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30.12.2016

18:33 Uhr

Nach dem Anschlag in Berlin

Polen nimmt Abschied von Lukasz U.

Der Lkw-Fahrer Lukasz U. war das erste Opfer des Terroristen Anis Amri. Nun ist der polnische Trucker in seinem Heimatort Banie beerdigt worden. Hunderte Menschen nahmen Anteil am Schicksal des 37-Jährigen.

Hunderte Menschen schließen sich zu Fuß einem Laster-Korso an, um dem Terroropfer Lukasz U. das letzte Geleit zu geben. Reuters

Polen nimmt Abschied

Hunderte Menschen schließen sich zu Fuß einem Laster-Korso an, um dem Terroropfer Lukasz U. das letzte Geleit zu geben.

BanieTrucker rollen Stoßstange an Stoßstange durch den westpolnischen Ort Banie und hupen in Dauerschleife. Sie geben so ihrem ermordeten Kollegen Lukasz U. mit einem Laster-Korso am Freitag das letzte Geleit. Der 37-Jährige war dem Terroranschlag vor Weihnachten in Berlin zum Opfer gefallen, als der mutmaßliche Attentäter Anis Amri seinen Lkw entführte und den polnischen Fahrer mit einem Kopfschuss tötete.

Hunderte Menschen schließen sich zu Fuß den Truckern an, begleiten U. auf seinem letzten Weg. Vielen stehen Tränen in den Augen, als der Leichenwagen den schneeweißen Sarg zum Friedhof des 6000-Seelen-Ortes – 30 Kilometer südlich von Stettin (Szczecin) – bringt. „Wäre Lukasz in Berlin auf das Firmengelände gelassen worden, wo sein Lkw entladen werden sollte, hätte sich diese Tragödie nicht ereignet“, schluchzt Romuald Szmyt, Präsident des Westpommernschen Verbandes der Straßen-Carrierer, am Grab seines Kollegen.

U. hatte am 19. Dezember Stahlteile aus Italien nach Berlin-Moabit gebracht, wollte sie gleich abladen. Doch das verzögert sich. Er stellt seinen Truck auf einem Parkplatz außerhalb des Firmengeländes ab, beschwert sich per Handy bei seinem Cousin und Spediteur Ariel Zurawski, dass er wieder einmal warten müsse. Danach verliert sich seine Spur. Es klafft eine Lücke von mindestens vier Stunden, in denen Amri nach bisherigen Ermittlungen den Laster kapert, U. umbringt und mit dem Truck in eine Menschenmenge auf dem Berliner Breitscheidplatz rast und elf weitere Menschen tötet.

Was über die Fluchtroute von Anis Amri bekannt ist

Berlin

Montag, 19.12.: Gegen 20.00 Uhr fährt ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Im Lkw entdecken Ermittler Fingerabdrücke des Tunesiers Anis Amri.

Nimwegen (Niederlande)

Mittwoch, 21.12.: Gegen 11.30 Uhr zeichnen Kameras im Bahnhof Bilder eines Mannes auf, der nach Angaben der niederländischen Staatsanwaltschaft „sehr wahrscheinlich“ Amri ist. In Nimwegen wurden an diesem Tag Gratis-Sim-Karten verteilt, von denen eine später bei Amri gefunden wurde. Italienischen und französischen Medien zufolge fuhr Amri mit dem Fernbus weiter nach Lyon. Das in den Berichten genannte Unternehmen Flixbus teilte auf Anfrage mit, es stehe in „engem Austausch mit internationalen Ermittlungsbehörden“. Flixbus bietet Fahrten von Nimwegen nach Lyon über Brüssel, Paris oder Düsseldorf an.

Lyon (Frankreich)

Donnerstag, 22.12.: Am Nachmittag zeigen Aufnahmen der Videoüberwachung Amri im Bahnhof Lyon Part-Dieu. Von dort soll er französischen Medien zufolge einen Zug nach Chambéry genommen haben.

Chambéry (Frankreich)

Donnerstag, 22.12.: Hier soll Amri in einen Zug Richtung Turin umgestiegen sein. Französische Medien berichteten, dass italienische Ermittler bei Amri nach seinem Tod Tickets für die Strecke von Lyon nach Italien gefunden hätten.

Turin (Italien)

Donnerstag, 22.12.: Im Bahnhof Porta Nuova filmt eine Überwachungskamera Amri um 22.14 Uhr. Unbestätigten Medienberichten zufolge blieb Amri etwa zwei Stunden in dem Bahnhof.

Mailand (Italien)

Freitag, 23.12.: Eine Überwachungskamera filmt Amri um 00:58 Uhr im Hauptbahnhof.

Sesto San Giovanni

Freitag, 23.12.: Gegen 3:30 Uhr wird Amri vor dem Bahnhof von Polizisten erschossen, die routinemäßig seinen Ausweis kontrollieren wollten.

„Lukasz war schon in Weihnachtsstimmung, wollte nur noch nach Hause zu seiner Familie“, sagt Szmyt mit gebrochener Stimme. „Fahrer aus Osteuropa werden im gesamten Westen anders behandelt als die Kollegen aus Deutschland, Frankreich oder Belgien“, kritisiert Szmyt im Beisein des polnischen Präsidenten Andrzej Duda.

Auch wenn noch immer nicht ganz geklärt ist, was sich genau in U.'s letzten Lebensminuten abspielte, ist er für viele Polen ein Held. „Er hat die Würde des Menschen bis zum Schluss verteidigt. Wir sind ihm dafür unendlich dankbar“, sagt der Stettiner Bischof Henryk Wejman in seiner Predigt. Viele glauben, dass U. Amri ins Lenkrad griff und so noch Schlimmeres verhinderte. Nach offiziellen Angaben brachte allerdings ein automatisches Bremssystem den Laster nach kurzer Fahrt durch die Budengasse zum Stehen.

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„Sein Tod ist ein riesiger Verlust“, äußert sich Premierministerin Beata Szydlo in einem Brief, aus dem ihre Kanzleichefin Beata Kempa in der Kirche von Banie zitiert. „Schon früher sind Polen terroristischen Anschlägen zum Opfer gefallen, die von islamistischen Fundamentalisten ausgeführt wurden, aber die Tragödie von Berlin ist mit Blick auf die Skrupellosigkeit und Brutalität des Täters außergewöhnlich“, sagt Kempa.

Für die Hinterbliebenen ist das nur wenig Trost. U.'s 17-jährigem Sohn Adam laufen die Tränen nur so über die Wangen. Staatspräsident Duda drückt ihm fest die Hand, nimmt dann auch seine Mutter in den Arm und verspricht Hilfe.

Der polnische Staat hat in einem ersten Schritt alle Beerdigungskosten übernommen. In Großbritannien hat ein Trucker für die Familie eine Spendensammlung initiiert. Mehr als 200.000 Euro seien bereits zugesagt worden. „Diese Hilfsbereitschaft ist so schön“, sagt eine Nachbarin der Familie. „Geld macht Lukasz aber auch nicht mehr lebendig. Es ist so furchtbar. Was ist bloß in der Welt los? Warum können Menschen so grausam sein?“, fragt sie und legt eine weiße Rose auf U.'s Grab.

Von

dpa

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