Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2015

16:15 Uhr

Möglicher Euro-Austritt

„Tsipras-Regierung ist größte Gefahr für Griechenland“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer neue griechische Premier Alexis Tsipras sucht die Machtprobe mit Europa und löst damit ein Börsen-Beben in Athen aus. Ein deutscher Top-Ökonom warnt bereits: Das Land könnte sich so selbst aus dem Euro katapultieren.

Neuer griechischer Premier Alexis Tsipras: Radikaler Politikwechsel könnte dazu führen, dass Investitionen ins Ausland verlagert werden, warnen Experten. dpa

Neuer griechischer Premier Alexis Tsipras

Neuer griechischer Premier Alexis Tsipras: Radikaler Politikwechsel könnte dazu führen, dass Investitionen ins Ausland verlagert werden, warnen Experten.

BerlinNach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, ist das Risiko eines Euro-Austritts Griechenlands mit der neuen griechischen Regierung unter Premier Alexis Tsipras eher gestiegen als gesunken. „Die größte Gefahr für Griechenland heute ist, dass die neue Regierung das Land unbeabsichtigt selbst aus dem Euro wirft“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Die Drohungen der griechischen Regierung, einen Schuldenschnitt vorzunehmen seien ein „gefährliches Spiel“.

Das einzige was Tsipras damit erreichen werde, sei, dass er die Bevölkerung und die eigene Wirtschaft verängstige und damit dazu treibe, ihre Ersparnisse und Investitionen ins Ausland zu verlagern. „Wenn sich die bereits begonnene Kapitalflucht fortsetzt, wächst die Gefahr einer erneuten Banken- und Wirtschaftskrise in Griechenland, die letztlich Griechenland zu einem Austritt zwingen könnten“, warnte der DIW-Chef.

Was der „Grexit“ bedeuten würde

Worum geht es?

Dem griechischen Parlament ist es nicht gelungen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Deshalb stehen am 25. Januar Neuwahlen an. Nach Umfragen könnte die linkspopulistische Partei Syriza die künftige Regierung anführen. Deren Chef Alexis Tsipras gilt als Gegner der Sparauflagen der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission. Er will im Falle eines Wahlsieges Griechenlands Sparpolitik beenden und einen Schuldenerlass verlangen. Die Griechen könnten keine Sozialkürzungen mehr ertragen. (Quelle: dpa)

Wie reagiert das Ausland?

Die Bundesregierung pocht auf Erfüllung griechischer Spar- und Reformzusagen. Man erwarte von der griechischen Regierung – „egal wer sie stellt – dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Montag). Mit anderen Worten: Hält sich Athen nicht an die Vereinbarungen, dreht die Troika den Geldhahn zu.

Was würde das bedeuten?

In der Folge würde die EZB griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten für Zentralbankgeld akzeptieren, so dass griechische Banken von der Versorgung mit Euro abgeschnitten würden. Das könnte das Ende Griechenlands als Mitglied des Währungsraums bedeuten. Das Land müsste eine eigene Währung einführen, die schwächer als der Euro wäre. Das würde die Rückzahlung von Schulden zusätzlich erschweren.

Kann Europa Griechenland aus der Eurogruppe werfen?

Nein. Das sehen die europäischen Verträge nicht vor. Deshalb wird wieder vermehrt über einen „Grexit“ diskutiert: Das Wort setzt sich aus „Greece“ und „exit“ zusammen und meint, dass Griechenland selbst seinen Austritt aus der Eurozone erklärt. Auch das wäre Neuland für das Eurosystem, das für einen solchen Schritt keine Regelungen kennt. Auch deshalb warnen Ökonomen wie Clemens Fuest, Chef des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): „Ein Austritt wäre mit erheblichen Risiken behaftet, vor allem für Griechenland selbst, aber auch den Rest der Eurozone.“ Er würde es daher vorziehen, wenn Griechenland im Euroraum bliebe und seine Reformanstrengungen verstärke, sagte Fuest der „Rheinischen Post“ (Montag).

Was würde der „Grexit“ Deutschland kosten?

SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider schätzt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands Deutschland 30 Milliarden Euro oder mehr kosten könnte. „Wir haben fast 240 Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben, um sie zu stabilisieren und im Euro zu halten“, sagte Schneider der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem Umstieg auf die Drachme könne Athen das nicht zurückzahlen.

Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro. Diesen Berg könnte das Land im Falle eines Austritts nicht mehr abtragen. „Die Politiker in Geberländern wie Deutschland müssten ihren Wählern erklären, dass die Hilfskredite anders als stets behauptet verloren sind“, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Das wäre sehr unpopulär und würde eurokritische Parteien wie die AfD stärken.“

Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Schuldenkrise zurückkehrt?

