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18.07.2012

21:23 Uhr

Nach Bombenanschlag

Washington sieht Ende der Assad-Regierung nahen

Der Bombenanschlag in Syrien trifft die Regierung hart. Für viele Syrer und die US-Regierung ist klar: Die Entscheidungsschlacht um die Zukunft des Landes hat begonnen. Der UN-Sicherheitsrat verschiebt eine Abstimmung.

„Auf der falschen Seite der Geschichte”

Video: „Auf der falschen Seite der Geschichte”

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IstanbulDie US-Regierung sieht nach dem Bombenanschlag auf ranghohe offizielle der Regierung Assad das Ende des Regimes in Syrien nahen. Das „Wall Street Journal“ zitierte am Abend einen ranghohen Beamten der amerikanischen Regierung, wonach die Regierung die Kontrolle über das Land verliere. Es müsse verhindert werden, dass ein Machtvakuum entstehe. Aktivisten berichteten - ohne Bestätigung durch andere Quellen - die Präsidentenmaschine sei vom Flughafen Damaskus gestartet.

Der UN-Sicherheitsrat hat derweil eine für Mittwoch geplante Abstimmung über einen westlichen Resolutionsentwurf zu Syrien um einen Tag verschoben. Dies gab der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin nach einem Treffen der fünf Ständigen Mitglieder des Rates bekannt. Die Diskussionen über den Entwurf sollten am Mittwoch fortgesetzt werden.

Demonstranten vor der syrischen Botschaft in Amman, Jordanien. Reuters

Demonstranten vor der syrischen Botschaft in Amman, Jordanien.

UN-Sondervermittler Kofi Annan verurteilte das Sprengstoff-Attentat und rief den Sicherheitsrat zu entschiedenem Handeln auf. Der Anschlag mache nur noch deutlicher, dass der Sicherheitsrat dringend und bestimmt handeln müsse, sagte Annan. Er habe mit einigen Mitgliedern des Sicherheitsrates gesprochen und sie aufgefordert, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen, die ein Ende des Blutvergießens in Syrien und Impulse für einen politischen Wandel ermögliche.

Allen Orten tun sich Beobachter damit schwer, jemanden zu finden, der noch an das politische Überleben von Präsident Baschar al-Assad glaubt. Obwohl die vorwiegend von loyalen Offizieren kommandierten Spezialeinheiten den Rebellen militärisch immer noch weit überlegen sind, erwecken die ersten Gefechte in Damaskus bei vielen Syrern den Eindruck, die Entscheidungsschlacht habe jetzt begonnen.

Die syrische Oppositionsgruppen im Überblick

Syrischer Nationalrat (SNC)

Der im August 2011 in Istanbul gegründete SNC gilt als größte und repräsentativste syrische Oppositionsgruppe. Ihren Vertretungsanspruch für die Belange der Opposition bezieht sie zum einen daraus, dass fast hundert ihrer insgesamt rund 230 Mitglieder in Syrien ansässig sind. Überdies bevorzugen die Regierungen in Washington und Paris den SNC als Ansprechpartner. Die Konferenz in Tunis könnte dazu führen, dass der Nationalrat international als „legitimer“, wenn auch nicht als einziger Repräsentant der syrischen Opposition anerkannt wird.

Im SNC sind Islamisten, vor allem Anhänger der Muslimbrüder, Liberale und Nationalisten vereint. Sein Vorsitzender ist der im französischen Exil lebende Oppositionelle Burhan Ghaliun, der sich für eine militärische Intervention in Syrien ausgesprochen hat. Seine Gegner werfen Ghaliun vor, er koordiniere seine Vorgehensweise nicht hinreichend mit den Kräften vor Ort.

Nationales Koordinierungskomitee für den demokratischen Wandel (NCB)

Das von Hassan Abdel Asim geleitete NCB vereint arabische Nationalisten, Kurden, Sozialisten und Marxisten sowie unabhängige Persönlichkeiten wie den Wirtschaftsexperten Aref Dalila. Das Komitee gründete sich Mitte September in der Nähe von Damaskus und wählte als Führungsgremium einen Zentralrat. Die Gruppierung ist strikt gegen eine Militärintervention von außen, ein Versuch einer Annäherung an den SNC scheiterte. Das NCB boykottiert die Konferenz in Tunis aus Protest gegen den Plan, den Nationalrat als Repräsentanten der syrischen Opposition anzuerkennen.

