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18.10.2013

06:27 Uhr

Nach Abschiebung von Schülern

In Frankreich entlädt sich die Wut der Jugendlichen

VonThomas Hanke

Auf der Straße protestieren Frankreichs Jugendliche gegen die Abschiebung von zwei Schülern. Die Empörung über die Ausweisung von jungen Ausländern reicht weit in die Gesellschaft hinein – und bedroht die Regierung.

Schüler sind entschlossen:„Wir werden keine Ruhe geben, ehe unsere Kumpel wieder in Frankreich sind.“ dpa

Schüler sind entschlossen:„Wir werden keine Ruhe geben, ehe unsere Kumpel wieder in Frankreich sind.“

ParisSogar in Frankreich bleibt Protest gegen Behördenwillkür meist kalt und abstrakt. Schon deshalb, weil die, um die es geht, kein Gesicht haben. Anders die Mobilisierung französischer Jugendlicher gegen die Abschiebung von Schülern: Plötzlich geht es nicht mehr allein um Prinzipien, um Rechtsnormen und Runderlasse, sondern um Menschen.

Die Opfer haben ein Gesicht, genau gesagt gleich zwei: Das des 19-jährigen Armeniers Khatchik Kachatryan und das der 15-jährigen Roma Leonarda Dibrani. „Wir werden keine Ruhe geben, ehe unsere Kumpel wieder in Frankreich sind“, drohen die protestierenden Schüler. „Entweder die Regierung ändert ihre Politik freiwillig, oder wir werden sie dazu zwingen“.

Man mag über die großen Worte von Teenagern lächeln. Doch in den Regierungsstuben fröstelt es die Amtsträger: Noch jede Massenbewegung hat in Frankreich mit Protesten von Schülern und Studenten begonnen, denen sich dann andere anschlossen. Nichts fürchtet die Spitze der Sozialisten mehr als einen Anlass für Proteste zu liefern, an dem die massenhafte Enttäuschung über ihre Politik sich entzünden kann. Und der Frust ist gewaltig: Nur noch ein Fünftel der Wähler steht hinter Präsident Hollande. Jede Nachwahl haben die Sozialisten verloren.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Khatchik und Leonarda wurden vor einer guten Woche aus Frankreich abgeschoben. Am Mittwoch demonstrierten ein paar Hundert Schüler dagegen, am Donnerstag waren es bereits mehrere Tausend. Und Einiges spricht dafür, dass es in den nächsten Tagen noch mehr werden: Die stille Wut der Jugendlichen, die sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, findet hier einen Katalysator.

Ihre Empörung teilen auch viele Erwachsene. Bis weit in die Partei der regierenden Sozialisten hinein gibt es ein hartes Erwachen: Will man wirklich Schulkinder, die in Frankreich ihre Zukunft sehen und seit Jahren hier leben, mit Polizeigewalt auf den Flieger in eine Heimat setzen, mit der sie nichts verbindet? Kann die Linke mit Stolz darauf zeigen, dass sie noch mehr Ausländer des Landes verweist als die Rechte unter Nicolas Sarkozy?

Kommentare (21)

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vandale

18.10.2013, 07:30 Uhr

In F gibt es sicherlich wie in D auch eine kleine Minderheit die für die Aufnahme jeglicher Mitmenschen zu Lasten der anderen die Steuern bezahlen plädiert.

Sehr warscheinlich gibt es jedoch eine grosse schweigende Mehrheit die die Abschiebung gut heisst.

Vandale

OleLakshmiMuellerSchabrunski

18.10.2013, 07:38 Uhr

Soso, die Jugendlichen.

Solche "Jugendliche" die im ÖPNV gerne mal "in Streit geraten", vorzugsweise als Gruppe mit einem Einzelnen, wo im Verlauf der "Eskalation" Messer ins Spiel kommen und am Ende ein geplatzter Schädel den Bahnsteig verunziert?

Was dort MARSCHIERT sind die Gangs aus den Banlieus, bewaffnet, hochkriminell und ohne jeden Skrupel.

Frankreich wird seine "Bereicherung" jetzt richtig GENIESSEN dürfen, südländische Lebensfreude bei Feuerschein und Vergewaltigung inklusive.

Freidenker

18.10.2013, 07:40 Uhr

Na endlich mal gibt es Bewegung in den korrupten, ausbeuterischen westlichen Staaten!! Während unsere Jugend hier am Smart,- Iphone versauert und vorallem verdummt, weil egoistisch/narzisstisch erzogen wird, übt man in Frankreich Solidarität. Prima! das es solche Menschen noch gibt!! Während sich die Deutschn ihren eigenen Untergang erschaffen und in sich in ihrem Egoismus suhlen. Na ja...jedes Land schafft sich seine Probleme alleine. Und das dumme Untertanenvolk der Deutschen sowieso :)

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