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02.02.2006

13:11 Uhr

Mohammed-Affäre

Karikaturen-Nachdrucke in Skandinavien Mangelware

In Skandinavien hüten sich die Zeitungen davor, dem Vorbild ausländischer Blätter wie France-Soir, Welt oder taz zu folgen und die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der Zeitung Jyllands-Posten nachzudrucken. Im Gegenteil: Die Redaktionen gehen auf Distanz zu den dänischen Kollegen.

HB KOPENHAGEN. Der Nachdruck der Zeichnungen war am Donnerstag nach den gewaltigen Protesten aus der islamischen Welt Balsam für Carsten Juste, Chefredakteur beim Urheber „Jyllands-Posten“. „Glücklicherweise passiert jetzt in Europa, wozu sich die anderen Blätter in Dänemark vier Monate lang nicht bequemen konnten“, meinte Juste am Donnerstag in der Konkurrenzzeitung „Politiken“.

Tatsächlich hatte diese wie alle anderen großen Zeitungen in Dänemark den Abdruck der zwölf Zeichnungen abgelehnt, ebenso wie auch fast ausnahmslos alle Blätter in den skandinavischen Nachbarländern. „Politiken“ wandte sich in Leitartikeln immer wieder massiv gegen die von „Jyllands-Posten“ vorgebrachte Argumentation, man wolle mit den Zeichnungen ein Zeichen gegen zunehmenden Zensur-Druck islamistischer Gruppen setzen: „Jyllands-Postens heldenhafte „Verteidigung der Meinungsfreiheit“ wäre vielleicht wirklich heldenhaft ausgefallen, wenn sie nicht den Charakter von Hohn und Spott gegenüber der muslimischen Minderheit gehabt hätte, wie das seit einigen Jahren in Dänemark allzu sehr verbreitet und akzeptiert ist.“

Auch die konservative Zeitung „Berlingske Tidende“, ansonsten meist Verbündeter von „Jyllands-Posten“ in Sachen Ausländerpolitik und Auseinandersetzung mit dem Islam, sah keinen Grund zum Handeln. „Man wollte die Selbstzensur austesten. Aber die gab es nicht, denn die Zeichnungen wurden ja gebracht“, meinte Chefredakteur Niels Lunde. Nach dem Ausbruch der gewaltigen Protestwelle in der islamischen Welt will er nicht grundsätzlich ausschließe, dass sein Blatt die Karikaturen eventuell doch noch abdrucken könnte: „Wenn sie zu einem Symbol für Meinungsfreiheit werden, könnten wir das tun. Noch sehe ich das aber nicht.“

Im benachbarten Norwegen freute sich Außenminister Jens Gahr Støre ausdrücklich, dass nur eine kleine christliche Zeitschrift, aber keine der großen Zeitungen die „zutiefst provokativen und kränkenden“ Zeichnungen veröffentlicht habe. Dabei hatten „Aftenposten“ und „Dagbladet“ das doch getan. Aber völlig unbeachtet schon im letzten Oktober kurz nach der Veröffentlichung in „Jyllands-Posten“, als die Protestwelle noch nicht in Gang gekommen war.

In Schweden begründet Chefredakteur Jan Wifstrand von „Dagens Nyheter“ die Nichtveröffentlichung damit, dass es wichtig sei, „in dieser aufgeheizten Debatte Vernunft und Verstand“ walten zu lassen. „Was die Vereidigung der Meinungsfreiheit angeht, gibt es wahrlich wichtigere Anlässe als diesen,“ schrieb Wifstrand im eigenen Blatt.

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