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15.04.2014

17:29 Uhr

Multimedia-Projekt

„Ich bin ein EU-Baby“

VonChristian Kleber

Am 25. Mai wählt Europa – doch die Jugend hat ihre Wahl längst getroffen. Ein Projekt von Studenten zeigt: Die nationalen Grenzen sind nur noch in den Köpfen vorhanden – ihre Identität ist europäisch.

Wo gibt's Jobs? Wohin zieht es junge Europäer? Fragen, mit denen sich die Studenten der TU Dortmund beschäftigt haben.

Wo gibt's Jobs? Wohin zieht es junge Europäer? Fragen, mit denen sich die Studenten der TU Dortmund beschäftigt haben.

In wenigen Wochen wählen die EU-Bürger ein neues Parlament. Wohin steuert Europa und wie begreift die Jugend die Union? Immer mehr junge Menschen sehen in Europa nicht die große Krise, sondern die große Chance. Wie sie diese nutzen, haben Studenten der TU Dortmund untersucht. Die Ergebnisse – ihre Videos und Interviews – präsentieren sie in einem Multimediaprojekt bei Handelsblatt Online.

Zum Start schreibt Student Christian Kleber über Europas Jugend, die nach den Sternen greift:

Europas Jugend hat ihre Wahl schon getroffen. „Alles ist besser, als zu Hause rumzusitzen“, sagt Alex. Zu Hause hieß für den 28-Jährigen Spanien. Zu Hause hieß 56 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Bevor er nach Deutschland kam. Junge Europäer wie Alex haben genug gewartet. Auf das Ende der Krise. Auf eine bessere Perspektive. Jetzt greifen sie selbst nach den Sternen des europäischen Banners – während die Schweiz ihre Grenzmauern hochzieht und sich die politische EU-Elite vor Russland und anderen Europagegnern fürchtet.

Abseits von großer Politik und medialer Inszenierung hat Europas Jugend die verzweifelte Jagd nach der Idee eines vereinten Europas für beendet erklärt. Sie wird gelebt – durch Jobwechsel, die Eltern oder das Internet.

„Ich bin ein EU-Baby“, sagt beispielsweise Maria. Sie ist in Belgien aufgewachsen, hat eine deutsche Mutter und einen portugiesischen Vater. Ihr Freund kommt aus Finnland, ihre besten Freunde aus England, Litauen und Holland. Ihr Zuhause heißt Europa. Ihr Traum: ein europäischer Pass.

Unterhalb des Krisenradars der europäischen Elite sind neben ersten nationalen Identitäten auch territoriale Grenzen bereits verschwunden. Wie Alex zieht es immer mehr Jugendliche ins Ausland. Allein in Deutschland ist die Zahl der Zuwanderer mit 1,08 Millionen aktuell auf dem höchsten Stand seit 1995. „Das sind regelrechte Migrationswellen“, sagt Constantin Gurdgiev, Professor für Finanzwissenschaft am Trinity College in Dublin. Seit vielen Jahren setzt er sich intensiv mit den Ursachen, Entwicklungen und Folgen der Euro-Krise auseinander.

Die Europawahl-Programm der Parteien

CDU

Die CDU setzt mit dem früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister als deutschem Spitzenkandidaten den Schwerpunkt auf Wirtschaft und Finanzen. Sie will den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM und das Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ erhalten. Eine Vergemeinschaftung der Schulden wird weiter abgelehnt. „Armutswanderung“ in soziale Sicherungssysteme soll verhindert werden. Bürokratie für kleine und mittlere Unternehmen soll abgebaut und mehr Bürgernähe durch eine Vereinfachung der EU-Gesetzgebung geschaffen werden. Eine Vollmitgliedschaft der Türkei wird abgelehnt.

CSU

Die CSU übt inhaltlich wie personell den Spagat zwischen Anti-Brüssel-Propaganda und Bekenntnissen zu Europa: CSU-Vize Peter Gauweiler bedient die Europagegner und soll die AfD neutralisieren, der offizielle Spitzenkandidat Markus Ferber steht für die proeuropäische Seite. Forderungen sind die Rückgabe nationaler Kompetenzen, Bürokratieabbau, die Verkleinerung der Kommission und die Einführung von Volksentscheiden in Deutschland über wichtige Europafragen.

SPD

Bei der SPD gibt es mit dem Europaparlaments-Präsidenten Martin Schulz einen zugkräftigen Spitzenmann, er ist auch der europaweite Kandidat der Sozialdemokraten und soll EU-Kommissionspräsident werden. Rechts- wie Linkspopulisten sagt die SPD den Kampf an. Wichtige Ziele sind: strengere Haftungsregeln für Banken, Trennung von Investment- und Geschäftsbankensystem und ein „Finanz-Check“ für alle neuen Finanzprodukte; Entzug der Banklizenz bei Hilfe zum Steuerbetrug; europaweite Mindestlöhne; weniger Bürokratie, mehr Mitsprache und mehr Macht für das Europaparlament.

