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06.05.2013

13:46 Uhr

Mohamed Abdi Hassan

Vom Oberpiraten zum Friedensstifter

Früher war er selbst Seeräuber, einer der mächtigsten sogar. Doch der Somalier Mohamed Abdi Hassan hat die Seiten gewechselt: Nun hilft er anderen Freibeutern dabei, der Piraterie auch den Rücken zu kehren.

Das Piratenboot im Golf von Aden kurz vor der Festnahme durch die Fregatte „Rheinland-Pfalz“. Bei einem spektakulären Einsatz vor der Küste Somalias hat die deutsche Marine erstmals Piraten festgesetzt (Archivaufnahme vom 03.03.2009). dpa

Das Piratenboot im Golf von Aden kurz vor der Festnahme durch die Fregatte „Rheinland-Pfalz“. Bei einem spektakulären Einsatz vor der Küste Somalias hat die deutsche Marine erstmals Piraten festgesetzt (Archivaufnahme vom 03.03.2009).

MogadischuWie ein gefürchteter Seeräuber sieht Mohamed Abdi Hassan nicht aus. Im strahlend weißen Hemd sitzt der Somalier in einem noblen Hotel im kriegszerstörten Mogadischu und trinkt Tee. Dabei sind Hassan und seine Männer berüchtigt für ihre Überfälle im Indischen Ozean, bei denen sie Millionen Dollar Lösegeld erbeuteten. Hassan sei einer der „einflussreichsten Anführer des Piratennetzwerkes Hobyo-Harardheere“, heißt es in einem UN-Bericht vom vergangenen Jahr. Das ist vorbei, versichert Hassan - inzwischen habe er die Seiten gewechselt.

Er habe die Seeräuberei aufgegeben, beteuert der stämmige Somalier und zieht einen Brief aus der Tasche. Das Dokument soll aus dem Präsidialamt stammen - es weist ihn als „Verantwortlichen im Kampf gegen die Piraterie“ aus. Seine Aufgabe sei es, andere Piraten für einen neuen Lebenswandel zu gewinnen.

In Somalia ist Hassan besser bekannt als Afweyne - „Großmaul“ auf Somali - wie seine Mutter das ständig plärrende Kind angeblich nannte. Auch jetzt spuckt der rund 50-Jährige gerne große Töne: Tausend junge Männer habe er schon dazu bewogen, die Seeräuberei sein zu lassen, sagt er. „Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fern zu halten.“

Bis zu 3500 Kilometer von der somalischen Küste entfernt wüteten die Piraten in den vergangenen Jahren im Indischen Ozean. Einer aktuellen Berechnung der Weltbank zufolge wurden seit 2005 mindestens 315 Millionen Dollar (242 Millionen Euro) Lösegeld bezahlt - eine kleine Summe im Vergleich zu den 18 Milliarden Dollar, die die Piraterie die Weltwirtschaft jährlich kostet. Einer der Großen auf Somalias Gewinnerseite soll Afweyne, der „Abschaum des Meeres“, gewesen sein.

„90 Prozent von dem, was in Somalia zu hören ist, stimmt nicht“, entgegnet der geläuterte Pirat und lacht bei dem Gedanken, dass er als gefährlicher Bandit gilt. Allerdings: „Das heißt nicht, dass ich nichts damit zu tun hatte.“ Nachdem ausländische Fischfangflotten nach dem Sturz von Diktator Mohammed Siad Barre 1991 und dem anschließenden Bürgerkrieg die somalischen Fischgründe geplündert und damit auch sein Fischereiunternehmen ruiniert hätten, sei er unter die Seeräuber gegangen. „Das war legitim, weil es damals keine Regierung gab und wir wie Waisenkinder ohne Vater waren“, sagt Hassan.

Er war unter anderem 2008 am Überfall auf den saudischen Supertanker „Sirius Star“ beteiligt, für dessen Freigabe mehrere Millionen Dollar bezahlt wurden. Auch für Angriffe auf Schiffe mit Nahrungsmittelhilfe für die darbende Bevölkerung soll Hassan mitverantwortlich sein. Sein Sohn gilt ebenfalls als gefürchteter Piratenführer.

Seit Marineschiffe unter dem Kommando von EU, China, Russland und den USA am Horn von Afrika patrouillieren, sank die Zahl der Angriffe von 2011 bis 2012 nach Angaben der Mission EU NAVFOR um 80 Prozent. „Die Patrouillen haben viel Gutes bewirkt, aber wir brauchen auch an Land Anstrengungen“, sagt Afweyne. Den Männern müssten Alternativen geboten werden, damit aus Piraten wieder Fischer oder Bauern oder Händler werden könnten.

