Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.06.2014

20:34 Uhr

Moskau liefert kein Gas mehr

„Die Versorgung der EU ist normal“

Moskau hat der Ukraine offiziell das Gas abgestellt, weil Kiew seine Schulden nicht zahlt. Trotzdem bleibt der Gashahn offen, damit weiter Gas in die EU fließen kann. Doch wer ist schuld, wenn dort nicht genug ankommt?

Die Gasstation „Bobrovnytska“ in Mryn, etwa 130 Kilometer von Kiew entfernt: Aus Russland fließt kein gas mehr in die Ukraine. dpa

Die Gasstation „Bobrovnytska“ in Mryn, etwa 130 Kilometer von Kiew entfernt: Aus Russland fließt kein gas mehr in die Ukraine.

Kiew/MoskauEskalation im Gasstreit zwischen Kiew und Moskau: Russland hat seine Gaslieferungen an die Ukraine am Montag gestoppt. Der Staatskonzern Gazprom kündigte an, künftig nur noch gegen Vorkasse zu liefern, weil die frühere Sowjetrepublik ihre Rechnungen nicht bezahlt.

Damit erhöht Russland den Druck auf die Ukraine und schürt auch in der Europäischen Union Sorgen vor Engpässen. Die Ukraine ist das wichtigste Transitland für russische Gaslieferungen in die EU.

Moskau versicherte, die vereinbarten Gaslieferungen in die EU seien nicht betroffen, warnte aber trotzdem vor Problemen. Diese könnten entstehen, wenn die Ukraine für den Transit bestimmtes Gas für den Eigengebrauch abzweige. „Gazprom wird weiterhin jene Menge Gas in die Rohre nach Europa pumpen, die vertragsgemäß festgelegt ist. Die Ukraine muss den störungsfreien Transit sicherstellen“, sagte Konzernsprecher Sergej Kuprijanow.

Die Ukraine sagte umgehend den ungestörten Transit von russischem Gas nach Westen zu. „Wir gewährleisten die sichere Versorgung sowohl der Konsumenten in der Ukraine als auch der Kunden in Europa“, sagte Energieminister Juri Prodan am Montag in Kiew. Die Ukraine habe damit gerechnet, dass ihr Russland im Streit um offene Rechnungen den Gashahn zudrehen könnte.

Woher bekommt Deutschland sein Erdgas?

Deutsches Erdgas-Aufkommen

Das gesamte deutsche Erdgas-Aufkommen (Importe, inländische Gewinnung und Speichermenge) entsprach in den ersten drei Monaten dieses Jahres einem Energiegehalt von rund 1,179 Millionen Terajoule (TJ). Das waren etwa 17,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

(alle Infos: Stand März 2014)

Importe

Mehr als vier Fünftel dieser Menge stammte aus Importen (rund 979.000 TJ) – 2,9 Prozent mehr als zwischen Januar und März 2013.

Wichtigste Lieferländer

Von diesen Einfuhren entfielen knapp 373.000 TJ auf Russland als mit Abstand wichtigstes Lieferland. Auf Rang zwei lag Norwegen (gerundet 291.000 TJ), gefolgt von den Niederlanden (etwa 267.000 TJ). Während die Importe aus Russland zuletzt um 11,7 Prozent und diejenigen aus Norwegen um 13,7 Prozent zulegten, sanken die Importe aus den Niederlanden um 12,6 Prozent. Alle sonstigen Bezugsländer kamen auf eine Restmenge von lediglich 48.800 TJ (-13,2 Prozent).

Inländische Förderung

Die inländische Erdgasförderung der Bundesrepublik erreichte von Januar bis März 2014 ein Energie-Äquivalent von rund 84.400 TJ – 8 Prozent unter dem Niveau der ersten drei Monate des vorigen Jahres.

Gasspeicher

Angesichts des milden Wetters im zurückliegenden Winter 2013/2014 waren die deutschen Gasspeicher von Januar bis März noch mit einer Kapazität von knapp 116.000 TJ gefüllt.

Exporte

Deutschland exportierte außerdem Erdgas mit einem Energiegehalt von rund 205.000 TJ ins Ausland – ein Fünftel weniger als vor einem Jahr.

Die EU-Kommission sah am Montag keine Engpässe in Europa. „Die Versorgung der EU ist normal“, sagte die Sprecherin des EU-Energiekommissars Günther Oettinger in Brüssel. „Das Frühwarnsystem ist bisher nicht aktiviert worden.“ Das System wurde nach dem Gasstreit zwischen Moskau und Kiew im Jahr 2009 eingerichtet und soll Russland und die EU im Fall drohender Lieferengpässe zusammenbringen.

Auch in Deutschland ist die Gasversorgung nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums aktuell nicht gefährdet. Die 51 deutschen Gasspeicher sind zu fast 75 Prozent gefüllt. Das dürfte für mehrere Monate reichen. Deutschland deckt mehr als ein Drittel seines Gasbedarfs mit russischen Lieferungen. Die Hälfte der russischen Gasexporte nach Europa wird über die Ukraine abgewickelt.

Die Hilfszahlungen für Griechenland sind im Vergleich zum Finanzbedarf der Ukraine nach den Worten des EU-Energiekommissars Günther Oettinger verschwindend gering. Um der angeschlagenen ukrainischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen, seien mehrere Milliarden Euro erforderlich - dazu eine Beteiligung der Steuerzahler, Wähler, Europäischen Kommission sowie der USA, Kanadas, des Internationalen Währungsfonds und anderer, sagte Oettinger am Montag in Bratislava.

Der Ukraine nicht zu helfen, hieße jedoch Bürgerkrieg und das Auseinanderbrechen eines Landes mit 45 Millionen Einwohnern. Die Kosten dafür wären unvergleichlich höher, fügte Oettinger hinzu.

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk räumte ein, dass der Lieferstopp „kompliziert“ für die Wirtschaft des Landes sei. Um die Folgen abzumildern, habe er ein Gesetz über den Notstand im Energiesektor auf den Weg gebracht. „Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass Engpässe entstehen können“, sagte Jazenjuk in Kiew.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×