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28.09.2016

17:00 Uhr

MH17-Abschuss

Moskau stürzt sich auf zwei Schwächen des Berichts

VonAndré Ballin

Internationale Ermittler weisen Russland die Verantwortung für den MH17-Flugzeugabschuss zu. Der Kreml will davon nichts wissen und betont die Schwächen des Berichts. Dieser liefert dafür unfreiwillig eine Steilvorlage.

Russland trägt die Verantwortung für den Abschuss einer Passagiermaschine vor zwei Jahren. Darauf deutet ein Bericht internationaler Ermittler hin. AFP; Files; Francois Guillot

Internationale Ermittler stellen MH17-Bericht vor

Russland trägt die Verantwortung für den Abschuss einer Passagiermaschine vor zwei Jahren. Darauf deutet ein Bericht internationaler Ermittler hin.

MoskauDas Dementi kam schon vor dem Verdikt: Bereits zwei Tage vor der Veröffentlichung des lang erwarteten Abschlussberichts zum Abschuss der Boeing 777 über dem Donbass-Gebiets hatte das russische Verteidigungsministerium vorsorglich alle möglichen Anschuldigungen als falsch abgetan.

„Die Ukraine drückt sich offen vor der Bereitstellung von Daten und manipuliert den Gang der Ermittlungen, die einer falschen Spur folgen“, hatte Ministeriumssprecher Generalmajor Igor Konaschenkow. Das reiche „von widersprüchlichen Angaben über die Abschussobjekte bis hin zur fehlerhaften Bestimmung des Raketentyps und damit auch des Abschussorts“. Damit hatte Konaschenkow den Schuldigen für die aus Moskauer Sicht unbefriedigenden Ergebnisse der Expertengruppe schon im Vorfeld gefunden.

Tatsächlich sind die Aussagen des Abschlussberichts für Moskau äußerst unangenehm: Die mobile Abschussrampe für die Buk-Rakete sei aus Russland in die Rebellengebiete transportiert und von dort auch anschließend wieder zurückgebracht worden, teilte der niederländische Staatsanwalt Franz Westerbeke am Mittwoch mit. Damit wird Russland der direkten Beteiligung an dem Abschuss bezichtigt.

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Wo wurde die Rakete abgeschossen?

Die Rakete wurde von einem Feld bei Perwomajske in der Nähe des ostukrainischen Ortes Snischne abgeschossen. Das Gebiet stand zu dem Zeitpunkt unter der Kontrolle pro-russischen Separatisten.

Was war das für eine Rakete?

Die Boeing 777 wurde mit einer Rakete aus der Serie 9M38 abgeschossen. Diese wurde von einer mobilen Einheit, einer Selbstfahrlafette Buk-Telar aus, abgefeuert.

Wer hat den Auftrag erteilt?

Das Buk-Raketensystem wurde am frühen Morgen des 17. Juli 2014 aus Russland in die Ostukraine gebracht. Pro-russische Rebellen hatten am 16. Juli nach Erkenntnissen des ukrainischen Geheimdienstes abends telefonisch darüber gesprochen, dass sie eine Buk-Raketeneinheit zur Verteidigung gegen ukrainische Luftangriffe brauchten. Die Namen der Telefonierenden wurden nicht genannt.

Was geschah nach dem Abschuss?

Das mobile Buk-System wurde nach dem Abschuss der Passagiermaschine, vermutlich schon am Abend des 17. Juli, wieder zurück nach Russland gebracht. Am 18. Juli befand es sich wieder in Russland.

Wer war alles beteiligt?

Etwa 100 Personen wurden identifiziert, die am Transport der Rakete beziehungsweise dem Abschuss beteiligt gewesen sein sollen. Namen und Nationalitäten wurden nicht genannt.

Auch den Abschussort lokalisierte das Expertenteam; ein Feld südlich der Stadt Snischne. Diese ist seit langem in der Hand der Separatisten. Die konkreten Schuldigen sollen erst noch benannt werden. Doch schon jetzt lehnen sich die Ermittler deutlich weiter aus dem Fenster als bei dem vorsichtig formulierten Zwischenbericht vor einem Jahr. Das Liefern von Luftabwehrsystemen in die Ost-Ukraine – das reicht weit über die Präsenz russischer Soldaten in der Region hinaus. Moskau hatte letzteres bereits indirekt eingeräumt – und von „Freiwilligen“ im Donbass gesprochen.

Als „Katastrophe für Image und Moral“ charakterisierte der Professor der Moskauer Diplomatenschmiede MGIMO, Waleri Solowjej, den Expertenbericht. „Aber die Propaganda wird die russische Gesellschaft vor der Erkenntnis bewahren“, wer Schuld am Flugzeugabschuss sei, prognostizierte er ironisch.

Solowjej sollte recht behalten: Die Reaktion fiel heftig aus: Der Gazprom-Sender NTW veranstaltete praktisch parallel zur Vorstellung des Berichts eine Talk-Show, in der der kremlnahe Militärexperte Igor Korotschenko die Untersuchung unter allgemeinem Beifall als „gefälscht“ bezeichnete. In der hitzigen Debatte wurde dem Westen die Schuld am Vorfall zugeschoben. Ziel sei die Diffamierung Russlands.

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