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14.11.2015

13:43 Uhr

Nach Anschlägen in Paris

„Soll ich meine Kinder in Paris großziehen?“

VonKatharina Slodczyk

Der „FT“-Sportkolumnist Simon Kuper berichtet, wie er die Attacken in Paris erlebt hat und warum er einen Umzug erwägt.

Die Anschläge in Paris lassen den „FT“-Autor zweifeln, ob er in der Stadt bleiben will. AFP

Blumen vor dem Carillon

Die Anschläge in Paris lassen den „FT“-Autor zweifeln, ob er in der Stadt bleiben will.

LondonSeit 13 Jahren lebt Simon Kuper, Sportkolumnist der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT), in Paris. „Ich hab immer gedacht, dass das Zusammenleben der Menschen hier über ethnische Grenzen hinweg gut funktioniert“, schreibt er in einem Bericht nur wenige Stunden nach den Attentaten von Freitagabend. Doch inzwischen fragt er sich: „Soll ich meine Kinder hier wirklich großziehen?“

Während der Anschläge war Kuper im Fußballstadion beim Spiel Frankreich gegen Deutschland. Man habe die Explosionen gehört, aber die Zuschauer hätten das zunächst ignoriert und teilweise gejubelt. Fußballzuschauer seien ja den Krach von Feuerwerkskörpern durchaus gewohnt, schreibt Kuper auf der „FT“-Website. Erst einige Stunden nach dem Schlusspfiff habe er herausgefunden, was tatsächlich passiert sei, was Selbstmordattentäter angerichtet hätten.

Übersicht über Attentate in Frankreich in der Vergangenheit

Mai 1978

Palästinensische Terroristen eröffnen am Flughafen Orly das Feuer auf Passagiere, die ein Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollen. Acht Menschen sterben, bei ihnen handelt es sich um drei Angreifer, zwei Polizisten und drei Passagiere. Drei weitere Passagiere werden verletzt.

Oktober 1980

Vor einer Synagoge in der Pariser Rue Copernic geht eine Bombe hoch - vier Menschen sterben, rund 20 weitere werden verletzt.

März 1982

Bei einem Anschlag auf einen Zug zwischen Toulouse und Paris werden fünf Menschen getötet und 77 verletzt. An Bord sollte ursprünglich der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac sein. Der Terrorist Carlos soll in den Anschlag verwickelt sein.

August 1982

Bei einem Anschlag auf das Restaurant "Goldenberg" im jüdischen Viertel von Paris werden sechs Menschen getötet und 22 verletzt. Bis heute ist nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist.

Juli 1983

Am Turkish-Airlines-Schalter am Flughafen Orly südlich von Paris explodiert ein Sprengsatz, wodurch acht Menschen getötet und 54 verletzt werden.

Dezember 1983

Zwei Menschen sterben und 34 werden verletzt, als eine Bombe am Bahnhof Saint Charles in Marseille explodiert. Nur wenige Minuten zuvor sterben bei einer Bombenexplosion in einem Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Marseille-Paris drei Menschen. Zu beiden Anschlägen bekennt sich eine arabische Gruppe mit Verbindungen zu dem Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos.

September 1986

Vor einem Kaufhaus in Paris explodiert eine Bombe - sieben Menschen werden getötet und rund 55 weitere verletzt. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attentaten eines proiranischen Terrornetzwerks in den Jahren 1985 und 1986 ein. Insgesamt sterben bei diesen Anschlägen 13 Menschen, mehr als 300 werden verletzt.

Juli 1995

In einem RER am Bahnhof Saint-Michel im Zentrum von Paris explodiert eine Bombe. Acht Menschen sterben, 119 werden verletzt. Der Anschlag wird algerischen Extremisten zugeschrieben. Es ist das blutigste Attentat einer Reihe von Anschlägen in diesem Sommer, bei denen insgesamt acht Menschen sterben und mehr als 200 verletzt werden.

Dezember 1996

Bei einem Anschlag auf einen Regionalzug (RER) in Paris sterben vier Menschen. Weitere 91 werden verletzt. Es gibt Ähnlichkeiten zu einer Anschlagsserie vom Sommer 1995.

März 2012

Der 23-jährige Mohammed Merah erschießt innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später erschießt er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März wird Merah von einer Spezialeinheit getötet.

Januar 2015

Drei Extremisten töten bei einer mehrere Tage dauernden Terrorwelle in Paris 17 Menschen, bevor sie selbst erschossen werden. Zunächst greifen zwei Brüder das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an und erschießen zwölf Menschen. In den Tagen darauf tötet ein weiterer Extremist eine Polizistin und nimmt in einem koscheren Supermarkt Geiseln. Vier jüdische Kunden sterben.

Juni 2015

Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird.

August 2015

Ein schwerbewaffneter Mann eröffnet in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der radikale Islamist wird von US-Soldaten überwältigt, die zufällig an Bord des Zuges sind.

„Wir haben die Attacken auf „Charlie Hebdo“ hier gemeinsam durchlebt“, schreibt Kuper. Die meisten Pariser versuchten doch nur, ihr normales Leben zu führen, ihre Hypothek abzuzahlen, sich mit Freunden zum Abendessen zu treffen und zu einem Fußballspiel zu gehen. „Aber heute Nacht frag ich mich zum ersten Mal, ob wir weiter in Paris leben können.

Kuper kennt den Club und die Konzerthalle „Bataclan“, die zum Epizentrum des Terrorangriffs wurde. „Ich hab dort ein- oder zweimal gegessen und bin ungezählte Male daran vorbeigelaufen“, schreibt er. Jetzt werde „Bataclan“ stets als ein „Ort des Todes“ erinnert.

Kuper räumt in seinem „FT“-Beitrag ein: Er schreibe all das in einer „Nacht voller Emotionen“. Möglicherweise werde er sich in ein oder zwei Wochen diese Gedanken nicht mehr machen, wenn das Leben zur Normalität zurückgekehrt sei. Vielleicht werde er auch die nächsten 13 Jahre in Paris leben. „Aber ich bin pessimistisch“, schreibt Kuper, „ich befürchte, dass das Leben mit Angst und mit Risiken die neue Normalität hier sein wird.“

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