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16.03.2011

00:00 Uhr

Nach dem Beben

Japans Regierung ist in der Krise hilflos

VonJan Keuchel

Die Regierung Japans gibt in der größten Krise des Landes ein hilfloses Bild ab. Ihre Reaktionen auf die atomare Bedrohung wirken ratlos. Ein Kommentar von Jan Keuchel.

Die Empfehlung an die Bewohner des Gebiets rund um das Kernkraftwerk Fukushima, im Haus zu bleiben und auch keine Wäsche mehr von der Leine zu holen, ist ein trauriger Versuch, die Krise herunterzuspielen.
Die Informationspolitik der Herren um Premier Naoto Kan ist wie ein Reaktorbehälter, aus dem nur entweichen darf, was eh nicht mehr zurückzuhalten ist. Kernschmelze? Möglicherweise. Strahlenbelastung? Ja, aber teilweise ungefährlich. Ansonsten: Ruhe bewahren. Bleiben Sie im Haus.

Es gibt Kommentatoren, auch hierzulande, die diese Art der Informationspolitik richtig finden, weil sie vielleicht dazu beiträgt, einen panischen Massenexodus aus der Millionenmetropole Tokio zu verhindern. Auch dort werden mittlerweile radioaktive Strahlungen gemessen. Eine Panik in der größten Metropolregion der Welt wäre in der Tat eine äußerst kritische Situation. Doch was ist in dieser Lage wichtiger? Beschwichtigung oder Aufklärung?

Wir Deutschen würden es uns nicht gefallen lassen, vom Staat in einer ähnlichen Situation so bevormundet zu werden. Warum also sollten die Japaner sich dermaßen gängeln lassen? Im Zeitalter von Internet und Twitter lassen sich Informationen ohnehin nicht mehr kontrollieren. Die Wahrheit zu sagen verhindert vielmehr, dass über das Netz gefährliche Unwahrheiten verbreitet werden, wie es jetzt auch in Japan passiert ist.

Premier Kan aber hat nicht den Mut, offen und offensiv mit der Lage umzugehen. Anstatt das Kabinett in Krisen-Overalls zu stecken und damit Entschlossenheit zu suggerieren, sollte er lieber Probleme dort eingestehen, wo sie offensichtlich sind. Die Regierung kann tatsächlich keinen Einfluss mehr auf die entfesselten Naturgewalten ausüben. Das zeigen nicht nur die wiederholten Explosionen in den Kernreaktoren. Aber Japans Bürgern hilft ein Premier wenig, der medienwirksam die Kraftwerksbosse einbestellt und sie mit markigen Worten antreibt, nun auch wirklich alles zu tun, um die Reaktoren abzukühlen.

Was passiert da gerade? Diese Frage sollte er den Bürgern ehrlich beantworten. Oder ihnen sagen, dass er es selbst nicht weiß. Die Menschen warten seit Tagen ratlos auf ein klares Wort von ihren Politikern. Japans Bürger haben selbst in den Tagen des Chaos, des Schmerzes und der Unsicherheit ein hohes Maß an Disziplin bewahrt. Auf diese kollektive Kraft sollte Kan vertrauen. Sollte ihm seine politische Karriere noch wichtig sein, dann muss er den Bürgern reinen Wein einschenken.

Vielleicht ahnt Kan aber längst, dass mit den Trümmern der Katastrophe auch seine Regierung von den Wählern beiseitegefegt wird. Für die Japaner könnte diese Krise auch den Anfang einer neuen Selbstbestimmung bedeuten.
Der Autor ist Korrespondent in Tokio.

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