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14.11.2015

12:20 Uhr

Nach Anschlägen von Paris

Die Syrien-Konferenz steht unter Druck

VonHans-Peter Siebenhaar

Die Syrien-Friedensgespräche stehen nach dem Terror von Paris verstärkt unter Druck, zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Unter massiv verstärkten Sicherheitsvorkehrungen geht die Wiener Konferenz weiter.

Gestern war Frank-Walter Steinmeier noch beim Fußballspiel in Paris, heute ist er bereits im Hotel Imperial in Wien angekommen. Die Konferenz steht nun unter Druck. AFP

Wiener Konferenz

Gestern war Frank-Walter Steinmeier noch beim Fußballspiel in Paris, heute ist er bereits im Hotel Imperial in Wien angekommen. Die Konferenz steht nun unter Druck.

WienDas Wiener Hotel Imperial gleicht einer Festung. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Friedensgespräche in Syrien wurden von den österreichischen Behörden massiv verstärkt. Trotz der Terroranschläge in Paris wurde die internationale Konferenz zur Beendigung des Bürgerkrieges in Syrien am Samstagvormittag dennoch fortgesetzt. In Wien beraten die Außenminister der USA, Russland, Deutschlands, der EU und Spitzenvertreter des Irans und Saudi-Arabiens über einen Ausweg, um das seit über vier Jahren laufende Blutvergießen zu beenden.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der noch am Freitagabend in Paris beim Fußballspiel zwischen Deutschland und Frankreich war, nimmt an den Verhandlungen in Wien teil, die offiziell um 10.30 Uhr begonnen haben. Steinmeier sagte vor dem Start der Gespräche in einem kurzen Statement: „Wir müssen davon ausgehen, dass etwa 4,5 Millionen Menschen in Syrien völlig ohne Hilfe zurechtkommen müssen.“ Bei den Gesprächen in Wien sei das Ziel einen  Arbeitsprozess zu etablieren, der sich mit Fragen eines Waffenstillstands und der Gestaltung einer politischen Übergangsphase befasse. Steinmeier wird am Samstag trotz eines Krisengesprächs mit Kanzlerin Angela Merkel nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Wien ganztätig an den Syrien-Gesprächen teilnehmen.

Übersicht über Attentate in Frankreich in der Vergangenheit

Mai 1978

Palästinensische Terroristen eröffnen am Flughafen Orly das Feuer auf Passagiere, die ein Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollen. Acht Menschen sterben, bei ihnen handelt es sich um drei Angreifer, zwei Polizisten und drei Passagiere. Drei weitere Passagiere werden verletzt.

Oktober 1980

Vor einer Synagoge in der Pariser Rue Copernic geht eine Bombe hoch - vier Menschen sterben, rund 20 weitere werden verletzt.

März 1982

Bei einem Anschlag auf einen Zug zwischen Toulouse und Paris werden fünf Menschen getötet und 77 verletzt. An Bord sollte ursprünglich der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac sein. Der Terrorist Carlos soll in den Anschlag verwickelt sein.

August 1982

Bei einem Anschlag auf das Restaurant "Goldenberg" im jüdischen Viertel von Paris werden sechs Menschen getötet und 22 verletzt. Bis heute ist nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist.

Juli 1983

Am Turkish-Airlines-Schalter am Flughafen Orly südlich von Paris explodiert ein Sprengsatz, wodurch acht Menschen getötet und 54 verletzt werden.

Dezember 1983

Zwei Menschen sterben und 34 werden verletzt, als eine Bombe am Bahnhof Saint Charles in Marseille explodiert. Nur wenige Minuten zuvor sterben bei einer Bombenexplosion in einem Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Marseille-Paris drei Menschen. Zu beiden Anschlägen bekennt sich eine arabische Gruppe mit Verbindungen zu dem Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos.

September 1986

Vor einem Kaufhaus in Paris explodiert eine Bombe - sieben Menschen werden getötet und rund 55 weitere verletzt. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attentaten eines proiranischen Terrornetzwerks in den Jahren 1985 und 1986 ein. Insgesamt sterben bei diesen Anschlägen 13 Menschen, mehr als 300 werden verletzt.

Juli 1995

In einem RER am Bahnhof Saint-Michel im Zentrum von Paris explodiert eine Bombe. Acht Menschen sterben, 119 werden verletzt. Der Anschlag wird algerischen Extremisten zugeschrieben. Es ist das blutigste Attentat einer Reihe von Anschlägen in diesem Sommer, bei denen insgesamt acht Menschen sterben und mehr als 200 verletzt werden.

Dezember 1996

Bei einem Anschlag auf einen Regionalzug (RER) in Paris sterben vier Menschen. Weitere 91 werden verletzt. Es gibt Ähnlichkeiten zu einer Anschlagsserie vom Sommer 1995.

März 2012

Der 23-jährige Mohammed Merah erschießt innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später erschießt er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März wird Merah von einer Spezialeinheit getötet.

Januar 2015

Drei Extremisten töten bei einer mehrere Tage dauernden Terrorwelle in Paris 17 Menschen, bevor sie selbst erschossen werden. Zunächst greifen zwei Brüder das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an und erschießen zwölf Menschen. In den Tagen darauf tötet ein weiterer Extremist eine Polizistin und nimmt in einem koscheren Supermarkt Geiseln. Vier jüdische Kunden sterben.

Juni 2015

Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird.

August 2015

Ein schwerbewaffneter Mann eröffnet in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der radikale Islamist wird von US-Soldaten überwältigt, die zufällig an Bord des Zuges sind.

Die Betroffenheit in den teilnehmenden Delegationen über die Terroranschläge in Frankreich ist groß. „Das ist ein unfassbarer Anschlag, nicht nur auf Frankreich, sondern ein Anschlag, der uns als ganz Europa schockiert“, sagte Österreichs Außenminister Sebastian Kurz vor dem Beginn der Friedensgespräche. Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann zeigte sich „schwer erschüttert“. Der Regierungschef sagte in Wien: „Die internationale Gemeinschaft muss jetzt zusammenstehen, gemeinsam gegen den Terror.“ Nach Einschätzung von politischen Beobachtern erhöhen die Anschläge den Druck auf alle Länder, möglichst schnell eine Lösung im Bürgerkrieg von Syrien zu finden.

An diesem Samstag findet unter Leitung der Vereinten Nationen bereits die dritte Verhandlungsrunde statt. Umstritten ist vor allem das weitere Schicksal des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Der Bürgerkrieg kostete bislang mehr als eine Viertel Million Syrer das Leben. Die Gewalt ist eine der Hauptgründe für die Flüchtlingskrise, die Europa seit dem Spätsommer erschüttert.

Das österreichische Innenministerium hat unterdessen nach den grausamen Anschlägen von Paris die sichtbare Präsenz der Polizei erhöht. Die Sicherheitsvorkehrungen für gefährdete Ziele in der österreichischen Hauptstadt beispielsweise für die internationalen Organisationen und französische verstärkt. In Wien haben UN-Einrichtung, die OPEC und die OSZE ihren Sitz. Die Eliteeinheit Cobra, eine Art österreichische GSG 9, ist eingebunden. Im Wiener Außenministerium wurde ein Krisenstab eingerichtet. Der Einsatz des Bundesheeres ist aber nach Behördenangaben nicht geplant. Eine Einschränkung des Luft- und Bahnverkehrs gibt es am Konferenzort Wien gibt es bislang nicht.

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