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09.05.2014

19:18 Uhr

Nach Boko-Haram-Überfall

Amnesty erhebt Vorwürfe gegen nigerianisches Militär

Während die Islamisten von Boko Haram ihre Anschläge fortsetzen, erhebt Amnesty International schwere Vorwürfe gegen das Militär: Angeblich hätte die Verschleppung Hunderter Mädchen verhindert werden können.

Protestanten in London fordern die Freilassung der in Nigeria entführten Mädchen. Laut einem Amnesty-Bericht hätte die Verschleppung verhindert werden können. AFP

Protestanten in London fordern die Freilassung der in Nigeria entführten Mädchen. Laut einem Amnesty-Bericht hätte die Verschleppung verhindert werden können.

AbujaTrotz weltweiter Proteste gegen den Terror in Nigeria setzen die Islamisten von Boko Haram ihre Angriffe fort. Mutmaßliche Mitglieder der Extremisten sprengten im Norden eine Brücke und töteten mindestens 30 Menschen - während die Dorfbewohner noch die Opfer des letzten Anschlags zu Grabe trugen. Amnesty International erhebt unterdessen schwere Vorwürfe gegen das nigerianische Militär. Die Sicherheitskräfte seien Stunden vor dem Überfall auf eine Schule in Chibok vor der bevorstehenden Attacke gewarnt worden und hätten die Entführung von mehr als 200 Mädchen womöglich verhindern können.

Die Menschenrechtsorganisation beruft sich auf „Informationen aus mehreren Interviews mit glaubwürdigen Quellen“, die unabhängig geprüft worden seien. Demnach hätten beispielsweise Zivilpatrouillen im Nachbarort Gagilam Alarm geschlagen, als eine große Gruppe bewaffneter Männer auf Motorrädern durch ihr Dorf kam und angab, sie wären unterwegs nach Chibok. Trotzdem habe niemand der lokalen Polizei und den dort stationierten 17 Soldaten Verstärkung geschickt, berichtete Amnesty am Freitag in Washington.

Die Mädchen waren vor knapp einem Monat verschleppt worden. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur. In einem Bekennervideo hieß es, sie sollten als Sklavinnen verkauft werden.

Boko Haram, die im muslimisch geprägten Norden Nigerias einen Gottesstaat errichten wollen, hat seit 2009 zahlreiche schwere Anschläge mit über 6000 Toten verübt.

Die EU und Afrika

Bildung, Gesundheit und Zivilgesellschaft

Die EU fördert afrikanische Staaten bei der Ausbildung. Mehr als zwölf Millionen Menschen hat sie nach eigenen Angaben zwischen 2007 und 2013 bei ihrer Schul- oder Berufsausbildung unterstützt. Tausende Studenten erhielten Stipendien oder nahmen am Erasmus-Austauschprogramm teil. 178 Millionen Euro flossen in den vergangenen sieben Jahren in mehr als 600 afrikanische Forschungsprojekte zu Ernährungssicherheit, Klimawandel, Gesundheit und Energie. Auch zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten und für den Kampf gegen den Klimawandel stellt die EU Geld bereit.

Wachstum und Handel

Europa ist der wichtigste Partner Afrikas in der Entwicklungshilfe. Zwischen 2007 und 2013 unterstützten die EU und ihre Staaten Afrikas Entwicklung mit rund 141 Milliarden Euro. Der Handel zwischen Europa und Afrika wächst seit Jahren – in beide Richtungen. 2013 exportierten die EU-Staaten Waren im Wert von 153 Milliarden Euro auf den afrikanischen Kontinent. Das war ein Rekord, wie die EU-Statistikbehörde Eurostat meldete. Frankreich, Deutschland und Italien waren die größten Exporteure. Deutschlands Ausfuhren nach Afrika summierten sich 2013 auf 22 Milliarden Euro. Umgekehrt ist die EU für Afrika der größte Handelspartner, dorthin gehen 40 Prozent aller afrikanischen Ausfuhren. Die afrikanischen Staaten verkauften im vergangenen Jahr Waren für 168 Milliarden Euro nach Europa.

Friedenssicherung

Im vergangenen Jahrzehnt hat die EU 16 EU-Missionen nach Afrika geschickt, um Krisen zu bewältigen und den Frieden zu sichern. Darunter waren nach Angaben des EU-Rates sieben Militäroperationen etwa im Kongo, Somalia und Mali sowie 9 zivile Missionen wie in Kinshasa oder im Sudan/Darfur. Derzeit sind mehr als 2300 Männer und Frauen unter der EU-Flagge bei EU-Friedensmissionen in Afrika im Einsatz. Seit 2004 hat die EU 1,2 Milliarden Euro zur Unterstützung afrikanischer Operationen zur Friedenssicherung bereitgestellt.

Der Anschlag auf die Brücke ereignete sich in dem Dorf Gamboru Ngala an der Grenze zu Kamerun, wie die Zeitung „Punch“ am Freitag berichtete. Dort hatte Boko Haram erst vor wenigen Tagen über 300 Menschen ermordet und elf Mädchen entführt. Die Dorfbewohner hielten am Donnerstagabend offenbar gerade ein Massenbegräbnis ab, als die Extremisten erneut zuschlugen. Auf der Brücke befanden sich nigerianische und kamerunische Grenzposten. Unter den Trümmern könnten Zeugen zufolge weitere Opfer liegen.

Bundespräsident Joachim Gauck zeigte sich in einem Schreiben an Nigerias Staatschef Goodluck Jonathan schockiert und sprach von „menschenverachtenden und hinterhältigen“ Anschlägen. Mit Bestürzung reagierte auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin: „Das sind barbarische Akte jenseits jeglicher Moralvorstellungen, die wir aufs Allerschärfste verurteilen.“

Mehrere Länder haben Nigeria bereits Unterstützung zugesagt, darunter die USA, Großbritannien und Frankreich. Paris hat nach einem Bericht der Zeitung „Le Parisien“ ein Team des Auslandsgeheimdienstes DGSE nach Nigeria geschickt, um bei der Suche nach den entführten Mädchen zu helfen. Eine offizielle Bestätigung gab es aber zunächst nicht.

US-Außenminister John Kerry hatte am Donnerstag an die internationale Gemeinschaft appelliert, konkrete Hilfen zur Verfügung zu stellen. „Die gesamte Welt sollte diese Schandtat nicht nur verdammen, sondern alles nur Mögliche tun, um Nigeria in den nächsten Tagen zu helfen“, sagte Kerry in Washington. Nach einem CNN-Bericht sollte am Freitag ein siebenköpfiges US-Team in Nigeria eintreffen, um mehrere Dutzend Militärexperten zu unterstützen, die seit längerer Zeit vor Ort sind.

Von

dpa

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