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02.12.2014

20:36 Uhr

Migrantenarbeiter in den Golfstaaten

Rechtlos in der Glitzerwelt

VonMartin Gehlen

Schläge, Misshandlungen, Arbeiten bis zum Umfallen: Im Umgang mit ihren Migrantenarbeitern zeigen die Golfstaaten die Kehrseite ihrer glitzernden Fassaden. Trotz der WM 2022 in Katar gibt es nur minimale Fortschritte.

Sie arbeiten oft als Haushaltshilfen oder auf Baustellen – und sind fast rechtlos: Migrantenarbeiter, etwa aus Nepal oder von den Philippinen, hier in Doha (Katar). dpa

Sie arbeiten oft als Haushaltshilfen oder auf Baustellen – und sind fast rechtlos: Migrantenarbeiter, etwa aus Nepal oder von den Philippinen, hier in Doha (Katar).

Doha/KairoVictoria war durchaus zufrieden mit ihrer Arbeit, als sie im August 2012 in Katar ankam. Zwar musste die junge Philippinin regelmäßig von fünf Uhr früh bis 20 Uhr spät putzen, kochen und waschen. Freitags aber hatte sie frei. Da konnte nach Doha in die Shopping Malls.

Pünktlich und ohne Abzug erhielt sie ihr vereinbartes Gehalt von umgerechnet 220 Euro ausgezahlt. Das alles änderte sich schlagartig, als über Weihnachten zwölf Familienmitglieder ihrer Arbeitsgeberin aus Australien zu Besuch kamen, vier Wochen blieben und sich von vorne bis hinten bedienen ließen.

Die Haushaltshilfe schuftete rund um die Uhr, alle freien Tage wurden gestrichen. Als sie nach der Abreise der Gäste dafür einen Lohnzuschlag verlangte, wurde es noch schlimmer. Einen Monat stand sie unter Hausarrest, ihr Lohn wurde fortan um zehn Prozent gekürzt und die freien Tage auf zwei pro Monat halbiert – Strafen ihrer Arbeitsgeberin, der die junge Frau völlig rechtlos ausgeliefert war.

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

Victorias Fall, von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in dem Bericht „Mein Schlaf ist meine Pause“ dokumentiert, ist alltäglich in einer Region, in der inzwischen mehr als 23 Millionen Ausländer tätig sind, darunter 2,4 Millionen Haushaltshilfen. Andere angeworbene Frauen machen weitaus extremere Erfahrungen, sie werden geschlagen und gedemütigt, als „Esel“ oder „Tier“ beschimpft, bekommen tagelang nichts zu essen oder werden Opfer sexueller Übergriffe.

Einer 28 Jahren alten indonesischen Hilfe brach ihr Arbeitgeber die Hand, als er ihr den Arm umdrehte. Anschließend weigerte er sich, sein Opfer zum Arzt zu bringen – ein Vorfall, den die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte. Die indonesische Botschaft in Katar gibt an, durchschnittlich fünf bis zehn Haushaltshilfen suchten täglich Schutz in der Mission.

Die sechs superreichen Golfstaaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, die Arabischen Emirate und Saudi-Arabien präsentieren sich gerne als glitzernde Beispiele von Modernität, Zivilisation und Wohlstand inmitten einer Region, die ansonsten von Bürgerkriegen, Gewalt und Fanatismus zerrüttet wird. Ihren Reichtum verdanken sie einerseits dem Öl. Andererseits den Millionen von Arbeitskräften aus Pakistan, Indien, Bangladesch und den südasiatischen Staaten, die schlecht bezahlt und praktisch rechtlos auf den Großbaustellen schuften oder in arabischen Luxusvillen dienen.

Keine andere Weltgegend nutzt Migranten in solchen Dimensionen und mit solchen jährlichen Zuwachsraten. Die meisten arbeiten in Saudi-Arabien, wo sie 35 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In Kuwait liegt der Anteil der Arbeitsmigranten bei 70, in den Kleinstaaten Dubai, Abu Dhabi und Katar sogar zwischen 80 und 90 Prozent.

Jeder Neuankömmling braucht für sein Arbeitsvisum einen einheimischen „Sponsor“, der nach dem dubiosen Kafala-System allmächtig ist. Nach diesem „Sponsorship-System“ können Firmen Arbeiter in sklavenähnlichen Bedingungen halten.

Kommentare (5)

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Herr Horst Meiller

02.12.2014, 20:58 Uhr

Da könnten wir doch glatt noch Einiges lernen!

Herr Horst Meiller

02.12.2014, 21:11 Uhr

Da könnten wir ja glatt noch Einiges lernen!

Herr Horst Meiller

02.12.2014, 21:19 Uhr

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