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10.10.2014

19:25 Uhr

Mutmaßlicher IS-Terrorist packt aus

„Ich habe es als meine Pflicht angesehen“

Ein mutmaßlicher IS-Terrorist aus Deutschland packt vor Gericht aus. Er wollte in Syrien helfen, seine Pflicht tun. Nach blutigen Machtkämpfen kamen ihm die ersten Zweifel. Nun will er ein „ganz normales Leben“ führen.

Drei Polizisten bewachen das Oberlandesgericht in Frankfurt am Main (Hessen), wo der Prozess gegen ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stattfindet. dpa

Drei Polizisten bewachen das Oberlandesgericht in Frankfurt am Main (Hessen), wo der Prozess gegen ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stattfindet.

Frankfurt„Die Bilder aus Syrien ließen mir keine Ruhe.“ Der angeklagte mutmaßliche IS-Terrorist und Syrien-Rückkehrer hat sein Schweigen im Prozess gegen ihn am dritten Verhandlungstag gebrochen. Der 20-Jährige lässt seinen Anwalt vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Freitag erklären, weshalb er im Juli 2013 in den Kampf nach Syrien zog und sich der radikalen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschloss. Damit packt zum ersten Mal ein mutmaßlicher IS-Terrorist vor einem deutschen Gericht aus.

Kreshnik B. will schnell aus dem Kriegsgebiet zurück, nun wünscht er sich „ein ganz normales Leben“, heißt es in seiner Erklärung. „Man muss vielleicht erst einmal sehen, was Krieg bedeutet, um Dankbarkeit für Frieden zu empfinden.“

Mit der Erklärung arbeitet Kreshnik B. nun doch auf eine Strafmilderung hin, die ihm das Gericht bei einer Aussage in Aussicht gestellt hatte: Er könnte zu dreieinviertel bis viereinviertel Jahren Haft nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Allerdings spricht der Angeklagte – der eine graue Jogginghose, ein schwarz-graues T-Shirt, Brille und einen Kinn-Wangenbart trägt – nicht selbst.

Die „unfassbare Gewalt“ des Assad-Regimes habe ihn wütend und fassungslos gemacht, liest Anwalt Mutlu Günal aus der fünfseitigen Erklärung für seinen Mandanten vor. „Keiner wollte den Menschen dort helfen.“ Er habe etwas tun und nicht zusehen wollen: „Ich habe es als meine Pflicht angesehen, nach Syrien zu gehen, um mich gegen die Unterdrückung und Tyrannei dort zu stellen.“

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten

Unterschiede in der Praxis

Für beide Glaubensgruppen ist der Koran das Wort Gottes. Die Unterschiede liegen in der theologischen Auslegung und der religiösen Praxis. Manche Differenzen sind marginal: So halten beispielsweise Schiiten ihre Hände beim Beten seitlich des Körpers, Sunniten hingegen kreuzen sie vor der Brust oder dem Bauch.

Verwandtschaft mit Mohammed

Entscheidender sind Fragen, die sich um die Interpretation der Lehre drehen. Die Schiiten argumentieren, dass nur ein Blutsverwandter auf Mohammed folgen kann und sehen daher in dessen Cousin und Schwiegersohn Ali und seinen Nachfahren die rechtmäßigen Erben des Propheten. Letztlich kommt der Begriff Schiiten von „Schiat Ali“ - Partei Alis. Die Sunniten hingegen bestehen nicht auf einer Blutsverwandtschaft. Sie ließen ihren Anführer nach Mohammeds Tod wählen und so huldigten sie in den Wirren des 7. Jahrhunderts zunächst den drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman, bevor Ali für einige Zeit die Macht errang. Die vier gelten nach sunnitischer Lehre als die vier Rechtgeleiteten Kalifen. Nach Alis Tod 661 errangen erneut die Sunniten die Oberhand und konnten ihre Macht für die folgenden Jahrhunderte in verschiedenen Herrscherdynastien festigen.

Die Rolle des Imam

Im Schiismus entwickelte sich daraufhin die Lehre der geistlichen Führerschaft des Imams, dem ein besonderes religiöses Wissen und Unfehlbarkeit zugesprochen werden, was die Sunniten ablehnen. Angefangen mit Ali gab es nach Mohammed zwölf Imame. Die meisten von ihnen wurden von Sunniten getötet und starben als Mätyrer. Der zwölfte indes starb nicht, sondern entschwand, um eines Tages als der Rechtgeleitete, der Messias, zurückzukehren und Gerechtigkeit zu üben.

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Vorwürfe

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Verbreitung

Heute wie damals sind die Sunniten in der Mehrheit. Schätzungen zufolge machen Sunniten zwischen 85 bis 90 Prozent der Muslime aus, Schiiten bis zu 15 Prozent. In Nahost leben und herrschen Schiiten vor allem im Iran, Irak und in Bahrain. Große Gemeinden gibt es zudem unter anderem in Syrien, Saudi-Arabien, Kuwait, im Libanon und Jemen.

Politische Auswirkungen

Die erbitterte Feindschaft von einst nährt noch heute Ressentiments und Streitigkeiten zwischen den Glaubensgemeinschaften. Selbst moderate Schiiten würden ihre Kinder wohl kaum nach den ersten drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman nennen. Politische Trennlinien in der arabischen Welt lassen sich entlang der Glaubenszugehörigkeit ablesen. Doch nur die überzeugtesten Hardliner setzen die theologischen Differenzen in Gewalt und Hass um, wie im Irak und Syrien, wo sunnitische Extremisten gegen schiitische Regierungen kämpfen.

Im Juli 2013 reiste der Heranwachsende über die Türkei nach Syrien und kam mit Hilfe deutscher Mitstreiter bald in eine „Art Militärbasis“ einer Untergruppe des IS. Er habe dort mit Menschen aus vielen Nationen im Alter von 18 bis 60 oder sogar 70 Jahren in Zelten gelebt. Sie seien um 6.00 Uhr morgens aufgestanden und unter anderem in einem Crash-Kurs an der Pistole und dem Sturmgewehr ausgebildet worden. „Wir haben auch sehr viele Leibesübungen gemacht: Laufen, robben und solche Dinge.“

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