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20.01.2016

16:45 Uhr

Mutmaßlicher IS-Terrorist

Nils D. schildert seinen Weg in den Dschihad

Nils D. zählt zu den wenigen Syrien-Rückkehrern, die sich vor Gericht nicht in eisernes Schweigen hüllen. Der 25-Jährige gibt sich geläutert – und unterstützt Justiz und Ermittler in zahlreichen Verfahren als Zeuge.

Über seinen – inzwischen vermutlich als Selbstmordattentäter gestorbenen – Cousin bekam Nils D. Kontakt zu einer islamistischen Gruppe. dpa

Prozess gegen mutmaßlichen IS-Terroristen

Über seinen – inzwischen vermutlich als Selbstmordattentäter gestorbenen – Cousin bekam Nils D. Kontakt zu einer islamistischen Gruppe.

Düsseldorf„Ich war ein Kiffer. Ich hatte keine Lust. Partys, Drogen, Alk, Karten. Das war ein sinnloser Tagesablauf.“ Syrien-Rückkehrer Nils D. gibt sich geläutert. Im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts legt der 25-Jährige am Mittwoch eine Art Lebensbeichte ab. Nun drohen dem mutmaßlichen IS-Terroristen bis zu zehn Jahre Haft. Doch es könnte ein großzügiger Strafrabatt für ihn herausspringen: Nils D. ist geständig, nennt Namen von islamistischen Weggefährten auf seinem Weg in den Dschihad und unterstützt damit Justiz und Ermittler in zahlreichen Verfahren als wertvoller Zeuge.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Laut Bundesanwaltschaft gehörte der 25-Jährige aus Dinslaken einer Spezialeinheit an – dem „Sturmtrupp“ der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Als Mitglied dieser Truppe habe er Spione und Deserteure gejagt, festgenommen und Gefängnissen des IS zugeführt. Er sei auch als Wachmann eines IS-Gefängnisses eingesetzt gewesen: „Der Angeklagte wusste, dass die Gefangenen der Folter bis zum Tod ausgesetzt waren. Er hatte Einblick in die Folterkammer“, sagt die Vertreterin der Bundesanwaltschaft, Carola Bitter. So habe er einen vermutlich zu Tode gefolterten Gefangenen beerdigt, „indem er die Leiche aus der Kühlkammer holte und auf einer Müllkippe in einem Erdloch vergrub“.

Dabei hatte Nils D. mit Religion eigentlich zunächst gar nichts am Hut. Er erzählt, dass er seinen Cousin belächelte, der zum Islam konvertiert war. Doch mit 15 geriet er auf die schiefe Bahn, beendete die Hauptschule als mittelmäßiger Schüler, begann schon vorher, Drogen zu konsumieren: Marihuana, Amphetamine, Kokain, Alkohol. Zuvor hatte sein Vater der Familie den Rücken gekehrt. Seine Mutter arbeitete als Servicekraft in der Gastronomie.

Nils D. begann zu stehlen und zu dealen, wurde mehrfach verurteilt: zu sechs Monaten auf Bewährung wegen Drogenhandels etwa. Es folgten Einträge ins Strafregister wegen Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung, Diebstahl. Für den Einbruch in eine Bäckerei bekam er schließlich acht Monate Haft ohne Bewährung, saß davon sechs ab. „Meine Mutter hat nie so richtig durchgegriffen. Es gab schon schwierige Phasen, aber keine Konsequenzen“, sagt er.

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