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19.03.2012

13:30 Uhr

Michel Barnier

„Banker sind keine Wohltäter“

VonRuth Berschens

Schattenbanken sind die „große Bedrohung für die Finanzstabilität“, warnt EU-Kommissar Michel Barnier im Interview. Er erklärt, wie er mit einer strikten Regulierung die Risiken des Schattensektors eindämmen will.

Michel Barnier will die neuen EU-Aufsichtsbehörden mit mehr Befugnissen ausstatten. Reuters

Michel Barnier will die neuen EU-Aufsichtsbehörden mit mehr Befugnissen ausstatten.

Handelsblatt: Herr Kommissar, die Finanzmarktregeln werden strenger, doch die Finanzmarktakteure auch erfinderischer, um sie zu umgehen. So ist eine neue Grauzone entstanden, die Schattenbanken – Grund zur Sorge?

Michel Barnier: Auf jeden Fall. Es muss uns alarmieren, dass sich die Transaktionen der Schattenbanken zwischen 2002 und 2010 mehr als verdoppelt haben. Das entspricht einem Anteil von 25 bis 30 Prozent des Finanzmarktes.

Seitdem ist dieser Sektor aber wieder deutlich geschrumpft.

Richtig, weltweit sind die Aktivitäten der Schattenbanken zurückgegangen. Aber in Europa haben sie seit 2010 weiter zugelegt.

Bedeutet das etwa, dass nur vier Jahre nach der Finanzkrise wieder ein Drittel des Finanzmarktes unreguliert ist?

Nein. Einige EU-Finanzmarktgesetze erfassen bereits jetzt die Schattenbanken. Die EU-Eigenkapitalanforderungen für Banken enthalten Vorschriften für Verbriefungen. Auch die Mifid-Richtlinie für Finanzinstrumente enthält einige Regeln, die für Schattenbanken relevant sein. Außerdem gibt es einen EU-Rechtsrahmen für Hedge-Fonds, die AIFM-Richtlinie. Doch das reicht nicht. Wir müssen mehr tun, um die Schattenbanken zu regulieren, und die EU will dabei Vorreiter sein.

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Schattenbanken – was ist das überhaupt?

Dazu gehören zum Beispiel Zweckgesellschaften, die Kredite vermitteln, Geldmarktfonds, Investitionsfonds, Hedge-Fonds, Versicherungsunternehmen und auch Finanzmarktakteure, die Verbriefung, Repo-Geschäfte oder Konsumentenkredite anbieten. Ich will diese Aktivitäten nicht verbieten, sie befördern ja die Liquidität der Märkte und sind daher nützlich. Wir müssen aber wissen, wer da was macht, und es muss auch für diesen Bereich der Märkte Regeln geben.

Hat die EU-Kommission eigene Daten über diese neue Grauzone gesammelt?

Wir stehen hier erst ganz am Anfang. Das Financial Stability Board hat fünf Arbeitsgruppen gegründet. Sie sollen die verschiedenen Schattenbanken ausleuchten. Hier arbeiten wir aktiv mit.

Schattenbanken

Ein großes Problem der Finanzkrise

Vor fünf Jahren hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in Schock versetzt. Viele Banken hatten Risiken ausgelagert - in sogenannte Schattenbanken („shadow banking“). Auch heute noch sind Geschäfte in diesem Graubereich sehr einträglich und wachsen rasant.

Was versteht man überhaupt unter Schattenbanken?

Darunter fallen Unternehmen, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen - aber im Gegensatz zu Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Schattenwelt oder Grauzone, daher der Name. Dazu gehören Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds und spezielle Zweckgesellschaften. Bekanntere Beispiele sind Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen (externe Kapitalgeber, die Unternehmen außerbörslich Eigenkapital zur Verfügung stellen).

Wie groß ist dieser Graubereich?

Gigantisch. Zwischen 2002 und 2010 haben die Schattenbanken ihren Umsatz weltweit auf 46 Billionen Euro verdoppelt - das entspricht mindestens einem Viertel des globalen Finanzmarktes. Diese Zahlen nennen die Finanzaufseher des Financial Stability Board. In den USA bewegen die „Nichtbanken“ ein größeres Kreditvolumen als herkömmliche Banken. Für Deutschland beziffert die EU-Kommission den Anteil auf fünf Prozent, in Großbritannien auf 13 Prozent.

Der Trend zeigt nach oben. Wie arbeiten diese Unternehmen?

Schattenbanken sammeln Kapital ein, sind als Kreditvermittler tätig oder sichern Kredite ab. Dabei arbeiten sie vor allem mit Fremdkapital und nutzen oft Hebelwirkungen, um eine Summe zu vervielfachen. Diese Strategie gilt als risikoreich.