Rohstoffe aus Nordafrika

Mali

In dem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, werden Bodenschätze vor allem im Norden vermutet. Abgebaut wird bisher nur Gold, weltweit belegt das Land hier den 18. Rang. Doch in der Region zwischen den bisherigen Islamistenhochburgen Kidal und Gao gibt es auch Uran. "Es handelt sich um eine ähnliche geologische Formation, wie die, die im benachbarten Niger die Uranminen des französischen Atomkonzerns Areva beherbergt", sagte die Afrikaexpertin Gaelle Aerson vor einiger Zeit dem Deutschlandfunk. Erdöl- und Erdgas-Projekte wurden laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) inzwischen wieder eingestellt.

Niger

Das Land stand 2011 bei der Uranproduktion weltweit an vierter Stelle, wie aus einer Energiestudie 2012 der Deutschen Rohstoffagentur hervorgeht. Frankreich, der größte Atomstromproduzent Europas, ist von dem Rohstoff abhängig. Und auch für die französischen Atomwaffen ist Uran unerlässlich. Nach Kasachstan ist Niger für Frankreich das zweitwichtigste Land, um seinen Uran-Bedarf zu decken. Deutschland wiederum deckt einen guten Teil seines Uranbedarfs aus Frankreich.

Im Niger baut der staatliche französische Atomkonzern Areva, 2011 der zweitgrößte Uran-Produzent weltweit, seit 40 Jahren Uran ab. Ende 2014 will Areva dort eine dritte Mine eröffnen, die nach Unternehmensangaben zur zweitgrößten weltweit werden soll. Derzeit sind vier Franzosen, die bei der Uranmine Arlit im Norden des Landes im September 2010 entführt wurden, nach wie vor Geiseln von Al-Kaida in Nordafrika (Aqmi). Neuerdings sichern auch Spezialkräfte der französischen Armee diese Areva-Anlagen. Mit den Minen machte Areva 2011 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro.

Darüber hinaus gibt es im Niger auch Erdöl, das von einer chinesischen Firma gefördert wird. China ist dort auch im Uran-Abbau aktiv.

Algerien

Das nördliche Nachbarland Malis, in dem im Januar ein islamistisches Kommando hunderte Menschen in einer Gasanlage als Geiseln nahm, gehört für die deutsche Wirtschaft unter den zehn wichtigsten Ländern Afrikas für Raffinerieproduktion. Zwar liegen bei der Erdölproduktion weltweit andere Länder wie Saudi-Arabien weit vor Algerien. Doch für das nordafrikanische Land machen der Export von Erdöl, Erdgas und Raffinerieprodukten laut Auswärtigem Amt rund 98 Prozent seiner Deviseneinnahmen aus. Zudem verläuft von dort aus eine wichtige Pipeline zur Versorgung Südeuropas mit Erdgas.

Der Angriff der Islamisten auf das Gasfeld von In Aménas in Südalgerien wurde denn auch als Attacke auf die vitalen Interessen und als Versuch einer Destabilisierung Algeriens angesehen.

Libyen

Ähnlich ist die Lage in Libyen. Auch dort machen Energieexporte fast den gesamten Erlös im Außenhandel aus. Nach dem Umsturz im Jahr 2011 hat sich laut einem Bericht der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft die Erdölproduktion Anfang 2012 wieder weitgehend normalisiert. Die Produktion von Erdöl und Erdgas soll künftig deutlich ausgeweitet werden. Rund 40 Prozent der Landesfläche gelten demnach noch als unerforscht, es werden noch große Vorkommen in Libyen vermutet. Viele Großprojekte stehen wegen der politischen Unsicherheit aber still.

Derzeit vergeht in Libyen kaum ein Tag ohne einen Anschlag oder Angriff von Islamisten, die oft mit Gruppen in Algerien, Mali oder Niger zusammenarbeiten.

Quelle: dpa

Kritiker werfen Afweyne vor, er habe dem Piratentum nur abgeschworen, um das erbeutete Geld nun investieren zu können. Andere vermuten, der Vorwurf seines Clans, die Piraten schadeten dem Ruf Somalias, sei ihm zu Herzen gegangen. Im vergangenen Jahr erhielt er angeblich einen Diplomatenpass - als Anreiz, seine Seeräubermannschaft zu befrieden.

Unabhängig von seiner Motivation - Afweynes Einfluss ist wichtig. Denn die somalische Regierung hat keine Kontrolle über die Regionen, von denen aus die Piraten operieren. Die Überfälle sind zwar rückläufig, doch die somalischen Gewässer gelten noch immer als äußerst gefährlich. Laut dem International Maritime Bureau (IMB) sind derzeit fünf Schiffe und 77 Geiseln in der Hand von Piraten; einige Seeräuber verdienten ihr Geld nun mit Entführungen und Überfällen an Land.

Andere Ex-Piraten schlossen sich Afweynes Initiative an, fordern jedoch konkrete Unterstützung. Viele aus seiner ehemaligen Mannschaft seien nun arbeitslos, sagt der frühere Piratenkapitän Abdullahi Abdi. „Und ein junger hungriger Mann ist zu allem fähig.“

Von

afp

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