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08.07.2013

11:58 Uhr

Mursi-Anhänger erschossen

Muslimbrüder rufen zu Aufstand auf

Bei einer Schießerei sind mehrere Muslimbrüder getötet worden. Die Islamisten wollten offenbar den Sitz der Republikanischen Garde stürmen. Nach der Bluttat beendete die salafistische Partei alle politischen Gespräche.

Ein mit Blut verschmiertes Hemd hält ein Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi nach der Schießerei in den Händen. dpa

Ein mit Blut verschmiertes Hemd hält ein Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi nach der Schießerei in den Händen.

KairoBei Zusammenstößen zwischen Islamisten und dem Militär sind am Montag in der Hauptstadt Kairo nach Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums mindestens 42 Menschen getötet worden. Die Islamisten hatten den Angaben nach versucht, eine Kaserne der Republikanischen Garde am Stadtrand von Kairo zu stürmen, als das Feuer auf sie eröffnet worden sei. Es halten sich Gerüchte, dass sich der vom Militär gestürzte Präsident Mohammed Mursi dort aufhalten könnte.

Militärsprecher Ahmed Mohammed Ali erklärte, ersten Erkenntnissen zufolge hatten der Muslimbruderschaft nahestehende Bewaffnete im Morgengrauen versucht, das Hauptquartier der Republikanischen Garde zu stürmen. Sie hätten scharf geschossen und Feuerbomben auf eine nahe gelegene Moschee und Häuserdächer geworfen. Ein Polizist sei dabei getötet und sechs weitere verletzt worden. Ein anderer Sprecher der Armee erklärte, fünf Anhänger Mursis seien bei dem Gefecht getötet worden. In einer später von der amtlichen Nachrichtenagentur Mena verbreiteten Armeeerklärung hieß es zudem, 200 Angreifer seien festgenommen worden.

Ägyptens Islamisten in mehrere Parteien gespalten

Die Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft (Ichwan Muslimin) wurde 1928 von dem Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründet. Ursprünglich wollte sie mit einem gewaltsamen Umsturz den islamischen Staat errichten. Unter den Millitärregimen nach 1952 wurde sie oft massiv unterdrückt, ihr Vordenker Sajjid Kutb 1966 gehenkt. Heute will die Bruderschaft durch demokratische Wahlen an die Macht gelangen, um Staat und Gesellschaft zu islamisieren. Ihr politischer Arm ist die Partei Freiheit und Gerechtigkeit, die 2011/12 die erste freie Parlamentswahl nach dem Sturz des Militärherrschers Husni Mubarak im Februar 2011 gewann.

Die Nur-Partei

Die Nur-Partei (Hisb al-Nur/Partei des Lichts) wurde nach dem Umsturz 2011 gegründet. Sie ging aus salafistischen Gruppierungen hervor, die vom Mubarak-Regime diskret gefördert wurden, um ein Gegengewicht zur Muslimbruderschaft zu bilden. Die Salafisten sind noch konservativer, lehnen aber gewaltsame Methoden ab. Die von der Nur-Partei angeführte Wahlallianz Islamischer Block wurde bei den ersten Wahlen zweitstärkste Kraft. Mit den Muslimbrüdern monopolisierte Al-Nur die Volksvertretung und die Ausarbeitung der neuen, islamisch geprägten Verfassung. Bei den Massenprotesten gegen Mursi wechselte sie die Seite und schloss sich den Gegnern des Präsidenten an. Die Nur-Partei soll von Saudi-Arabien finanziert werden.

Die Partei für Wiederaufbau und Entwicklung

Die Partei für Wiederaufbau und Entwicklung ist die politische Formation der ehemaligen Angehörigen der Terrororganisation Gamaa Islamija (Islamische Gemeinschaft), die unter anderen 1997 ein Massaker an Touristen in der Königsstadt Luxor mit 60 Toten verübt hatte. Die Gamaa ging aus den radikalen Elementen der Muslimbruderschaft hervor, als diese der Gewalt abschwor. Nach der Zerschlagung schlossen sich einige Gamaa-Kader der Al-Kaida von Osama bin Laden an. Die heutige Gamaa-Nachfolgepartei besteht hauptsächlich aus Ex-Terroristen, die ihre Gefängnisstrafen in Ägypten verbüßt haben oder nach dem Umsturz 2011 freigelassen wurden.

Ein Sprecher der Muslimbruderschaft widersprach den Darstellungen der Armee. Vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde hätten vielmehr Armeetruppen im Morgengrauen auf Demonstranten geschossen. Eine Teilnehmerin an der Sitzblockade, Al-Schaimaa Junes, bestätigte die Version. „Sie feuerten mit scharfer Munition und schleuderten Tränengas“, sagte sie telefonisch. „Es brach Panik aus, die Leute rannten weg. Ich sah Menschen zu Boden fallen.“ Unter den Demonstranten seien auch Frauen und Kinder gewesen.

Auf ihrer Facebook-Seite rief die Muslimbruderschaft ihre Anhänger zum Widerstand auf. „Die Partei Freiheit und Gerechtigkeit ruft das große ägyptische Volk auf, sich gegen die zu erheben, die die Revolution mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen stehlen wollen und dabei auch über Leichen gehen.“

Seit der Entmachtung Mursis hatten sich dessen Anhänger zu Kundgebungen und Sitzblockaden vor dem Sitz der Republikanischen Garde versammelt. Die Demonstranten stemmen sich gegen den von der Armee durchgesetzten Machtwechsel und pochen auf eine Wiedereinsetzung Mursis als Staatschef.

Kommentare (27)

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Account gelöscht!

08.07.2013, 08:47 Uhr

Religion und Politik...das geht gar nicht. El Baradei ist eine der wenigen Chancen Ägyptens, aber sie sind wohl noch nicht soweit.

JEB

08.07.2013, 09:29 Uhr

Das kann noch was werden dort.

Erstaunlich ist es, daß die Frömmler der Muslimbruderschaft und vor allem der Salafisten so empört sind, daß ihr demokratisch gewählter Mursi so schmählich "undemokratisch" aus seinem Amt gejagt wurde, jedoch selber statt Demokratie die Scharia haben wollen.

"Die Ultrakonservativen verlangen einen religiösen Kandidaten. "Es geht nicht an, die Macht des Ministerpräsidenten in die Hände eines Mannes zu legen, der nicht unsere Vision von der islamischen Scharia teilt", erklärte der Vizechef der Partei, Bassem al-Saraka, am Sonntag im TV-Sender al-Hajat."

http://www.spiegel.de/politik/ausland/machtkampf-in-aegypten-siad-bahaa-al-din-soll-ministerpraesident-werden-a-909911.html

elly

08.07.2013, 10:37 Uhr

Schlimm was Fanatismus für Gedankengut vertreibt.

Demokratie heisst ein Rechtsstaat. Unter dieser Voraussetzung wurden die Muslimbrüder gewählt um dies für alle Menschen in Ägypten umzusetzen. Doch kaum an der Macht wendete sich das Blatt, die Folgen sehen wir heute.

Weltweit kann man sehen was diese radikalen Glaubensbrüder für Gewalt anfachen. Bist Du nicht für mich dann hast Du kein Recht!

Gut, dass die Salafisten den Platz räumen, vielleicht kann dann endlich mal eine Übergangsregierung gebildet werden.
Diese momentane Situation spielt den radikalen Islamisten nur in die Hände!

Schade um das schöne Land und die Menschen! Ich wünsche wirklich sehr, dass sie das bald friedlich auf die Reihe bekommen!

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