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06.07.2013

03:57 Uhr

Mindestens 30 Tote

„Tag des Zorns“ wurde zu Nacht der Gewalt

VonMartin Gehlen

Die Lage in Ägypten nach dem Sturz des Präsidenten Mursi ist explosiv. Bei stundenlangen Straßenkämpfen seiner Anhänger und Gegner gab es mindestens 30 Tote und Hunderte Verletzte. Das Militär kämpfte gegen das Chaos.

KairoDer Sturz des Präsidenten Mohammed Mursi hat in Ägypten eine neue Welle von Protesten und Gewalt ausgelöst: In Kairo, Alexandria sowie zahlreichen Städten im Nildelta und Oberägypten gab es blutige Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi.

An der Nil-Corniche nahe dem Tahrir-Platz gab es am Abend drei Stunden lang wüste Krawalle und Schießereien, an denen zeitweise sich tausende Menschen beteiligten. Durch Wohnviertel im Stadtzentrum hallten am Abend Schüsse aus automatischen Waffen. Dem Gesundheitsministerium zufolge sind bis am Abend mindestens dreißig Menschen getötet worden, mehrere Hundert wurden verletzt.

Das Militär hatte zudem einen weiteren hochrangigen Vorsitzenden der Muslimbrüder festgenommen, wie die Organisation auf Twitter bekannt gab. Chairat al-Schater war der stellvertretende Führer und Hauptfinanzier der Muslimbruderschaft.

Zuvor griff die Armee in die Proteste ein. Vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garden in Kairo, die für den Schutz Mursis zuständig waren, feuerten Elitesoldaten auf die Anhänger des gestürzten Präsidenten. Drei Menschen starben, mehrere wurden verletzt. Den ganzen Tag über waren Hunderttausende Islamisten in zahlreichen Städten unter dem Motto „Freitag der Ablehnung“ auf die Straße gegangen.

Tote bei Demonstration in Kairo

Video: Tote bei Demonstration in Kairo

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Auf dem Gelände rund um die Rabaa al-Adawiya Moschee im Stadtteil Nasr City, wo die Islamisten weiterhin zu Tausenden campieren, erschien überraschend der Chef der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie.

„Millionen werden auf den Plätzen ausharren, bis wir Präsident Mohammed Mursi auf unseren Schultern ins Amt zurücktragen“, rief er der jubelnden Menge zu und forderte die Armee auf, in ihre Kasernen zurückzukehren. Unklar ist, wie Badie zu dem Versammlungsort gelangen konnte, nachdem die Militärführung am Vortrag behauptet hatte, man habe ihn in seinem Privathaus in Marsa Matroush am Mittelmeer festgenommen.

Die Führung der „Nationalen Rettungsfont“, der Dachverband der Opposition, trommelte unter dem Motto „Rettet die Revolution vom 30. Juni“ zehntausende Anhänger auf den Tahrir-Platz zusammen. Die Armeeführung ließ den ganzen Abend Hubschrauber über der Innenstadt kreisen.

Auf dem Sinai griffen Bewaffnete mehrere Kontrollpunkte der Streitkräfte mit Gewehren und Panzerfäusten an. Zwei Soldaten starben, als sie von Attentätern auf einem Motorrad unter Feuer genommen wurden. Beschossen wurde auch der Flughafen von El-Arish im Norden der Halbinsel. Die Behörden verhängten laut Staatsfernsehen Ausgangssperren in zwei Orten im Norden der Halbinsel an der Grenze zum Gazastreifen und zu Israel. Das Militär dementierte die Ausgangssperren.

Derweil löste der am Donnerstag vereidigte Interim-Präsident Adly Mansour in seinem ersten Dekret den Shura-Rat auf, das bisherige Übergangsparlament, in dem Muslimbrüder und Saalfisten eine Zweidrittel-Mehrheit hatten. Nach Angaben aus Justizkreisen soll der unter Arrest gestellte Präsident Mohammed Mursi bereits nächste Woche vor einem Untersuchungsrichter erscheinen. Ihm wird „Beleidigung der Justiz“ vorgeworfen. Die Vereinigten Staaten und die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, forderten die Armee zur Zurückhaltung auf.

Kommentare (16)

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hiki31

05.07.2013, 18:15 Uhr

Die Anhänger des ehemaligen Diktators Mubarak und seine Generäle sind nicht mal bereit eine demokratisch gewählte Regierung ein Jahr zu dulden und untergraben ein fünkschen Hoffnung auf Demokratie in Ägypten.

Das Parlament wird geschlossen, Fernsehsender verboten, Ausgangssperre verhängt, Auf Demonsranten scharf geschossen.

Erst vom Wähler demokratsich gewählte Regierung entmachten. Die Opposition, die keinen Wählerauftrag hat, mit Militärputsch durch die Hintertür die Regierung übergeben und von Eineit und Versöhnung zu reden und auf Demonsranten scharf schießen.

Eine freidliche Lösung wird es womöglich nur geben, wenn die Generäle die Macht umgehend an das Wahlvolk zurückgeben. Woher wollen die Putschisten wissen, dass ein Präsident, der vor einem Jahr noch die große Mehrheit der Wähler hinter sich hatte, diese Mehrheit nicht mehr hat?

So ist das Gesicht der Putschisten. Dank Erdogansverfassungsreform uund die Verhaftung der Putschgeneräle ist die Demokrati unumkehrbar geworden. Sonst würden die Sicherheitskräfte die gewalttätige Proteste in Gezi Park mit scharfe Munution begegnen und nicht mit Wasserwerfern und Peffergas.

Account gelöscht!

05.07.2013, 18:25 Uhr

@hiki31

Ich glaube, Sie sehen die Situation in Ägypten und anderen islamischen Ländern etwas zu unkritisch durch westliche Augen. Mursi ist kein Demokrat, auch wenn er einigermaßen demokratisch an die Macht kam (abgesehen davon, daß er eine US-Marionette ist). Ein anderer (Ex)Moslembruder, der türkische Premier Erdogan hat das Demokratieverständnis von Islamisten so beschrieben:

”Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Minarette sind unsere Bajonette… die Moscheen sind unsere Kasernen.”

Hitler hat es (den ersten Satz) wohl ähnlich gesehen. Er wurde demokratisch gewählt und das war es dann.

Wahre Demokratie ist nur unter Einhaltung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Grundsätze/Grundprinzipien möglich - alles andere ist die Diktatur einer Mehrheit. Anders ausgedrückt, ein Rudel Wölfe und ein Schaf stimmen demokratisch darüber ab, was es zum Abendessen gibt. Das ist nicht meine Vorstellung einer idealen Regierungsform.

beobachter

05.07.2013, 18:31 Uhr

hochgeputscht lösen der Herr von Mubaraks Gnaden das Parlament mal so eben auf: das ist der Herbst der Demokraten, mit dem die Militärs nochmal nachtreten.
Tja, wenn der Westen erkennen muß, was er da angerichtet hat, da bleibt kein Auge trocken.

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