Warum sind Schattenbanken so gefährlich?

Weil sie sich oft sehr kurzfristig finanzieren. Das kann zu einem Kollaps führen, wenn viele Kunden auf einmal ihr Geld abziehen wollen („Bank-Run“). Schattenbanken machen Geschäfte mit wenig Kapital, aber einem hohen Schuldenanteil, was bei einer Krise einen hohen Schaden anrichten kann. Diese Unternehmen unterliegen nicht der Einlagensicherung und haben keinen Zugriff auf Notenbankgeld. Ungeordnete Insolvenzen könnten verheerende Folgen haben, warnt die EU-Kommission: „Schattenbanken und ihre Tätigkeiten können eine Reihe von Risiken bergen.“

Und wieso wird der Graubereich größer?

Es ist eine praktische Sache: Viele Geldhäuser nutzen Schattenbanken als Handelspartner, um Risiken loszuwerden. Beispielsweise ist eine Bank verpflichtet, ihre Kreditrisiken immer mit Eigenkapital abzusichern. Lagert sie diese Risiken in eine Zweckgesellschaft aus, kann sie diese Regel umgehen - unbemerkt von den Aufsehern. In der Finanzkrise brachte diese Geschäftspolitik Banken wie die Hypo Real Estate oder die IKB ins Taumeln. Aber auch in jüngster Zeit nimmt diese Tendenz wieder zu: Je mehr die EU Banken kontrolliert, desto größer ist der Anreiz, auszuweichen. Damit wächst wiederum das Risiko einer Krise - ein Teufelskreis.

Das FSB arbeitet auf globaler Ebene. Was wollen Sie in Europa tun?

Wir starten eine Befragung bei Regierungen, Banken und anderen Finanzmarktteilnehmern, die bis zum 1. Juni läuft. Danach werden wir entscheiden, ob wir zum Beispiel die Eigenkapital- oder die Mifid-Richtlinie ergänzen müssen. Es kann auch sein, dass wir einen ganz neuen Gesetzentwurf zu den Schattenbanken vorlegen.

In welcher Beziehung stehen die Banken zu den Schattenbanken?

Manche Banken weichen auf Schattenbanken aus, um die EU-Finanzmarktvorschriften zu umgehen. Sie nutzen zum Beispiel Zweckgesellschaften für das Laufzeitmanagement ihrer Wertpapier-Anlagen. Das bedeutet: Eine Bank, die den EU-Finanzmarktvorschriften unterliegt, weicht aus in einen nicht regulierten Bereich.

Ist so ein Geschäftsgebaren nicht verantwortungslos?

Es gibt durchaus Finanzmarktakteure, die wir kritisch sehen. Es ist aber nicht illegal, in einen unregulierten Bereich auszuweichen. Banktätigkeit ist keine Wohltätigkeit. Die Berufung der Banken besteht darin, Gewinne zu machen. Die Rolle der Politik besteht darin, Lücken in der Regulierung zu schließen.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

19.03.2012, 15:59 Uhr

EU Sowjet-Kommissare sind auch keine Wohltäter.

zaglmann

19.03.2012, 17:33 Uhr

Warum, die Banker machen auch nur Ihre Arbeit, und das sehr gut.
Ohnen Banken gebe es keine Kredit und sonstiges.

Andere Leute beschimpfen nur die Banken, ihre Nagestellten und die Vorstandsvorsitzenden.
Weil Sie auf die neidisch sind.

Ich beschäftige mich mit der ganzen Weltmarktwirtschaftseit ich 14 Jahre alt bin, und ich weiß von was ich rede.

Also lasst die Banken ihre arbeit machen.

Tocoma

19.03.2012, 17:49 Uhr

Es gibt durchaus Finanzmarktakteure, die wir kritisch sehen. Es ist aber nicht illegal, in einen unregulierten Banktätigkeit ist keine Wohltätigkeit. Die Berufung der Banken besteht darin, Gewinne zu machen.

Ach je, wie beeindruckend Herr Barnier.
Natürlich sind Banken keine Wohltäter, aber sie erwarten wie selbstverständlich das wir alle ihre Wohltäter sind und für ihre Ramschpapiere und Spekulationsschulden zahlen dürfen bis zum get no!!
Wir sind diejenigen die Steuern zahlen womit die Verbrechebande am Leben gehalten wird. Und sie selbst sind einer der von unseren Steuern bezahlt wird.
Deshalb soo43axgllten sie einmal darüber nachdenken, der welcher die Musik bezahlt auch bestimmt was gespielt wird. Da sie das bis dato nicht annäherd tun bzw. tun wollen, müssen sie eben irgendwann mit Konsequenzen rechnen.

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