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21.12.2011

22:48 Uhr

Nach dem Mubarak-Sturz

Ägypten kämpft um Touristen, Aufschwung und Stabilität

VonMathias Brüggmann

Die Revolutionswirren in Ägypten vertreiben die Besucher und belasten die Wirtschaftsbilanz des Landes schwer. Außerdem belastet ein neuer Gas-Streit die bilateralen Beziehungen in der Region.

Vor der Revolution waren die Pyramiden von Gizeh ein touristischer Anziehungspunkt. dpa

Vor der Revolution waren die Pyramiden von Gizeh ein touristischer Anziehungspunkt.

KairoKairo wirbt massiv um ausländische Besucher, die Ägypten angesichts der Unruhen seit Monaten meiden. Dazu wird das Land Partner der weltweit wichtigsten Reisemesse, der Internationalen Tourismusmesse in Berlin (ITB). Einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten Tourismusminister Mounir Fakry Abdel-Nour und der Chef der Messe Berlin, Christian Göke, gestern vor den Pyramiden von Gizeh.

Die Leitmesse soll das Image Ägyptens als Urlaubsland wieder verbessern. Das Land musste im Zuge der Revolution gegen den im Februar gestürzten Diktator Hosni Mubarak erhebliche Einbußen in seinem Fremdenverkehr hinnehmen. Abdel-Nour rechnet für dieses Jahr mit 10,5 Millionen Gästen und 9,5 Milliarden Dollar Umsatz. 2010 seien noch 14,8 Millionen ausländische Touristen an den Nil und ans Rote Meer gekommen und hätten der Tourismuswirtschaft 12,5 Milliarden Dollar Einnahmen beschert.

Der Sektor ist extrem wichtig für das Land: Die Branche erwirtschaftet ein Achtel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und stellt auch jeden achten Arbeitsplatz. Inklusive der Familien der Beschäftigten sind laut Abdel-Nour 20 der 85 Millionen Ägypter vom Tourismus abhängig.

Für große deutsche Reiseveranstalter wie Tui ist Ägypten ein wichtiges Zielland. 1,6 Millionen Touristen bringt der Dax-Konzern in das Land, davon 400 000 aus Deutschland. „Wir haben ein großes Interesse an stabilen Verhältnissen und daran, dass Ägypten alles dafür tut, den Tourismus wiederanzukurbeln“, sagte Günther Ihlau, Direktor Internationale Beziehungen des Unternehmens.

Das Umfeld für die Branche bleibt aber schwierig. Die erneuten Unruhen im Zentrum Kairos belasten die Nachfrage, Stornierungen drohen. Die Hotelauslastung in der Hauptstadt ist auf 15 Prozent gesunken - und unter den verbliebenen Gästen sind viele ausländische Fernseh-Crews, die über die Parlamentswahlen und Straßenschlachten berichten.

Ägypten seit dem Sturz Mubaraks

11. Februar 2011

Der langjährige ägyptische Präsident Husni Mubarak tritt am 18. Tag der Massenproteste gegen sein Regime zurück. Die Macht wird an die Streitkräfte übertragen.

13. Februar

Der Oberste Militärrat löst das Parlament auf und setzt die Verfassung außer Kraft.

7. März

Die Übergangsregierung unter Ministerpräsident Essam Scharaf wird vereidigt.

19. März

In einem Referendum sprechen sich die Ägypter für Verfassungsänderungen aus, die den Weg zu Parlaments- und Präsidentenwahlen ebnen.

13. April

Der Ex-Präsident sitzt in Untersuchungshaft, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes in einem Krankenhaus.

7. Juni

Die jahrzehntelang verbotene Muslimbruderschaft wird wieder als legale Partei anerkannt.

8. Juli

Zehntausende unzufriedene Revolutionäre protestieren in Kairo gegen die Übergangsregierung und den Militärrat. Ministerpräsident Essam Scharaf kündigt eine Kabinettsumbildung an.

3. August

Der Prozess gegen Mubarak beginnt. Wegen des brutalen Vorgehens gegen Demonstranten, Amtsmissbrauchs und illegaler Bereicherung droht ihm die Todesstrafe.

18. November

Hunderttausende fordern auf dem Tahrir-Platz, der Militärrat müsse die Macht bald an Zivilisten übergeben. Bei Straßenschlachten kommen in den folgenden Tagen mehr als 40 Menschen ums Leben; Hunderte werden verletzt.

21. November

Das ägyptische Kabinett reicht angesichts der massiven Proteste seinen Rücktritt ein.

