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06.05.2011

15:50 Uhr

Nach bin Ladens Tod

Der Westen darf in Afghanistan nicht zurückweichen

VonDaniel Goffart

Nach dem Tod von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden wurden Forderungen laut, dass sich der Westen aus Afghanistan nun rasch zurückziehen müsse. Doch man darf nichts überstürzen.

Schon Winston Churchill wusste um die Gefahren, die bei der Verteidigung nationaler Interessen am Hindukusch lauern. „In Afghanistan ist jeder Mann ein Krieger“, schrieb Churchill nach seinem ersten Besuch in der unzugänglichen Bergregion. Jahrelang kämpfte die britische Kolonialmacht vergeblich gegen die afghanischen Krieger, ebenso wie Generationen später die Rote Arme der Sowjetunion und jetzt die westlichen Alliierten. Doch keine ausländische Macht konnte jemals einen Krieg am Hindukusch gewinnen. Kein Wunder, dass auch jetzt nach Tausenden Toten und trotz der Kriegskosten in Milliardenhöhe erneut die Hoffnung sinkt, jemals ein friedliches Ende zu erreichen.

In dieser verfahrenen Lage liefert die Tötung von Osama Bin Laden den Kriegsgegnern innerhalb der westlichen Allianz den willkommenen Vorwand, früher als gedacht aus Afghanistan abziehen zu können. Schließlich war der von Bin Laden befohlene Angriff auf Amerika am 11. September 2001 der Auslöser, um den „Krieg gegen den Terror“ zu beginnen. Wenn jetzt die Symbolfigur der Terroristen ausgeschaltet worden ist, so die gängige Vorstellung, dann sei man der Erfüllung der ursprünglichen Mission doch ein gewaltiges Stück nähergerückt.

Diese Sichtweise ist falsch, populistisch und gefährlich. Die Allianz ist eben nicht in Afghanistan einmarschiert, um den meistgesuchten Terroristen der Welt aufzuspüren. Ziel der Mission war auch nicht die Vernichtung von El Kaida, sondern die Zurückdrängung der Taliban und der Aufbau ziviler Strukturen. Neben der militärischen Komponente lag der Schwerpunkt der Mission deshalb zuletzt immer klarer auf der Entwicklungsarbeit. Es ist schon erstaunlich, dass vor allem Kriegsgegner und Pazifisten diesen Aspekt völlig außer Acht lassen.

Noch geben sich die Regierungen der drei größten Truppenstellernationen in Washington, London und Berlin fest entschlossen, das beschlossene Abzugsdatum 2014 zu halten. Doch der französische Außenminister Alain Juppé denkt bereits ebenso gezielt über einen schnelleren Abzug nach wie linke Kräfte in Deutschland oder die Gegner von Präsident Barack Obama in den USA. Populär ist der blutreiche Feldzug am Hindukusch in keinem westlichen Land. Wo Wahlkämpfe anstehen wie in Frankreich oder bald auch in den USA besteht deshalb die Gefahr, dass der tiefsitzende Frust der Bevölkerung über den Einsatz politisch missbraucht wird.

Der militärische Rückzug und die schrittweise Übergabe der Macht an die Regierung in Kabul sollen 2014 erfolgen. Das ist angesichts des schleppenden Fortschritts schon jetzt sehr ehrgeizig. Jeder frühere Abzug würde jedoch das mit viel Blut und Geld Erreichte schnell wieder gefährden. Zieht der Westen sich zu früh zurück, übernehmen die Taliban erneut die Macht in Afghanistan. In einem „Volk von Kriegern“, wie Churchill sagte, wäre der Aufstieg eines neuen Osama Bin Laden dann nur noch eine Frage der Zeit.

Kommentare (4)

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Moltke

06.05.2011, 18:37 Uhr

Was ist ihre realistische Alternative? Eine militärische Präsenz Afghanistans bis zu Sankt Nimmerleinstag?
Die ist wohl von den weltpolitisch im Abstieg begriffenen USA kaum durchzustehen. Oder empfehlen Sie die reorganisierte Bundeswehr als Ersatz?

Moltke

06.05.2011, 19:14 Uhr

Es muß natürlich heißen, militärische Präsenz in Afghanistan... Nur eine afghanische Armee kann dauerhaft für Sicherheit in Afghanistan sorgen und sogar das ist ziemlich ungewiß in Anbetracht der dortigen Stammesgesellschaft und sehr unterschiedlichen Völkern und Interessen. Ausländische Besatzungen oder wie man das immer nennen will, werden zu jeder Zeit von nicht zu unterschätzenden Gruppierungen bekämpft werden. Nichts zu machen. Engländer, Russen haben das gelernt, die Amerikaner sind gerade dabei es zu lernen.

Fortunio

06.05.2011, 19:39 Uhr

Außenpolitik, auch und gerade Militärpolitik ist in den USA, wie richtig bemerkt, immer von innenpolitischen Überlegungen begleitet. Sie muß sich verkaufen können. Der Zeitpunkt der Erledigung Bin Ladens ist nicht zufällig gewählt und eindeutig ein Rückzugssignal der Obama Administration, es sei denn das politische Kräftespiel in Pakistan verschlechtert sich entscheidend zu Ungunsten Der Amerikaner.Das könnte alle Pläne über den Haufen werfen.

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