Experten halten das Risiko eines Flächenbrands für gering - auch deshalb, weil ausländische Banken ihr Engagement in Griechenland in den vergangenen Jahren tendenziell verringert haben. Die Bundesregierung hält einen „Grexit“ einem „Spiegel“-Bericht zufolge inzwischen für verkraftbar. Denn anders als beim Schuldenschnitt 2012 haben EU und EZB inzwischen Brandmauern eingezogen. Dazu gehört der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM), der Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen kann. Die EZB hat ihre Geldpolitik extrem gelockert und versprochen, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu retten. Dadurch ist Vertrauen an den Finanzmärkten zurückgekehrt. Zudem haben Länder wie Spanien, Irland oder Portugal Reformen durchgesetzt, ihre Volkswirtschaften gesunden.

Wie wahrscheinlich ist der „Grexit“?

Das kann niemand vorhersagen. Noch gehen Ökonomen eher davon aus, dass Syriza die Wahlen entweder verlieren und die bisherige Regierung unter der Führung der konservativen „Neuen Demokratie“ Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung fortsetzen wird – oder dass Tsipras zwar die Wahl gewinnt, dann aber von Wahlversprechen abrückt. „Er verspricht, Geld auszugeben, das er nicht hat und das ihm niemand leihen würde“, erklärt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schätzt das „Grexit“-Risiko auf 30 Prozent.

Hinter der Einschätzung steht auch die Befürchtung, dass die neue Regierung von ihrer bislang unnachgiebigen Haltung bei Sparkurs und Schuldenschnitt nicht abrückt. Danach sieht es derzeit aus. Zum Amtsantritt bekräftigte Tsipras seine Wahlversprechen vehement. Der Regierungschef sprach am Mittwoch zum ersten Mal vor seinem Kabinett.

Im Umgang mit dem enormen Schuldenberg will die Tsipras-Regierung demnach die für das Volk als katastrophal bezeichnete Sparpolitik stoppen. So sollen entlassene Staatsbedienstete wieder eingestellt, der Mindestlohn in der Privatwirtschaft angehoben und die für das Sparprogramm gestrichene 13. Monatsrente (Weihnachtsgeld) wieder aufgelegt werden. Das Privatisierungsprogramm soll ausgebremst werden, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

Damit dreht die Regierung die Reformen, die für Finanzhilfen zugesagt worden waren, teilweise zurück. Trotzdem will Athen „keinen Bruch“ mit den Geldgebern, allerdings auch „keine Unterwerfung“ dulden, wie Tsipras sagte. Die Sparpolitik werde aber gestoppt. Die Finanzmärkte des Landes stürzten daraufhin regelrecht ab.

Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Omarius M.

28.01.2015, 20:39 Uhr

Ob was vertraglich vorgesehn ist oder nicht ist unrelevant..... sah man ja an der No bail out geschichte... notfalls verlegen die D ihren geldbeutel und dann ist eh Ebbe.,... denke mal die andern staaten werden das nicht riskiern und GR in dem fall dann schon aus eigeninteresse den Austritt nahelegen..^^

Herr Christoph Weise

29.01.2015, 00:23 Uhr

Die Experten argumentieren wie die Weltmeister aus der Sicht der EU und diese lautet: Griechenland kann nicht austreten. Wenn man ein wenig ehrlich wäre, würde man einräumen wie problematisch der GREXIT für die EU wäre. Ohne Schulden und mit eigener Währung könnte Griechenland den erfolgreichen Weg Islands nachzeichnen. Deswegen hat Tsipras ein gutes Blatt in der Hand. Dies wird er vermutlich ausspielen. Vielleicht kann er auch die Zustimmung zu den Russland Sanktionen teuer an Brüssel verkaufen.

Herr Joachim Buch

29.01.2015, 07:48 Uhr

Was ich vermisse, seitens der "Wirtschaftsexperten" wie auch der EU, daß man das erste und einzige Factum brutum mal anerkennt: Nämlich daß der Euro grandios gescheitert ist. Und zwar auf ALLE Staaten des Noch-Euro-Raums gesehen. Wenn dies als gegeben akzeptiert ist, kann man sich um die Behandlung der Einzelfälle dann Gedanken machen und die Maßnahmen auf die einzelnen Länder abstimmen. Aber wenn ich immer die Argumente von Fratzscher lese, einem Mann, der noch NIE irgend etwas in der Wirtschaft gearbeitet hat, dann wird mir übel.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×