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03.02.2012

18:42 Uhr

Michail Prochorow

Der Undurchsichtige

VonOliver Bilger

Am Samstag wollen wieder Zehntausende Russen auf die Straße gehen. Einer von ihnen ist der Präsidentschaftskandidat Michail Prochorow, dessen Kandidatur immer noch Fragen aufwirft. Eine Begegnung.

Der russische Multimilliardär Michail Prochorow will Regierungschef Putin bei der Präsidentenwahl am 4. März 2012 in einen Zweikampf zwingen. dpa

Der russische Multimilliardär Michail Prochorow will Regierungschef Putin bei der Präsidentenwahl am 4. März 2012 in einen Zweikampf zwingen.

MoskauAus dem angekündigten späten Mittag- ist ein frühes Abendessen geworden. Der Gastgeber, Oligarch und Präsidentschaftskandidat Michail Prochorow, hat das Treffen im teuren Moskauer Restaurant Twerbul kurzfristig für eine Fernsehdebatte verschoben. Ein voller Terminplan ist für den Geschäftsmann und Multimilliardär nicht ungewöhnlich. Nur unterscheiden sich die aktuellen Verpflichtungen von seinen bisherigen Aufgaben: Der Manager ist neu auf dem politischen Parkett. Er wirkt zurückhaltend, fast ein bisschen unsicher. Dennoch: In einem Monat will er Wladimir Putin in die Stichwahl zwingen.

Mit seinen 2,04 Metern fällt Prochorow auf. Plötzlich steht er im Twerbul zwischen Säulen, die antik aussehen sollen. Er trägt einen grauen Anzug und eine dunkelrote Krawatte, die wirkt, als wäre sie passend zur ebenfalls dunkelroten Stofftapete ausgesucht worden. Die Kellner reichen Wein und Champagner. Der Hüne trinkt stilles Wasser. Mit Metall- und Finanzgeschäften hat der 46-Jährige einen Reichtum von 18 Milliarden Dollar angehäuft. Damit ist er der drittreichste Mann Russlands.

Prochorow gilt als begehrter Junggeselle und Lebemann. Dass er vor ein paar Jahren nach einer Party im französischen Skiort Courchevel kurz in Haft war, weil die Polizei seine Party-Begleiterinnen für Prostituierte hielt, kommentiert er mit den Worten: „Ich bin eine widersprüchliche Figur.“ Eine Beschreibung, die er später noch belegen wird. Seine große Leidenschaft ist der Sport, gewöhnlich trainiert er zwei Stunden am Tag: tibetische Kampfkunst, Fußball und Kickboxen. Im Moment hat er dafür allerdings wenig Zeit. Am Samstag steht der nächste wichtige Termin im Kalender.

Welche Gruppen den Protest in Russland organisieren

Extrem links Gerichtete

„Das andere Russland“ bezeichnet sich selbst als Partei, wurde aber nicht zur Duma-Wahl am Wochenende zugelassen. Sie wird von dem umstrittenen Schriftsteller Eduard Limonow geleitet. In ihrem Gedankengut mischen sich Ideen der extrem Rechten und der Kommunisten. Ihre Anhänger sind häufig in Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt. Die Gruppe „Linke Front“ ist eine radikale Bewegung, die den Sozialismus in Russland umsetzen will. Ihr gehören überwiegend junge Menschen an. Auch sie sind häufig in Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften involviert.

Liberale

Zu den liberalen Gruppen gehört die 2007 gegründete Bewegung Solidarnost. Sie wird unter anderem von Boris Nemzow angeführt, der unter dem Präsidenten Boris Jelzin Vize-Regierungschef war. Auch Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow gehört zum Führungskreis. Die Partei der Freiheit des Volkes (Parnas) wird vom ehemaligen Ministerpräsidenten Michail Kasjanow geführt. Parnas wurde nicht zur Parlamentswahl zugelassen.

Menschen- und Bürgerrechtsgruppen

Die Organisation Memorial setzt sich gegen Menschenrechtsverletzungen im Kaukasus ein und leistet Aufklärungsarbeit zur Unterdrückung in der Zeit der Sowjetunion. Auch die Helsinki-Gruppe unter der Führung der sowjetischen Dissidentin Ljudmila Alexejewa setzt sich für die Menschenrechte ein. Die Anti-Korruptions-Bewegung vereint Oppositionelle vor allem in sozialen Netzwerken im Internet. Zu ihr gehören Blogger wie zum Beispiel der am Montag festgenommene und zu 15 Tagen Haft verurteilte Alexej Nawalny. Eine Gruppe von Autofahrern nennt sich die „Blauen Eimer“. Sie setzen sich gegen die unrechtmäßige Begünstigung ranghoher Beamter ein, die mit aufgesetzten Blaulichtern gegen die Verkehrsregeln verstoßen und dadurch häufig schwere Unfälle verursachen. Eine andere Gruppe setzt sich aus Kreditnehmern zusammen, die Häuser mit Hilfe von Krediten gekauft hatten. Die Gebäude wurden indes nie gebaut. Die „Verteidiger des Chimki-Waldes“ engagieren sich gegen den Bau einer Autobahn im Großraum Moskau. Für das Projekt müsste eine Wald abgeholzt werden.

Ab Mittag hat die Opposition zu einer neuen Massendemonstration im Zentrum von Moskau aufgerufen. Wieder werden viele Zehntausend Teilnehmer erwartet – trotz der Wettervorhersage von minus 15 Grad. Prochorow versucht die unzufriedene Mittelschicht dort mit seinem Wahlprogramm anzusprechen. „Ich denke, die Mehrheit wird für mich stimmen“, sagt er. Doch viele Demonstranten, die ein „Russland ohne Putin“ fordern, können sich genau so wenig einen Präsidenten Prochorow vorstellen. „Da draußen sind ganz unterschiedliche Leute“, erklärt der Bewerber. Es gebe viele Ansichten, das nicht alle ihn unterstützen sei doch eine „ganz normale politische Situation“.

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