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29.08.2016

13:48 Uhr

Militäreinsatz in Syrien

Scharfe Kritik der USA an türkischem Vorgehen

Der türkische Militäreinsatz im Norden Syriens hat die kurdischen Rebellen in Aufregung versetzt. Sie rüsten die strategisch wichtige Stadt Manbidsch auf. Doch jetzt schaltet sich auch die USA ein.

Die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellengruppen hatten am Mittwoch die Grenze nach Syrien überquert, um dort gegen den IS zu kämpfen, aber auch, um zu verhindern, dass kurdische Rebellen weitere Gebiete von den Dschihadisten erobern. dpa

Türkisches Militär in Syrien

Die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellengruppen hatten am Mittwoch die Grenze nach Syrien überquert, um dort gegen den IS zu kämpfen, aber auch, um zu verhindern, dass kurdische Rebellen weitere Gebiete von den Dschihadisten erobern.

Ankara/BeirutDer türkische Militäreinsatz im Norden Syriens stößt bei den USA auf scharfe Kritik. Die Gefechte zwischen den Soldaten und syrischen Oppositionsgruppen seien inakzeptabel, erklärte der US-Sondergesandte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, am Montag auf Twitter. Er rief alle bewaffneten Parteien dazu auf, ihre Feindseligkeiten einzustellen und sich auf den Kampf gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat zu konzentrieren. In der strategisch wichtigen Stadt Manbidsch bereiten sich angesichts des Vorrückens von der Türkei unterstützter Rebellen kurdische Kämpfer auf Gefechte vor. Ein Sprecher der Kurdenmiliz YPG warf der Regierung in Ankara vor, Gebiete in Syrien besetzen zu wollen.

Zurzeit werde die kürzlich vom IS eroberte Stadt von örtlichen Rebellengruppen aufgerüstet, sagte ein Kurdensprecher. Auch in der Stadt Dscharablus an der Grenze zur Türkei würden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Die einflussreiche Kurdenmiliz YPG ist nach Angaben einer ihrer Sprecher daran aber nicht beteiligt. Sie bleibe östlich des Flusses Euphrat. Aus Sicherheitskreisen war verlautet, YPG-Kämpfer brächten Waffen und Personal in die Stadt.

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

Manbidsch liegt am Westufer des Euphrats. Erst in diesem Monat hatten Rebellen mit Unterstützung der USA den IS aus der Stadt vertrieben. An den Kämpfen war auch die YPG beteiligt. Am Sonntag sagte ein Kommandeur der von der Türkei unterstützten Rebellenallianz, Kämpfer rückten auf die Stadt vor, um sie den Kurden wieder abzunehmen. Die YPG ist der militärische Arm der syrischen Partei PYD, die wiederum ein Ableger der in der Türkei verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK ist.

Die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellengruppen hatten am Mittwoch die Grenze nach Syrien überquert, um dort gegen den IS zu kämpfen, aber auch, um zu verhindern, dass kurdische Rebellen weitere Gebiete von den Dschihadisten erobern. Die Türkei befürchtet, dass ansonsten kurdische Aufständische im eigenen Land erstarken.

Wer kämpft gegen wen im Norden Syriens?

Idlib

Die Provinz im Nordwesten des Landes wird von dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah kontrolliert, das aus verschiedenen moderaten bis radikalen Gruppen besteht. Darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Das syrische Regime fliegt mit seinen Verbündeten – zu denen unter anderem Russland gehört – Luftangriffe auf Stellungen der Aufständischen. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

Aleppo

Die einstige Handelsmetropole ist seit Jahren zwischen Regime und verschiedenen Rebellengruppen geteilt. Die Regierung kontrolliert den Westteil der Stadt. Die Aufständischen im Osten gehören einem weiten Spektrum zwischen extremistisch, islamistisch bis hin zu moderat an. Einige werden auch von den USA unterstützt. Das gilt auch für die kurdischen Kämpfer, die einige Viertel im Norden der Stadt kontrollieren. Westlich und südwestlich Aleppos herrscht das Bündnis Dschaisch al-Fatah, das auch die Provinz Idlib kontrolliert.

Grenzregion bei Dscharablus

Nach der Invasion der türkischen Armee zusammen mit Rebellengruppen am Mittwoch eroberten die Kräfte westlich des Euphrat die Grenzstadt Dscharablus von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Dschihadisten halten immer noch einige Gebiete an der Grenze zur Türkei, darunter die Stadt Al-Bab.

Die Kurdenmiliz YPG hatte die strategische Stadt Manbidsch vor wenigen Wochen vom IS befreit und war vom Osten her weit in das Gebiet der Extremisten vorgerückt. Dies ist der Türkei ein Dorn im Auge, weil die Kurdenmiliz YPG der bewaffnete Arm der Kurdenpartei PYD in Syrien ist. Bei der PYD wiederum handelt es sich um den Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Der Nordosten

Die Kurden unter Führung ihrer Partei PYD haben im östlichen Teil der Provinz Aleppo sowie den Landesteilen Al-Rakka und Hasaka eine zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle geschaffen. In dem mehrere hundert Kilometer langen Streifen an der türkischen Grenze haben sie eine Selbstverwaltung ausgerufen. Die Kurden schienen sich trotz zeitweiser Gefechte mit Regimetruppen in zwei Enklaven arrangiert zu haben. Allerdings kam es zuletzt zu ungewöhnlich heftigen Kämpfen, die erst mit einer Waffenruhe eingedämmt werden konnten.

Außenminister Mevlüt Cavusoglu warf der YPG „ethnische Säuberungen“ vor. Sie wolle ihre Anhänger in den vom IS eroberten Gebieten ansiedeln. „Die Menschen, die gezwungen waren zu fliehen, sollten zurückkehren und dort leben. Aber das ist nicht das Ziel der YPG.“ Deswegen sei die Miliz gegen das türkische Vorgehen in Syrien. Allein binnen der vergangenen 24 Stunden griff die türkische Armee 16 Ziele im Norden Syriens an, wie aus Militärkreisen verlautete. Dabei seien „Terrorgruppen“ attackiert worden. Es blieb offen, ob damit die YPG oder der IS gemeint war.

Von

rtr

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