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09.04.2015

04:59 Uhr

Mordanklage gegen US-Polizisten

Den USA droht ein zweites Ferguson

Ein weißer Polizist soll einen Schwarzen erschossen haben – angeblich in Todesangst. Das Handyvideo der Tat erschüttert die USA. Dem angeklagten Polizisten droht nun die Todesstrafe.

Rodney Scott (l.) und Anthony Scott trauern um ihren Bruder, der von einem US-Polizisten erschossen wurde. ap

Bluttat in Charleston

Rodney Scott (l.) und Anthony Scott trauern um ihren Bruder, der von einem US-Polizisten erschossen wurde.

North CharlestonNach Todesschüssen auf einen 50-jährigen offenbar unbewaffneten Schwarzen ist ein weißer Polizist im US-Bundesstaat South Carolina des Mordes angeklagt worden. Gerichtsunterlagen zufolge droht ihm die Todesstrafe. Seinen Job hat er bereits verloren, dies teilte der Bürgermeister von North Charleston, Keith Summey, am Mittwoch mit. Die Stadt werde aber weiter die Krankenversicherung des Polizisten bezahlen, weil dessen Frau im achten Monat schwanger sei. Sumney nannte den Fall eine Tragödie für zwei Familien. In North Charleston kamen am Mittwoch Demonstranten zusammen und protestierten gegen Rassismus in der Stadt.

Dort sind etwa die Hälfte der 100.000 Einwohner Afroamerikaner, Medienberichten zufolge jedoch nur 18 Prozent der Polizisten. Die Bundespolizei FBI und das US-Justizministerium kündigten unabhängige Untersuchungen an. Die Tötung setzt eine Serie von ähnlichen Fällen in jüngster Vergangenheit fort, die in den USA zu einer neuen Diskussion über Polizeigewalt und Rassismus geführt haben.

Der Vorfall ereignete sich am Samstagmorgen.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Der Beamte in North Charleston im Südstaat South Carolina hatte nach den tödlichen Schüssen vom Wochenende erklärt, er habe in Selbstverteidigung gehandelt. Erst ein der Familie des 50-jährigen Opfers zugespieltes Handy-Video zeigte, wie der Streifenpolizist dem Schwarzen Walter Scott achtmal in den Rücken schoss, während dieser davonzulaufen versuchte. In knapp neun Metern Distanz brach Scott zusammen.

Momente nach den Schüssen ist zu sehen, wie der Polizist dorthin zurückgeht, wo die Auseinandersetzung mit Scott begann. Dort hebt er offenbar den Elektroschocker auf, geht zu dem reglosen Körper des 50-Jährigen zurück und lässt die Betäubungswaffe dort fallen. Dann kommt ein weiterer Beamter hinzu, um den Zustand des sterbenden Mannes zu überprüfen.

Der Familienanwalt L. Chris Stewart lobte den Filmer am Mittwoch in höchsten Tönen. „Was, wenn es kein Video geben würde? Was, wenn sich kein Zeuge gemeldet hätte, oder „Held“, wie ich ihn nenne?„, sagte Stewart der Nachrichtenagentur AP. „Wir wussten nicht, dass es ihn gab. Er kam aus heiterem Himmel.“

Kommentare (9)

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Herr peter Spirat

08.04.2015, 09:42 Uhr

Wahrscheinlich hatte der Schwarze iraqische Massenvernichtungswaffen.

Herr Herbert Maier

08.04.2015, 10:12 Uhr

Der tragische Vorgang zeigt die Bedeutung privater Filmaufnahmen. Ohne diese wäre alles vertuscht worden. Unter diesem Aspekt soll man auch mal über DashCams usw in Deutschland nachdenken. Der Staat verbietet diese vielleicht auch deswegen, weil er sich selbst nicht in die Karten sehen lassen möchte. Im Interesse von "Balance of Powers" wäre so etwas nämlich durchaus sinnvoll, um dem staatlichen Gewalt- und Gerichstmonopol mehr bürgerliche Kontrolle entgegen zu setzen.

Herr John Doe

08.04.2015, 10:36 Uhr

Erinnert mich an den Studenten Eisenberg, der mehrere Kugeln im Rücken hatte und die Regensburger Polizei behauptete, Eisenberg habe die Polizisten mit einem Messer angegriffen - rückwärts!!!

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