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28.06.2014

08:24 Uhr

Mord an Franz Ferdinand

Der größte Terrorakt der Geschichte

VonThorsten Giersch

Zwischen 1900 und 1914 wurden in Europa Dutzende Staatsoberhäupter, Politiker und Diplomaten ermordet. Warum hatte gerade das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand so gewaltige Folgen?

DüsseldorfVielleicht wäre das 20. Jahrhundert anders verlaufen, wenn die österreichisch-ungarische Manövertruppe, die ihren Erzherzog begleitete, besser gepackt hätte. Denn die Soldaten hatten ihre Spalieruniformen nicht dabei, und mit ihren verschmutzten Geländeanzügen konnten sie nicht an der Straße stehen und Franz Ferdinand somit auch nicht vor den tödlichen Pistolenschüssen schützen.

Das Risiko eines Anschlages musste dem Thronfolger bewusst gewesen sein, in den Jahren zuvor waren mehrere Attentate in Sarajevo verübt worden. Dennoch wollte er sich von der Menge feiern lassen und nicht  „unter einen Glassturz stellen“, wie er bei einer anderen Gelegenheit einmal sagte. Und beinahe wäre alles gut gegangen, denn die Terrorgruppe, die es auf ihn abgesehen hatte, stellte sich bei dem Versuch, ihn zu töten, so ungeschickt an, dass er dem eigentlich geplanten Anschlag entging. Und zwar war Attentäter Nummer eins erst gar nicht imstande, den Erzherzog zu erkennen. Und der zweite Attentäter warf den Sprengsatz derart auffällig, dass der Fahrer von Franz Ferdinands Wagen nur Gas zu geben brauchte, um der Detonation zu entgehen.

Chronologie: Von Sarajevo bis zum Kriegsausbruch

In 37 Tagen bis zum Krieg

Ein regionaler Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zu einem Weltkrieg, der alle Kontinente erfasste. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn ...

28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Doch an der Stelle endete das Glück von Franz Ferdinand. Erstens erbrachen die Attentäter ihr Zyankali, weil es zu alt war, anstatt sich wie befohlen damit umzubringen. Und zweitens nahm der Autokorso des Thronfolgers einen falschen Weg, und so stand das Fahrzeug mit Franz Ferdinand an Bord nach einem missglückten Wendemanöver plötzlich zwei Meter vor Gavrilo Princip.

Der 19-jährige war nach dem gescheiterten ersten Attentat bereits untergetaucht und spielte mit Selbstmordgedanken, nun nutzte der tuberkulosekranke bosnische Serbe, der nichts zu verlieren hatte, die Gunst der Stunde und feuerte zweimal in den Fond des Wagens. Die erste Kugel traf in den Unterleib Sophies, der Frau des Erzherzogs, die zweite in den Hals des Thronfolgers. Als ihn der vor ihm sitzende Graf Harrach fragte, was mit ihm sei, antwortete Franz Ferdinand nur: „Es ist nichts …“ Kurz darauf war er tot.

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Attentäter Princip wollte sich daraufhin mit der Waffe selbst erschießen, sie wurde ihm aber aus der Hand gerissen. Über die Hintergründe des Mordes wurde in der Forschung lange gestritten. Fakt ist, Princip war Mitglied der serbischen Geheimorganisation „Schwarze Hand“. Der Historiker Christopher Clark nennt sie eine „Terrororganisation, die einen Opfer, Todes- und Rachekult pflegte“. Entgegen der Beteuerungen der serbischen Regierung wusste diese sehr wohl von dem Vorhaben. „Was sich als Bubenstück wildgewordener bosnisch-österreichischer Landeskinder tarnte, reichte tief in das Kräftespiel der europäischen Politik“, urteilt der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch „Der Weg nach Versailles“.

Kommentare (1)

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Herr Joly Joker

29.01.2015, 12:32 Uhr

Es fehlt mir bei all diesen Theorien ein Punkt: Das II. Deutsche Reich, das in Versailles ausgerufen wurde, war für jede Großmacht ein NOGO. Eine Horrorvorstellung. Es stellte mit seiner Größe(Menschen, Land und Wirtschaftskraft) eine permanente Gefahr dar. Kaum eine Großmacht die stark genug war um dieses Reich zu bezwingen. Darüberhinaus konnte das Dt. reich jederzeit mit der Großdeutschen karte spielen. Das wäre das Ende der europäischen Mächte gewesen. Allein diese option musste zum Krieg führen - je eher desto besser. Dieser Gesichtspunkt wurde dann auch mit der Gründung des III Reiches wieder bewiesen. Ohne USA waren Europas Mächte Deutschland nicht gewachsen.

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