz der malaysischen Boeing-777 in der Ostukraine. Seit Monaten versucht Russland, die westliche Sicht auf die Tragödie zu relativieren.

Die Ursachensuche nach dem Absturz von Malaysia Airlines Flight MH17 geht weiter: Russland will nun einen Zeugen gefunden haben, der die Ukraine belastet. dpa

Die Ursachensuche nach dem Absturz von Malaysia Airlines Flight MH17 geht weiter: Russland will nun einen Zeugen gefunden haben, der die Ukraine belastet.

MoskauFünf Monate nach dem Absturz der malaysischen Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine haben russische Ermittler einen mutmaßlichen Zeugen der Tragödie präsentiert. Der vom ukrainischen Militär desertierte Mann habe bei einem Lügendetektortest glaubwürdig dargelegt, dass die Boeing-777 im Juli von einem Piloten in einem ukrainischen Kampfjet des Typs Suchoi Su-25 aus der Luft mit einer Rakete abgeschossen worden sei. Das teilte der Sprecher der nationalen Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin, am Mittwoch in Moskau mit.

Die Beweise für eine Schuld der ukrainischen Streitkräfte am Tod der 298 Menschen an Bord könnten der Untersuchungskommission in den Niederlanden übergeben werden, sagte Markin auch in einem von der Behörde veröffentlichten Videoclip. Die meisten Opfer waren Niederländer. Deshalb werden dort die Untersuchungen des Unglücks geleitet. Für den ukrainischen Staatsbürger werde eine Aufnahme in das russische Zeugenschutzprogramm geprüft.

Die Ukraine hatte eine mögliche Beteiligung ihrer Streitkräfte an dem Abschuss zurückgewiesen und den prorussischen Separatisten im Donbass die Verantwortung dafür gegeben. Die Aufständischen sollen eine Rakete von der bodengestützten Luftabwehranlage „Buk“ abgefeuert haben. Der ukrainische Geheimdienst SBU bezeichnete den mutmaßlichen Zeugen als russischen „Fake“. Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt.

Den mutmaßlichen Zeugen hatte am Vortag zuerst die kremlnahe Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ präsentiert. Das Blatt veröffentlichte am Mittwoch auf seiner Titelseite das Foto eines Mannes in ukrainischer Uniform. Dabei soll es sich um den Piloten Wladislaw Woloschin handeln, der die MH17 am 17. Juli abgeschossen haben soll.

Abschüsse von Passagierflugzeugen

Seit dem zweiten Weltkrieg

In der Geschichte der zivilen Luftfahrt sind seit dem Zweiten Weltkrieg mehrere Abschüsse von Passagierflugzeugen bekannt geworden. Zu ihnen gehören:

21. Februar 1973

Am 21. Februar 1973 wird über dem Sinai ein libyscher Passagierjet von einem israelischen Kampfflugzeug abgeschossen. Dabei kommen 108 der 113 Insassen der Boeing 727 des Flugs 114 ums Leben.

1. September 1983

Am 1. September 1983 wird ein Jumbo-Jet der Korean Airlines wegen angeblicher Verletzung des damaligen sowjetischen Luftraums von einem Kampfflugzeug über internationalen Gewässern westlich der Insel Sachalin abgeschossen. Alle 269 Menschen an Bord von Flug KAL 007 kommen ums Leben.

3. Juli 1988

Am 3. Juli 1988 wird eine iranische Linienmaschine auf einem Kurzstreckenflug nach Dubai über dem Persischen Golf vom US-Kriegsschiff USS Vincennes mit einer Rakete abgeschossen. Alle 290 Menschen an Bord der Maschine des Flugs 655 kommen ums Leben.

4. Oktober 2001

Am 4. Oktober 2001 wird eine Tupolew Tu-154 der russischen Fluggesellschaft Sibir auf dem Weg von Tel Aviv nach Nowosibirsk in der Nähe von Sotschi von einer Flugabwehrrakete getroffen. Untersuchungen ergeben, dass die Maschine von einer ukrainischen Flugabwehrrakete getroffen worden war, die sich bei einem Übungsschießen auf der Krim selbstständig gemacht hatte. Alle 78 Insassen des Flugzeugs sterben.

Der nun in Russland Schutz suchende mutmaßliche Zeuge diente nach eigener Darstellung mit Woloschin im ukrainischen Dnjepropetrowsk bei den Streitkräften an dem Tag, als die MH17 abgeschossen wurde. Der Pilot soll demnach bei seinem Lufteinsatz zwei Raketen verschossen haben. Danach sei mit dem leeren Su-25-Kampfjet zurückgekehrt und habe von einem versehentlichen Abschuss einer Maschine gesprochen.

Russland hatte immer wieder gefordert, die Variante eines Abschusses aus der Luft durch ein anderes Flugzeug auch untersuchen zu lassen. Der niederländische Sicherheitsrat äußerte sich zunächst nicht zu dem mutmaßlichen Zeugen. Über Details der Untersuchung werde prinzipiell kein Kommentar gegeben, sagte die Sprecherin des Rates, Sara Vernooij, am Mittwoch in Den Haag der Deutschen Presse-Agentur.

Das Wrack der Maschine wird zurzeit in den Niederlanden zum Teil rekonstruiert. Der niederländische TV-Sender RTL veröffentlichte Fotos, die beweisen sollen, dass die Maschine von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×