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28.08.2014

19:24 Uhr

Moskau will Automarkt ankurbeln

Russland führt die Abwrackprämie wieder ein

Die Abwrackprämie nach deutschem Vorbild soll den russischen Automarkt wieder in Schwung bringen. Die deutsche Autoindustrie sieht darin Protektionismus und bedauert, dass Moskau kein verlässlicher Partner sei.

Die Abwrackprämie ist zurück: Russland hofft mit den Zahlungen den heimischen Automarkt anzukurbeln. Vor allem deutsche Autobauer freut das gar nicht. dpa

Die Abwrackprämie ist zurück: Russland hofft mit den Zahlungen den heimischen Automarkt anzukurbeln. Vor allem deutsche Autobauer freut das gar nicht.

MoskauNach einem Absatzeinbruch auf dem russischen Automarkt setzt die Regierung in Moskau erneut auf die Abwrackprämie nach deutschem Vorbild. Für die Verschrottung alter Fahrzeuge beim Kauf eines in Russland produzierten Neuwagens stelle die Regierung von September bis Ende 2014 zehn Milliarden Rubel (etwa 207 Millionen Euro) bereit, sagte Industrieminister Denis Manturow am Donnerstag in Moskau. 40 000 Rubel (etwa 825 Euro) gibt es für den Austausch eines Kleinwagens, bis zu 350 000 Rubel (rund 7200 Euro) für Transportfahrzeuge.

Kay Lindemann vom Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) kritisierte die Abwrackprämie auf der Moskauer Messe Interauto als Protektionismus. Die deutsche Automobilindustrie wünsche sich in Russland einen verlässlichen Partner, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. 2012 exportierten deutsche Konzerne nach Angaben des VDA mehr als 156 000 Autos nach Russland, 2013 waren es etwa 132 000.

Zugleich haben deutsche Hersteller auch eigene Werke in Russland. 2013 wurden 183 000 Fahrzeuge deutscher Marken direkt in Russland produziert.

Der Gesamtabsatz von Neuwagen in Russland sank dem VDA zufolge zwischen Januar und Juli um zehn Prozent auf 1,41 Millionen Kleinfahrzeuge. Mit minus 23 Prozent war der Einbruch im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat besonders groß.

Die Probleme spüren auch die deutschen Autohersteller. Zwischen Januar und Juli ging der Absatz deutscher Neuwagen in Russland nach Informationen des VDA um 14 Prozent zurück, der Marktanteil liegt aber weiter bei 20 Prozent.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Allgemein hätten sich die Hoffnungen der deutschen Hersteller nicht erfüllt, sagte Lindemann. „Russland ruft sein Potenzial nicht ab“, betonte er. Strukturelle Probleme wie der schwache Rubel und ein rückläufiger Binnenkonsum würden nun durch politische Risiken verstärkt. EU und USA haben Russland wegen seiner Haltung im Ukraine-Konflikt mit Sanktionen belegt, Politiker in Moskau fordern nun Strafmaßnahmen gegen die westliche Autoindustrie.

Damit rechnet Lindemann aber nicht. „Der Schaden für beide Seiten wäre zu groß“, sagte er. Trotz der schwierigen Lage sei die starke Präsenz der deutschen Autokonzerne und Zulieferer bei der Interauto ein Signal der Hoffnung in den russischen Markt.

Von

dpa

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