Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.02.2017

17:30 Uhr

Nach Boko Haram

Hungerkrise in Nigeria

Die islamistische Terrororganisation Boko Haram wurde zurückgedrängt. Nun kämpfen einige Dörfer mit den Folgeschäden: Keine Gesundheitsversorgung und Lebensmittelknappheit. Für viele Helfer ein Bild des Schreckens.

Viele Einwohner Nigerias kämpfen gerade um ihr überleben. dpa

Hungertod bedroht Hunderttausende

Viele Einwohner Nigerias kämpfen gerade um ihr überleben.

MaiduguriIn vielen Dörfern sind die Schwächsten schon tot. Es gibt keine Kleinkinder mehr. Erwachsene liegen apathisch auf dem Boden. Wer noch Kraft hat, marschiert mehrere Tage zur nächsten Gesundheitsstation. Das sind die Schilderungen von Helfern aus dem Nordosten von Nigeria. Etwa 200 Kleinkinder sterben dort jeden Tag an den Folgen des Hungers. Die islamistische Terrororganisation Boko Haram wurde vom Militär zurückgedrängt. Doch in den nun wieder zugänglichen Gebieten zeigt sich Helfern ein Bild des Schreckens.

„Die Menschen kommen nach tagelangen Märschen ausgehungert und durstig bei unserer Klinik an“, schildert Frauke Ossig, die Nothilfekoordinatorin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Bundesstaat Borno. „Am schlimmsten ist es, wenn Menschen erschüttert erzählen, welche Familienmitglieder sie nicht mitnehmen konnten, weil diese schon zu schwach zum Laufen waren.“

MSF betreibt in der Stadt Damboa mit etwa 70.000 Einwohnern seit Juli eine Klinik. „Die Lage dort war schlimm. Es gab keine Hilfe für die Menschen. Die einzige Gesundheitsstation war bei Kämpfen zerstört worden“, erzählt Ossig. Zunächst wollte sich MSF dort wie üblich nur auf die ärztliche Versorgung konzentrieren, vor allem für die Binnenflüchtlinge, die in Damboa Schutz gesucht haben. „Aber dann haben wir gesehen, dass noch viel mehr Hilfe nötig war. Die Menschen haben keine Eimer, um sich zu waschen, keine Decken zum Schlafen, kein Moskitonetz, kein sauberes Trinkwasser.“

Wie sicher sind Marokko, Algerien und Tunesien?

„Sichere Herkunftsstaaten“?

Union und SPD wollen Marokko, Algerien und Tunesien als weitere „sichere Herkunftsstaaten“ einstufen. Ein Herkunftsland kann dann „sicher“ genannt werden, wenn „gewährleistet erscheint, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet“. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, dass dies in den Ländern überall der Fall ist. (Quelle:dpa)

Regime-Kritiker

Regime-Kritiker werden Amnesty International zufolge sowohl in Marokko als auch Algerien verfolgt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstrationen sei eingeschränkt. Aktivisten würden belästigt und manchmal auch inhaftiert. In dem vom Wirtschaftsmagazin „The Economist“ berechneten Demokratieindex 2014 werden die beiden Länder als autoritäre Regime eingestuft.

Gleichgeschlechtliche Handlungen

Gleichgeschlechtliche Handlungen sind in allen drei Ländern verboten und strafbar. Tunesien, das als einziges Land als Demokratie aus den arabischen Aufständen hervorgegangen war, hatte 2014 eine neue Verfassung beschlossen, die die persönliche Freiheit eigentlich garantieren soll. Jedoch steht Human Rights Watch zufolge auf gleichgeschlechtlichen Sex nach wie vor Haft von bis zu drei Jahren.

Folter

Immer wieder wird aus Marokko und Tunesien auch von Folter berichtet. So wurden in Tunesien Menschenrechtlern zufolge Festgenommene im Gewahrsam vor allem während der Befragungen zu Straftaten gequält.

Todesstrafe

Die Todesstrafe wird in Tunesien, Algerien und Marokko zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr vollstreckt, trotzdem kann die Strafe in den Ländern immer noch verhängt werden.

Pressefreiheit

Die Presse in Marokko und Algerien wird als nicht frei eingestuft. Journalisten in Marokko werden eingesperrt und unter anderem der Anstiftung zum Terrorismus beschuldigt. In Algerien wurde Amnesty zufolge ein kritischer TV-Sender geschlossen.

Im Nordosten Nigerias und in den angrenzenden Gebieten der Nachbarstaaten Niger, Tschad und Kamerun sind nach Angaben der Vereinten Nationen in diesem Jahr über sieben Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Rund 2,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 500.000 Kinder werden demnach an akuter Mangelernährung leiden - ein lebensgefährlicher Zustand. Es könnten dort „hunderttausende Menschen sterben“, warnt Toby Lanzer, der UN-Nothilfekoordinator für die Sahel-Zone.

Für den Hilfseinsatz veranschlagen die UN in diesem Jahr Kosten von rund 1,5 Milliarden Dollar (1,4 Milliarden Euro). Am 24. Februar wird in Oslo eine Geberkonferenz abgehalten. „Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht einschreitet, dann wird die Krise noch schlimmer. Es wird dann noch mehr kosten, der Krise beizukommen“, erklärt Lanzer. Er sieht darin auch ein Bekämpfung von Fluchtursachen: Wenn Menschen vor Ort keine Zukunft mehr hätten, würden künftig immer mehr von ihnen nach Europa fliehen, warnt er.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×