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10.09.2014

09:19 Uhr

Mittlerer Osten

Racheakte gegen Sunniten im Nordirak

Die Kluft zwischen den Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak wächst. Die Gruppen nutzen die US-Luftangriffe zu ihren eigenen Zwecken und bekämpfen sich gegenseitig. Die kurdischen Peschmerga stehen wieder allein da.

Ein kurdische Peschmergakämpfer am Stadtrand von Kirkuk im Nordirak: Mit Hilfe der USA haben die Peschmerga die IS in die Defensive gezwungen. dpa

Ein kurdische Peschmergakämpfer am Stadtrand von Kirkuk im Nordirak: Mit Hilfe der USA haben die Peschmerga die IS in die Defensive gezwungen.

Suleiman BegDie verwesenden Leichen liegen auf Plastikplanen am Rande einer Straße im Nordirak. Ein paar Leute stochern auf der Suche nach einer Spur von vermissten Freunden oder Verwandten durch die menschlichen Überreste. Vergangene Woche hatten kurdische Kämpfer und Schiitenmilizen Suleiman Beg von der extremistischen Bewegung Islamischer Staat (IS) zurückerobert.

Nun haben manche Einheimische Spaten mitgebracht, um das Massengrab nahe dem Ort freizulegen. An einem Feuerzeug in der Brusttasche identifiziert Dschomaa Dschabratollah die Leiche eines Freundes. „Sie (IS) haben ihn abgeschlachtet, bloß weil er ein Schiit war“, sagt er, während er die sterblichen Überreste in einen Sarg zerrt. „Wir müssen uns rächen“.

Mit Hilfe der USA und des Iran haben die Peschmerga und die Schiitenmilizen inzwischen die radikalen Islamisten in die Defensive gebracht, die vor knapp drei Monaten in einem rasanten Vormarsch fast alle Sunniten-Gebiete im Norden und dem Zentrum des Irak unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Doch die seit einigen Wochen laufenden US-Luftangriffe auf die IS-Stellungen haben auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen: Denn während Kurden und Schiiten Boden gutgemacht haben, können viele vertriebene Sunniten aus Furcht vor den neuen Herren nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Einige Häuser von Sunniten wurden bereits geplündert und gebrandschatzt.

Der IS-Siegeszug – Chronik Teil 1

6. Januar 2014

Im Irak und in Syrien dehnt die Miliz Islamischer Staat (IS) ihr Terrorregime auf immer mehr Orte aus. IS gewann 2013 an Einfluss, als der Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit sunnitischen Parteien eskalierte. Am 6. Januar besetzen IS-Rebellen Falludscha in der Provinz Anbar.

21. März 2014

IS liefert sich in der Provinz Dijala Kämpfe mit der Armee.

11. April 2014

Vor Gefechten in Anbar fliehen mehr als 400.000 Menschen.

10. Juni 2014

IS-Kämpfer nehmen Mossul ein. Im türkischen Konsulat werden fast 50 Geiseln genommen. Dazu kommen über 30 entführte türkische Lastwagenfahrer. Rund 500.000 Einwohner der Millionenstadt fliehen.

11. Juni 2014

IS kontrolliert weite Teile des Iraks. Dazu gehören Ninive, Anbar und Salaheddin mit den wichtigen Städten Baidschi und Tikrit.

12. Juni 2014

IS rückt weiter Richtung Bagdad vor. Regierungschef Nuri al-Maliki scheitert im Parlament mit dem Versuch, den Notstand ausrufen zu lassen.

13. Juni 2014

US-Präsident Barack Obama schließt ein Eingreifen von US-Bodentruppen aus, Washington bereite „andere Optionen“ vor. Auch Irans Präsident Hassan Ruhani sichert der schiitischen Regierung des Iraks Solidarität im Kampf gegen sunnitische Terroristen zu.

15. Juni 2014

Nachdem irakische Armee und kurdische Peschmerga-Kämpfer den Vormarsch der Dschihadisten gebietsweise stoppen konnten, führt IS den Kampf mit Videos und Fotos grausamer Exekutionen auch im Internet.

20. Juni 2014

Zweieinhalb Jahre nach Ende des Irak-Kriegs bereiten sich die USA auf neue Militärschläge im Land vor. Luftangriffe gegen IS-Rebellen sind nicht mehr ausgeschlossen. Außerdem seien die USA bereit, bis zu 300 Militärberater ins Land zu schicken.

24. Juni 2014

Angesichts des IS-Vormarsches wollen verfeindete Schiiten, Sunniten und Kurden im Irak rasch eine gemeinsame Regierung bilden. Al-Maliki lehnt diese ab und verschärft damit die Krise.

Eigentlich sollten die US-Luftangriffe der Einigung des Irak dienen. Stattdessen besteht nun die Gefahr, dass die einzelnen Volksgruppen die Lage ausnutzen, um sich gegenüber ihren Gegnern in den zahlreichen ethnischen Konflikten einen Vorteil zu verschaffen. Damit drohen die Zerwürfnisse zwischen Sunniten und Schiiten, die den Aufstieg von IS im Irak erst möglich machten, noch tiefer zu werden. Dies könnte es den USA und dem irakischen Zentralstaat erschweren, die Sunniten im Kampf gegen die radikalen Islamisten auf die eigene Seite zu bringen.

Ein besonders großer Schlag gegen den IS gelang dem ungewöhnlichen Bündnis aus Peschmerga, Schiitenmilizen und der US-Luftwaffe, als es vergangene Woche den Belagerungsring um die schiitisch-turkmenische Stadt Amerli durchbrach. Zugleich wurden die Islamisten auf 25 nahe gelegenen sunnitischen Dörfern und Städten vertrieben. Doch die Lage entwickelte sich anders, als es die USA erwarteten: Über den sunnitischen Dörfern stehen nun Rauchwolken, wo Häuser niedergebrannt wurden. Andere Gebäude sind verlassen, an ihren Wänden sind sunnitenfeindliche Sprüche zu lesen.

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