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01.10.2015

20:18 Uhr

Mit Hilfe des Iran

Assad plant Bodenoffensive

Der Kampf gegen die Terrormiliz IS in Syrien spitzt sich zu: Offenbar plant der syrische Machthaber Baschar al-Assad eine Bodenoffensive gegen die Islamisten. Hilfe bekommt er dabei vom Iran, Russland und der Hisbollah.

Im Kampf gegen den IS setzt Assad offenbar nun auf die Unterstützung des Iran. ap

Verbündeter

Im Kampf gegen den IS setzt Assad offenbar nun auf die Unterstützung des Iran.

Moskau/BeirutDie syrische Armee bereitet offenbar mit Unterstützung iranischer Soldaten, der libanesischen Hisbollah-Miliz und der russischen Luftwaffe eine großangelegte Offensive im Norden des Landes vor. Der Iran habe dazu in den vergangenen zehn Tagen Hunderte Soldaten nach Syrien entsandt, sagten zwei libanesische Insider der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Der geplante Vorstoß am Boden solle die russischen Luftschläge gegen Rebellenstellungen ergänzen. Trotz wachsender Kritik setzten russische Kampfjets ihre Angriffe in Syrien den zweiten Tag in Folge fort. Die irakische Regierung erklärte, sie würde russische Angriffe auf Stellungen der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) auch auf ihrem Territorium begrüßen.

US-Präsidialamtssprecher Josh Earnest sagte, Russlands Eingreifen berge das Risiko, dass sich der Syrien-Konflikt noch länger hinziehen werde. Sollten zudem die Berichte über iranische Truppen in Syrien zutreffen, wäre dies ein Zeichen, dass die russischen Luftangriffe den Konflikt verschlimmert hätten.

Russland fliegt zur Unterstützung von Präsident Baschar al-Assad seit Mittwoch Angriffe in Syrien. „In Kürze sollen die Luftschläge durch eine Bodenoffensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten ergänzt werden“, verlautete aus den libanesischen Kreisen. „Die Vorhut der iranischen Bodentruppen ist in Syrien eingetroffen: Soldaten und Offiziere, die an den Kämpfen teilnehmen sollen“, sagten die Insider. Es handele sich um Hunderte Bewaffnete, denen weitere folgen sollten. Auch die vom Iran unterstützte Hisbollah werde sich beteiligen. Ziel sei es, Gebiet zurückzugewinnen, über das die Regierung in Damaskus jüngst die Kontrolle verloren habe.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Der Kommandeur der Rebellengruppe Liwa Sukur al-Dschabal, Hassan Hadsch Ali, sagte Reuters, ihr Lager in der Idlib-Provinz sei bei zwei russischen Angriffen von rund 20 Raketen getroffen worden. Dabei habe es Verwundete gegeben. Damit berichteten insgesamt drei Gruppe, die zur Freien Syrischen Armee zählen, von russischen Luftangriffen. Der US-Geheimdienst CIA unterstützt die Rebellen-Kämpfer, die er teils in Katar ausgebildet hat.

Das Verteidigungsministerium in Moskau räumte ein, dass die Angriffe sich nicht nur gegen IS-Stellungen richteten. „Die Ziele werden in Zusammenarbeit mit dem syrischen Militär in Syrien ausgewählt“, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow. Die russische Luftwaffe erklärte der Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf die Auswertung der ersten Angriffe allerdings, es seien nur Ziele der Islamisten-Gruppe getroffen worden.

Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi zeigte sich am Rande der UN-Vollversammlung in New York offen für russische Einsätze auch in seinem Land. „Wir würden das begrüßen“, sagte er dem Sender France 24. Von der bisherigen Luftunterstützung durch die US-geführte Allianz sei er enttäuscht. Der Irak habe „massive Luftschläge der internationalen Koalition, der Amerikaner erwartet“, sagte Abadi. „Das haben wir nicht erhalten.“ Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte, Pläne zur Ausweitung der Angriffe auf den Irak gebe es bislang nicht. „Wir sind, wie Sie wissen, höfliche Menschen“, sagte Lawrow in New York vor Journalisten. „Wenn wir nicht eingeladen werden, kommen wir auch nicht.“

Die syrischen Flüchtlinge und die Nachbarstaaten

Fast vier Millionen Flüchtlinge

Der syrische Bürgerkrieg hat sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Mehr als 3,8 Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, seit vor vier Jahren der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begann. Die meisten von ihnen sind in den Nachbarländern untergekommen und haben diese damit vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt. Viele von ihnen sind nirgendwo registriert. Hier ein Überblick über die Situation. (Quelle: AP)

Libanon

1,2 Millionen Flüchtlinge sind registriert. In den oft spontan errichteten Notunterkünften werden jedoch noch zahlreiche weitere Vertriebene vermutet. Mit einer ursprünglichen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen ist der Libanon damit nach Angaben der Vereinten Nationen das Land mit der höchsten Flüchtlingsquote der Welt. Die Regierung in Beirut hat aus Furcht um die innere Stabilität des Landes eine Reihe von Beschränkungen für Syrer verhängt. Eine der wichtigsten ist die Visumpflicht.

Jordanien

Nach offiziellen Angaben sind 625 000 Syrer nach Jordanien geflohen. Viele Flüchtlingslager stehen direkt an der Grenze zu Syrien, andere in der Nähe von Großstädten. Im größten Lager, Sataari, leben etwa 84 000 Flüchtlinge unter direkter Verwaltung der Regierung und der Vereinten Nationen.

Türkei

Der nördliche Nachbar Syriens hat 1,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Die Regierung hat 21 Flüchtlingslager errichtet, zu denen auch Schulen und medizinische Einrichtungen gehören.

Irak

Der Irak wird selbst von einem Bürgerkrieg erschüttert. Trotzdem hat er 245 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die meisten von ihnen sind Kurden, die in die von ihren Stammesverwandten bewohnten Gegenden im Nordirak gezogen sind. Zehntausende hausen in Zeltstädten oder eilig aus dem Boden gestampften Baracken. Die Regierung der weitgehend autonomen Kurdenregion im Irak erlaubt den Flüchtlingen eine große Freizügigkeit. Einige haben Arbeit und Wohnungen in Städten gefunden.

Ägypten

Die Regierung in Kairo geht nach eigenen Angaben von 136 000 Bürgerkriegsflüchtlingen aus. Doch selbst Beamte schätzen, dass hunderttausende Syrer im Land leben, die nicht registriert sind.

Durch das Eingreifen Russlands in den Konflikt in Syrien sind nach Darstellung von Diplomaten die Karten in dem seit etwa vier Jahren anhaltenden Bürgerkrieg neu gemischt worden. „Damaskus ist aus dem Schneider“, sagte ein Insider, der namentlich nicht genannt werden wollte. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte auf einer Veranstaltung in Halle, eine Lösung in Syrien könne es nur mit Russland geben.

Die Bombardierung im Irak ist der erste Kampfeinsatz der russischen Armee außerhalb der ehemaligen Sowjetunion seit dem Afghanistan-Krieg in den 80er-Jahren. Er bedeutet zugleich eine deutliche Eskalation der Krise, bei der etwa 250.000 Menschen ums Leben gekommen sind und mehr als elf Millionen weitere in die Flucht getrieben hat, zum Teil auch nach Deutschland.

Von

rtr

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