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01.02.2016

18:58 Uhr

Minderjährige Flüchtlinge verschwunden

Vom Flüchtlingskind zum Kindersklaven?

Bis zu 10.000 Flüchtlingskinder sind in den vergangenen zwei Jahren verschwunden. Die europäische Polizeibehörde Europol befürchtet, dass Schlepper Kinder versklaven oder sexuell ausbeuten.

Schätzungsweise rund 10.000 allein reisende Flüchtlingskinder sind in den vergangenen zwei Jahren verschwunden. dpa

Minderjährige Flüchtlinge

Schätzungsweise rund 10.000 allein reisende Flüchtlingskinder sind in den vergangenen zwei Jahren verschwunden.

Rom/StockholmErst bringen Schlepper Flüchtlingskinder auf gefährlichen Wegen nach Europa. Dann versklaven sie sie oder beuten sie sexuell aus. Diese Horrorvision könnte nach Angaben der europäischen Polizeibehörde Europol für viele Minderjährige auf der Flucht Wirklichkeit sein.

Nach einer vorsichtigen Schätzung sind in den vergangenen zwei Jahren 10 000 alleinreisende Flüchtlingskinder in Europa verschwunden, die Hälfte davon nach ihrer Ankunft in Italien.

Doch auch in Schweden fehlt von vermutlich mehr als 1000 Kindern jede Spur. Manche der Vermissten dürften bei Verwandten angekommen sein, meint Europol. Doch die Ermittler haben auch Beweise dafür, dass andere in die Hände von Kriminellen geraten sind.

Die meisten der in Italien vermissten Kinder stammen aus Eritrea, Somalia und Syrien, sagte Viviana Valastro von der Hilfsorganisation „Save the Children“ der Deutschen Presse-Agentur. „Sie sagen uns schon bei ihrer Ankunft in Süditalien, dass sie da nicht bleiben wollen, sondern andere Länder als Ziel haben.“

Viele reisten illegal auf Zügen zunächst nach Rom, andere würden von den Schleppern, die sie nach Europa gebracht hätten, weitertransportiert. „Dadurch werden die Schulden, die sie anhäufen und abzahlen müssen, immer größer.“

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Im vergangenen Jahr hatte „Save the Children“ einen Bericht mit dem Titel „Kleine unsichtbare Sklaven – Die jungen Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung“ veröffentlicht. Denn nicht allen gelingt die Einwanderung in ein anderes Land, viele bleiben in den Fängen der Schlepper gefangen.

Vor allem Mädchen aus Nigeria, die der brutalen Gewalt der islamischen Terrormiliz Boko Haram entkommen sind, würden nun in Italien gezwungen, sich zu prostituieren. Andere Kinder, oft aus Ägypten, würden auf Märkten und in Autowaschanlagen Roms hemmungslos ausgenutzt und verrichten schwerste Arbeiten für einen Hungerlohn.

Die meisten Jugendlichen, denen es gelinge, nach der Ankunft in Italien spurlos zu verschwinden, seien zwischen 15 und 17 Jahre alt, betonte Valastro. Oft seien es die ältesten Söhne, die von den Eltern als eine Art „Investition“ in ein besseres Leben nach Europa geschickt würden. Ziel seien fast immer Familienmitglieder in Nordeuropa, in Großbritannien und in Deutschland etwa.

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