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20.09.2011

18:35 Uhr

Michele Bachmann

Eine Kandidatin plappert sich um ihre Chancen

VonNils Rüdel

Michele Bachmann, Ikone der Tea Party, ist ins Straucheln geraten. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Fettnäpfchen auf sie wartet. Berater der Abgeordneten, die US-Präsidentin werden will, sind frustriert.

Lässt ihre Berater verzweifeln: Tea-Party-Ikone Michele Bachmann. Reuters

Lässt ihre Berater verzweifeln: Tea-Party-Ikone Michele Bachmann.

WashingtonManch einem wären vielleicht aufmunternde Worte eingefallen. Andere hätten versucht, mit Ratschlägen Punkte zu machen. Doch Michele Bachmann probierte es lieber mit göttlicher Rache. Als der Hurrikan Irene im August Kurs auf die US-Ostküste nahm und Millionen Amerikaner nach dem Erdbeben erneut um ihre Habseligkeiten bangten, fiel der Frontfrau der Tea-Party-Bewegung auf einer Wahlveranstaltung dieser Satz zum Thema ein: „Was muss Gott noch alles machen, damit ihm die Politiker zuhören?“.

Irene blieb bekanntlich einigermaßen harmlos, dafür flog der Angeordneten bald jenes Zitat um die Ohren, angefacht entweder von Empörung oder Häme. Bachmann beteuerte eilig, es sei nur ein Scherz gewesen. Doch da war es schon zu spät.

Es sollte nicht der einzige Ausrutscher bleiben in den folgenden Wochen. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Hoffnungsträgerin der Konservativ-Religiösen, die nächstes Jahr US-Präsidentin werden will, nicht danebengreift. Gleichzeitig gräbt ihr der ebenso konservative texanische Gouverneur Rick Perry gut gelaunt die Themen ab, seit er Mitte August mit einem Knall im Kampf um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner aufgetaucht war.

„Sie bleibt dauerhaft hinter den Erwartungen“, sagte Bachmanns ehemaliger Stabschef Ron Carey im TV-Sender MSNBC. „Es ist schwer ihr zu helfen, weil sie es nicht schafft, sich ans Manuskript zu halten“. Mit ihren provokanten Thesen vergraule sie die unabhängigen Wähler. Der Berater war im August desertiert, angeblich aus gesundheitlichen Gründen, bezeichnet sich aber immer noch als Unterstützer. Mitarbeiter, die noch an Bord sind, denken laut „New York Times“ ähnlich wie Carey.

Derweil gleitet Bachmann, 55, allmählich in die Bedeutungslosigkeit ab. In einer Gallup-Umfrage vom Sonntag unter republikanischen Wählern ist sie auf 5 Prozent abgestürzt – von 13 Prozent im August nach ihrem Sieg bei der Testwahl „Iowa Straw Poll“. Perry führt einsam mit 31 Prozent, Mitt Romney liegt mit 24 Prozent dahinter.

Die beiden Herren machen es unter sich aus, und Bachmann wirkt gegen die Routiniers eher wie die Karikatur einer stramm konservativen Kandidatin. Manchmal macht sie kuriose Versprechen („Wenn ich Präsidentin bin, wird sich der Spritpreis halbieren“). Manchmal leistet sie sich harmlose Schnitzer wie jenen, als sie Russland und die Sowjetunion durcheinanderbrachte.

Manchmal wird es aber auch gefährlich. Montagabend vergangener Woche, TV-Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in Tampa, Florida. Bachmann hatte den Schlagabtausch eigentlich schon gewonnen, Perry stand mit dem Rücken zur Wand. Sie hatte mit dem Vorwurf gepunktet, der Gouverneur habe 2007 seine Amtsgewalt dafür genutzt, Schulmädchen zu Impfungen gegen eine sexuell übertragbare Krankheit zu zwingen. Für staatsferne Republikaner kommt ein solcher Eingriff in das Leben der Bürger einer Todsünde gleich – folglich gab es Applaus für Bachmann und Schweißperlen auf Perrys Stirn.

Bachmann hätte auf der Hut sein müssen: Es ist ein ziemlich kompliziertes Gebiet, es ging um so genannte Humane Papillomviren (HPV), die Krebs erregen können, und eine Impfung gilt weithin als empfehlenswert. Doch die Kandidatin interessierte sich nicht für Fachmeinungen.

Sie wollte lieber noch eins draufsetzen. Nach der Debatte behauptete sie ohne Not und ohne Wissen, solche Impfungen könnten „mentale Verzögerungen“ hervorrufen und seien deshalb unmoralisch. Mehr noch: Bachmann berichtete von einer Frau, die ihr tränenüberströmt vom Schicksal ihrer Tochter erzählt habe. Das Mädchen sei gegen HPV geimpft worden und nun geistig zurückgeblieben.  

Das brachte Wissenschaftler, Elternvertreter und Gesundheitsexperten auf die Barrikaden. Sie fürchten, solche unreflektierten Warnungen könnten Familien davon abhalten, ihre Kinder impfen zu lassen. Der Bioethiker Art Caplan bot an, 10.000 Dollar zu spenden, sollte Bachmann einen einzigen Fall präsentieren, bei dem die Impfung erwiesenermaßen zu mentalen Störungen geführt hat. Eine Antwort steht noch aus.

Kommentare (16)

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KandidatenDieDasLandVerdient

20.09.2011, 19:05 Uhr

"Mehr noch: Bachmann berichtete von einer Frau, die ihr tränenüberströmt vom Schicksal ihrer Tochter erzählt habe. Das Mädchen sei gegen HPV geimpft worden und nun geistig zurückgeblieben."

Fast scheint es, als berichte die Kandidatin hier von einem Gespräch mit ihrer eigenen Mutter.

Dubya

20.09.2011, 19:17 Uhr

Macht nix, ist noch nicht lang her da hatten die schon mal ein Redetalent ...

Account gelöscht!

20.09.2011, 19:36 Uhr

Ungebildet? Dumm? Künstliche Wimpern?
Wer bringt die Kandidaten eigentlich ins Rampenlicht und an die Tröge?

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