Linke

Die Linke spricht sich für eine grundlegende Neuausrichtung der EU aus. „Europa geht anders. Sozial, friedlich, demokratisch“, heißt ihr Programm. „Wir wollen einen Politikwechsel, damit die EU nicht vornehmlich Eliten an Reichtum und Macht ein Zuhause bietet, sondern sich solidarisch für alle entwickelt.“ Konkret fordert die Partei Mindestlöhne und -renten in der gesamten EU, eine Neuausrichtung der Währungsunion, die Vergesellschaftung privater Großbanken, ein Verbot von Rüstungsexporten sowie die Auflösung der Nato.

Grüne

Die Grünen stellen den Klima- und Verbraucherschutz, mehr Datensicherheit und Bürgerrechte in den Mittelpunkt. Antieuropäischen Populismus von Rechts und Links konfrontieren sie mit dem „Ziel eines besseren Europas“. Sie wollen die EU weiterentwickeln und die Erweiterungspolitik der EU fortsetzen. Sie wollen ein Europa der erneuerbaren Energien. Der Atomausstieg soll in der gesamten EU vorangetrieben werden. Lebensmittel sollen frei von Gentechnik und Antibiotika sein. EU-weit verpflichtende Herkunftsangaben sollen dabei Transparenz schaffen.

FDP

Die FDP will nach dem bitteren Abschied aus dem Bundestag ein kleines Comeback schaffen. In den Umfragen bewegt sich bei den Liberalen aber bislang nichts. Sollte die AfD besser abschneiden, hätte Parteichef Christian Lindner ein Problem. Von einer Schicksalswahl will er aber nichts wissen. Der Hauptgegner sei Schwarz-Rot, nicht die AfD. Inhaltlich tritt die FDP für mehr Bürgerrechte ein, die Vorratsdatenspeicherung soll verhindert werden. Beim Euro soll der Rettungsschirm ESM schrittweise reduziert, zudem ein Austrittsmechanismus für Euro-Länder geschaffen werden.

AfD

Die Alternative für Deutschland setzt mit ihrem Slogan „Mut zu D EU tschland“ ein klares Zeichen. Erst geht es um Deutschland, dann um Europa. Ein Austritt aus dem Euro wird für die Krisenländer Südeuropas gefordert. Neue EU-Mitglieder soll es nicht geben, Kompetenzen sollen auf die nationale Ebene zurückverlagert werden. Neben Parteichef Bernd Lucke auf Listenplatz eins soll der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel der Partei ein Gesicht geben. Eine Zusammenarbeit mit Rechtsextremen lehnt die AfD ab.

Bei all dem Krisengeschrei wird allerdings außer Acht gelassen, dass bei weitem nicht jede Art von Krise integrationsgefährdend ist. Im Gegenteil: Konflikte können laut dem Soziologen Georg Simmel sogar gesellschaftsbildend wirken. In der öffentlichen Debatte ist davon kaum etwas zu lesen, fortlaufend ist von Trennung, Austritt und Spaltung die Rede. Positive Tendenzen werden entweder übersehen oder ignoriert.

Eine Ausnahme bilden EU-Blogs. Auch im Internet hat Europas Jugend seit mehreren Jahren bereits die Eigeninitiative ergriffen und feilt an einer europäischen Öffentlichkeit, die mehr für die EU übrig hat als Horrorszenarien.

Kommentare (6)

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15.04.2014, 17:52 Uhr

Ich bin kein EU-Baby und will auch keins sein!!!

Es ist unerträglich wie einseitig in den privaten Konzernmedien Politik für die EUDSSR gemacht wird!

Das alles ist schlimmer als die Gehirnwäsche, die es in der DDR gab!

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15.04.2014, 17:56 Uhr

Naja, wenn die Jugend der EU unkritisch gegenüber steht, kann ja nichts Schlechtes an der real existierenden EU sein. Also, wenn man nicht zum alten Eisen gehören will, weiter so wie bisher und brav Bockpartei ankreuzen, will uns der Artikel als Wink mit dem Zaunpfahl Richtung Europa-Wahl wohl vermitteln. Ich gönne ja der Generation Erasmus ihre vielen guten Erfahrungen mit Europa, trotzdem - netter Versuch...

Account gelöscht!

15.04.2014, 18:08 Uhr

Die Jugend muss am Ende fuer den Wahnsinn zahlen. Also wenn die das gut finden dann ist ja alles in Butter.
Was heist ausserdem immer "Europagegener"? Euro != Europa auch wenn das fuer einige Schreiberlinge schwer zu verstehen ist. Die EU vor der Euroeinfuehrung war ja in Ordnung. Ohne die ganzen Rettungsorgien fuer die Banken und die hohe Arbeitslosigkeit. Offene Grenzen und Niederlassungsfreiheit, nur der Euro wird dies alles zerstoeren.

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