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13.07.2011

08:37 Uhr

Moody’s stuft Irland herab

Ein Teufelskreis aus lauter Kleinmut

VonNicole Bastian

Erst Portugal, jetzt Irland: Dass die Ratingagentur Moody's die Bonitätsnoten für die beiden Schuldenländer auf Ramschstatus herabstuft, verschärft die Finanzkrise in der Eurozone weiter. Statt über das Urteil von Moody's und anderen zu lamentieren, muss die Politik nun endlich handeln. Denn die Verunsicherung auf den Märkten ist hausgemacht.

Moody's stuft Irland herab

Video: Moody's stuft Irland herab

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Die Politiker in Europa sollten heute auf ihre traditionelle Rhetorik gegen Spekulanten und Ratingagenturen verzichten und lieber ihren eigenen Kleinmut und ihre eigene Unentschlossenheit überwinden - denn die ist derzeit das größte Problem in dieser Krise, die sich immer weiter ausbreitet.

Nicole Bastian ist Leiterin des Finanz-Desk des Handelsblatt. Quelle: Pablo Castagnola

Nicole Bastian ist Leiterin des Finanz-Desk des Handelsblatt.

Denn es ist die seit Monaten anhaltende, endlose und öffentlich geführte Debatte darüber, wie denn ein dringend nötig gewordenes zweites Rettungspaket für Griechenland geschnürt werden soll, die die Finanzmärkte in höchsten Alarm versetzt. Da sprechen Finanzminister von Euroländern öffentlich darüber, dass man Griechenland ja auch zeitweise auf den Status „zahlungsunfähig“ fallen lassen könnte, ohne für diesen Fall die Absicherung parat zu haben, dass sich die anderen Euroländer weiter am Kapitalmarkt finanzieren können.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Öffentlich werden da seit Wochen zwischen Politik, Europäischer Zentralbank und Ratingagenturen alle möglichen Modelle erläutert. Und weil die meisten davon eine freiwillige Beteiligung von Banken und Versicherungen, die Griechenlandanleihen halten, einschließen, aber eine Entscheidung einfach nicht gefunden wird, folgert die Ratingagentur, dass auch für die Anleihen anderer Länder wie Portugal und Irland private Anleihegläubiger mit Verlusten rechnen müssen.

Deshalb stuft sie die Bonitätsnoten herab, die Zinsen für Anleihen dieser Staaten steigen weiter, so dass sie erst recht Probleme bekommen werden, sich in Zukunft am Kapitalmarkt Geld über mehrere Jahre zu leihen. Dadurch steigt die Gefahr, dass sich die Misere auf andere Euroländer ausbreitet. Diesen Teufelskreis müssen die Regierungschefs der Eurostaaten jetzt auf ihrem Krisentreffen endlich mit Entscheidungen durchschlagen und nicht durch endlose Diskussionen vergrößern. Denn es ist nicht zuletzt ihre Unentschlossenheit, die sich in den Herabstufungen niederschlägt.

Kommentare (40)

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Account gelöscht!

13.07.2011, 08:12 Uhr

Früher waren Staatsanleihen ja über jeden Zweifel erhaben. Wie heißt es so schön: Hochmut kommt vor dem Fall.

Ob die Regierungen es nun eingestehen oder nicht, auch einige Staaten bieten Ramschpapiere an und offenbaren damit ihre Fehler.

txxx666

13.07.2011, 08:28 Uhr

Die angemessene Antwort:
Diese (mit welchem Recht eigentlich?) mächtigen Ratingagenturen selber auf Ramschniveau herabzustufen, sprich zu entmachten, oder besser noch gleich ganz abzuschaffen...
http://misanthrope.blogger.de/stories/1853340/

Thomas-Melber-Stuttgart

13.07.2011, 08:47 Uhr

Nun, man kann aber auch alles einfach 'mal laufen lassen ohne mit Gewalt verhindern zu wollen was von der Politik sowieso nicht aufgehalten werden kann. Bisher hat jede Aktion der Politik umgehend eine - nicht immer vorhersehbare! - Reaktion der Märkte / Ratingagenturen nach sich gezogen, daher sollte man nun einfach einmal mit der Retterei aufhören, nachdem man selbst nicht gestalten kann.

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