22. November

Der Militärrat nimmt den Rücktritt der Übergangsregierung an und kündigt die Präsidentenwahl für Juni 2012 an. Kurz darauf will das Militär die Macht abgeben. Dennoch gehen die Straßenkämpfe weiter.

28. November

Die erste Parlamentswahl der neuen Epoche beginnt. In der Auftaktrunde beteiligen sich 62 Prozent der Wähler - ein Rekord. Stärkste Kraft ist offiziellen Angaben zufolge die Partei der Muslimbruderschaft „Freiheit und Gerechtigkeit“.

7. Dezember

Eine neue Übergangsregierung wird vereidigt. Die Minister sind zum Teil Funktionäre aus der Ära Mubarak. Zwei Tage später legt sich der Militärrat ein ziviles Beratergremium zu, das die Macht der Parlamentarier in der Übergangsphase beschneidet.

16. Dezember

Bei schweren Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Angehörigen der Sicherheitskräfte werden bis zum 19. Dezember in Kairo mindestens 17 Menschen getötet und mehr als 900 verletzt.

29. Dezember

Polizei und Staatsanwaltschaft durchsuchen die Büros von 17 Menschenrechtsorganisationen und ausländischen Institutionen in Kairo. Darunter ist die Konrad-Adenauer-Stiftung. Berlin und Washington protestieren.

5. Januar

Im Prozess gegen Mubarak fordert der Generalstaatsanwaltschaft die Todesstrafe für den Ex-Präsidenten.

11. Januar

Nach der dritten Runde der Parlamentswahl sichern sich die islamistischen Parteien rund 70 Prozent der 498 Mandate. Allein die Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ gewinnt rund 45 Prozent.

Vor allem der sich abzeichnende Wahlsieg der islamischen Moslembruderschaft und der radikaleren salafistischen Al-Nur-Partei bereitet Tourismusmanagern Sorgen: „Ich befürchte, dass unter ihrer Herrschaft die Branche kollabiert“, sagte der Chef von Ägyptens Tourismusvereinigung, Elamy El-Zajat: „Sie denken nur an Bikini- und Alkoholverbote und getrennte Strände für Männer und Frauen. Das wäre das Aus.“ Die Moslembrüder können nach Auszählung der ersten zwei Wahlrunden mit 40, die Salafisten mit 25 Prozent der Mandate im ersten frei gewählten Unterhaus rechnen.

Ehab Mussa vom Tourismusförderverband fordert von den Islamisten, sich ein Vorbild an Tunesiens Ennahda-Partei zu nehmen: Die dortigen islamischen Wahlsieger wollten die Regeln an Stränden und Bars nicht antasten.
Tourismusminister Abdel-Nour, ein christlicher Kopte und früher Chef der liberalen Wafd-Partei, hat nur eine Hoffnung: „Wenn sie erst einmal regieren, verblasst so manches Parteiprogramm und es setzt sich Pragmatismus durch.“ Insgesamt haben die arabischen Länder dieses Jahr sieben Milliarden Dollar weniger an Tourismuseinnahmen zu verkraften, hat die Arab Tourism Organization errechnet: Durchschnittlich kämen zwölf Prozent weniger Reisende in die Länder.

Kommentare (3)

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21.12.2011, 23:59 Uhr

trotzdem würde ich persönlich nicht einreisen wollen. habe vor einigen tagen ein video gesehn wo menschen am boden zu tode geprügelt worden sind.

Account gelöscht!

22.12.2011, 00:32 Uhr

Ich hab's zwar nicht gesehen aber die Berichte gehört, in denen ägyptisches Militär in die Krankenhäuser eindringt, in die die Verwundeten gebracht wurden.

So sehr ich den Aufstand der jungen Aufgeklärten begrüße - ein Blick in die Geschichtsbücher reicht, um zu issen wie es weitergehen wird.

Das hat dann nichts mit "Islam" zu tun, es ist einfach das Gesatz von Stark und Schwach. Das Militär hat nun eben die Waffen und die Studenten "nur" ihre Ideen. Die werden sich in einigen Jahren durchsetzen, aber bis dahin wird wohl erst eine Menge Blut fließen.

Kein Grund, gerade dort Urlaub zu machen ...

Worldwatch

22.12.2011, 13:24 Uhr

Aegypten kaempft mit aller Vehemenz gegen Tourismus, aber fuer Terrorismus, gegen Aufschwung und Stabilitaet, aber fuer dessen Sieche und Mittelalterrueckkehr.

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