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02.03.2004

08:24 Uhr

Michail Fradkow hat eine bunte Karriere hinter sich

Zwischen Wirtschaft und Geheimdiensten

VonMathias Brüggmann

Von „Super-Profi“ bis „unbeschriebenes Blatt“ reichen in Moskau die Meinungen über Michail Fradkow, der von Präsident Wladimir Putin zum neuen Regierungschef Russlands vorgeschlagen wurde. Durch politische Äußerungen ist der 53-Jährige bisher noch nicht aufgefallen.

MOSKAU. Von „Super-Profi“ bis „unbeschriebenes Blatt“ reichen in Moskau die Meinungen über Michail Fradkow, der von Präsident Wladimir Putin zum neuen Regierungschef Russlands vorgeschlagen wurde. Durch politische Äußerungen ist der 53-Jährige bisher noch nicht aufgefallen – trotz jahrzehntelanger Tätigkeit im Staatsdienst. Er gilt als „personifizierte Mischung aus Wirtschaftspolitiker und Silowik“, wie die Vertreter der Staatsschutzorgane in Russland genannt werden.

Fradkow kam am 1. September 1950 in Moskau in einer jüdischen Familie zur Welt, studierte Maschinenbau und wurde 1972 gleich an die sowjetische Botschaft nach Indien versetzt. Diese Entsendung, ohne jegliche Berufserfahrung nach Abschluss des Instituts, spricht für eine Nähe zum Geheimdienst KGB. Drei Jahre später wechselt Fradkow zu einem sowjetischen Außenhandelsunternehmen und macht nebenbei ein Diplom an der Moskauer Außenhandelsakademie.

1984 wird er Vize-Abteilungsleiter im Außenwirtschaftsministerium, bis er 1991 Moskaus Mann bei der Welthandelsorganisation Gatt wird. Ein Jahr später kehrt er als Vize-Außenhandelsminister zurück. Im Ministerium ist sein Chef Pjotr Awen, der in den Jahren danach zum einflussreichen Chef der Moskauer Alfa-Bank aufstieg. Zu Gunsten der Alfa-Gruppe soll Fradkow laut Moskauer Medienberichten auch immer wieder Handelsentscheidungen getroffen haben.

1995 schlittert er in einen weiteren Skandal: Die Generalstaatsanwaltschaft eröffnet gegen ihn als Vizeminister und seinen Vorgesetzten ein Verfahren wegen Veruntreuung. Er soll 150 Mill. Rubel für eine Villa im prestigeträchtigen Westen Moskaus und Baumaterial abgezweigt haben. Zur Anklage kommt es nie – weil ausgerechnet das Zimmer ausbrennt, in der die Ankläger die Fradkow-Akten lagern.

Stattdessen wird Fradkow 1997 Außenwirtschaftsminister. Als Boris Jelzin wieder einmal die Regierung feuert, wechselt Fradkow an die Spitze des Versicherers Ingosstrakh, den sich ein dubioser Moskauer Miliz-Offizier auf ominösen Wegen angeeignet hatte. 1999 wird er wieder einmal Minister – diesmal für Handel. Wie nahe er den Staatsschutzorganen steht, lässt der Oberst im Ruhestand wieder erkennen, als er 2000 Vizesekretär des Sicherheitsrats wird. Doch schon bald danach steht der Vater zweier Söhne an der Spitze der russischen Steuerpolizei. Im März 2003 löst Putin diese auf und schickt Fradkow, der neben Russisch, Englisch und Spanisch spricht, im Ministerrang als Russlands Botschafter zur EU nach Brüssel – eine Zwischenstation auf dem Weg an die Regierungsspitze.

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