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21.10.2016

22:48 Uhr

Mossul

Der Krieg hinter dem Krieg

Türkei und Irak wollen die irakische Stadt Mossul aus den Klauen der Terrormiliz IS befreien. Doch mit dem Einsatz der Truppen verfolgen beide Länder auch ihre eigenen Interessen. Die Kluft ist gewaltig.

Die Großoffensive zur Rückeroberung von Mossul ist erst seit einigen Tagen im Gang. Doch die Vertreibung der Terrormiliz IS ist nicht das einzige Begehren. dpa

Kurdische Kämpfer vor Mossul

Die Großoffensive zur Rückeroberung von Mossul ist erst seit einigen Tagen im Gang. Doch die Vertreibung der Terrormiliz IS ist nicht das einzige Begehren.

BagdadDie Großoffensive zur Rückeroberung von Mossul ist erst seit einigen Tagen im Gange. Aber schon hat sich ein Graben zwischen dem Irak und der Türkei verbreitert, das Misstrauen zwischen den verschiedenen Kräften, die dem Islamischen Staat die Stadt entreißen wollen, wieder aufgewallt.

Die Rhetorik auf beiden Seiten heizt sich auf. Der irakische Regierungschef Haidar al-Abadi und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben Beleidigungen ausgetauscht. Und am Dienstag demonstrierten Tausende Anhänger des schiitischen Geistlichen Moktada al-Sadr vor der türkischen Botschaft in Bagdad, forderten ein Ende der türkischen „Besatzung“.

Sie bezogen sich auf die etwa 500 türkischen Soldaten, die sich auf einem Stützpunkt nördlich von Mossul befinden und seit Dezember sunnitische und kurdische Kämpfer ausgebildet haben. Die Bagdader Regierung sagt, dass sich die Soldaten dort unerlaubt aufhalten. Sie fordert ihren Abzug. Aber Ankara weigert sich, betont, dass die Truppe bei der Befreiung von Mossul eine Rolle spielen werde.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die Türkei hat enge Verbindungen zu Kurden-Präsident Massud Barsani, was vielleicht erklärt, wie es überhaupt zur Stationierung der Soldaten auf dem Stützpunkt kam. Die Kämpfer, die von ihnen ausgebildet werden, sind kurdische Gefolgsleute von Barsani und sunnitische Anhänger von Athil al-Nudschaifi, dem früheren Gouverneur der Provinz Ninive, deren Hauptstadt Mossul ist.

Ein irakisches Gericht hat diese Woche einen Haftbefehl gegen Al-Nudschaifi ausgestellt. Es wirft ihm vor, widerrechtlich den Einzug türkische Kräfte ermöglicht zu haben.

Beide, Barsani und Al-Nudschaifi, wollen größere Autonomie von der schiitisch-dominierten Regierung erreichen. Sie haben sich damit den Zorn von staatlich sanktionierten Schiiten-Milizen zugezogen, die vom Iran gestützt werden.

Jetzt sind alle diese unterschiedlichen Gruppen um Mossul versammelt. Sie sind Teil der größten Militäroffensive, die der Irak seit der US-geführten Invasion 2003 gestartet hat.

Die Türkei hat historische Verbindungen zu Mossul, die Jahrhunderte zurückreichen. Sie betrachte sich angesichts der sunnitischen Mehrheit der Einwohner und einer großen türkischen Gemeinschaft in der Stadt als ihre Beschützerin, erläutert Fadi Hakura von der Denkfabrik Chatham House.

„Die Türkei befürchtet, dass die von Schiiten dominierte Zentralregierung das demografische Gleichgewicht ändert, wenn der Islamische Staat aus der Stadt vertrieben worden ist.“

Türkische Verbündete weisen auf die engen Bagdader Verbindungen zu Ankaras regionalem Rivalen Iran hin. Es sind zwar offenbar keine iranischen Militärkräfte im Land, aber Teheran sponsert eine Reihe mächtiger Milizen.

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