Örtliche Koordinierungskomitees (LCC)

Die Komitees sehen sich als Bestandteil des Nationalrates, in ihnen sind die Protestbewegungen aus einzelnen Städten und Stadtvierteln zusammengeschlossen. Die meisten ihrer Mitglieder sind junge Syrer ohne militante Vergangenheit, die sich über soziale Netzwerke wie Facebook organisieren und mit der Außenwelt unter anderem über den Internetdienst Skype kommunizieren. Sie organisieren ein System gegenseitiger Hilfsleistungen, etwa um Verletzte aus ihren Reihen außerhalb der von den Sicherheitskräften kontrollierten Krankenhäuser zu versorgen.

Syrische Koalition säkularer und demokratischer Kräfte (CSDF)

Die Koalition kam das erste Mal Mitte September in Paris zusammen. Sie strebt einen laizistischen Staat in Syrien an. Ihr gehören Vertreter von Kurdenparteien, der Assyrischen Kirche und sunnitische Muslime an. Die CSDF wendet sich gegen den starken Einfluss der Islamisten in der syrischen Oppositionsbewegung und will die Minderheiten in der Bevölkerung, vor allem die Christen, mobilisieren.

Syrischer Revolutionsausschuss (SRGC)

Der Mitte August gegründete SRGC strebt ein demokratisches Syrien an. Erklärtes Ziel der Gruppierung ist es, die Reihen der Opposition zu schließen und gemeinsam den Sturz Assads zu erzwingen.

Am Mittwoch traf ein Anschlag das Regime mitten ins Herz, als eine Bombe vor dem Gebäude explodierte, in dem sich gerade der Krisenstab traf. Dabei wurden der Verteidigungsminister und ein Schwager von Präsident Baschar Assad getötet. Zu der Tat bekannte sich ein syrischer Rebellenkommandeur, Riad al Assad.

Heiß diskutiert wird allerdings in der Frage, wie lange dieser letzte Akt der blutigen Tragödie dauern wird. Dem diplomatischen Tauziehen zwischen dem Westen und Assads Unterstützern in Moskau und Peking schenken die Menschen in Damaskus dagegen kaum noch Beachtung. Sie stehen stattdessen am Fenster und beobachten, wie Militärhubschrauber die in Wohnvierteln versteckten Deserteure unter Beschuss nehmen.

Kommentare (13)

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karma

18.07.2012, 15:37 Uhr

(...)

Und wie üblich bekommen wir unsere Nachrichten von den Quellen, die auch die Unruhen in Nordafrika angezettelt haben. (...)
(...)

Wenn man sich die USA ind er letzten Zeit ansieht, denkt man fast, dass man in mittelalterlichen England ist. Armut und Rückständigkeit, soweit das Auge sehen kann.

Andere Völker ausrauben zahlt sich NIE aus.
Eine bittere Erkenntnis von allen Völkern die sich bisher nur von Raub und Mord ernährt hatten (Spanien, Frankreich und besonders England)
+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Stargazer2000

18.07.2012, 15:42 Uhr

Es ist schon interessant wie die westlichen Medien in Einklang mit den westlichen Politikern über dieses Land und die dortige Regierung berichten.
(...)
Es scheint längst beschlossene Sache, dass Assad dem Interesse der USA un ihrer Getreuen im Wege steht und weg muss, aber das niemand in den Medien bei den Saudis, Bahrainis, .. von menschenverachtenden Regimen spricht, ist schon bezeichnend (sind ja auch alles musterdemokratische Verbündete des Westens)
Ich bin kein Syrer und weder Freund, noch Feind der syrischen Regierung, aber wenn ich die ungeprüften Internetaufnahmen der selbsternannten syrischen Opposition sehe, dann mache ich mir Sorgen um die Angehörigen anderer Religionen in Syrien, wenn diese Musterdemokraten (Omar al-Muschawa. Er gehört zu den Führungskadern der oppositionellen Muslimbruderschaft) die Macht erkämpfen.
Mich würde es interessieren wie man in den USA, Deutschland, England etc. reagieren würde, wenn schwerbewaffnete Gruppen den Aufstand ausrufen und mit Gewalt gegen Regierungsangehörige und Institutionen vorgehen würden?
Bestimmt würden sich Polizei und Sicherheitsorgane ganz demokratisch zurückhalten und mit den oppositionellen Rebellen diskutieren. Man hat ja gesehen wie die Polizei bei einigermaßen gewaltlosen Gutmenschendemos wie S21 oder Atommülltransporten diskutiert und sich zurückhält.

+++ Beitrag von der Redaktion editiert+++

Account gelöscht!

18.07.2012, 16:17 Uhr

Langsam breitet sich der Arabische-Frühling auch auf Europa aus.

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