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23.03.2016

15:44 Uhr

Nach den Anschlägen in Belgien

Die Paris-Brüssel-Connection

Drei Selbstmordattentäter reißen 31 Menschen in den Tod, ein vierter flieht, noch bevor sein Sprengsatz explodiert. Die Fahndung nach ihm läuft. Belgische Ermittler sehen Verbindungen zu den Anschlägen von Paris.

Belgische Polizisten durchsuchen die Wohnung von Terrorverdächtigen in Brüssel. AP

Razzia

Belgische Polizisten durchsuchen die Wohnung von Terrorverdächtigen in Brüssel.

BrüsselNach den Anschlägen von Brüssel zeichnet sich immer deutlicher eine Verbindung zum Terrorangriff in Paris vor fünf Monaten ab. Die Staatsanwaltschaft identifizierte am Mittwoch die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui als zwei der drei Selbstmordattentäter, die am Dienstag am Brüsseler Flughafen und in der U-Bahn 31 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt hatten. Die Täter gehörten womöglich zur gleichen Terrorzelle wie der vergangene Woche verhaftete mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam.

Ibrahim El Bakraoui habe sich am Flughafen gemeinsam mit einem weiteren, zunächst nicht identifizierten Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw. Nach einem dritten Mann, der gemeinsam mit den beiden auf Überwachungsvideos zu sehen ist, werde noch gefahndet. Dessen Sprengsatz sei erst explodiert, als bereits das Entschärfungskommando im Flughafen gewesen sei, sagte Van Leeuw. Der Flüchtige habe die größte Sprengladung bei sich gehabt, es sei aber niemand verletzt worden.

Wichtige Fragen zu Anschlägen in Brüssel

Wie liefen die Anschläge im Flughafen ab?

Die Terrorserie beginnt um 07.58 Uhr mit zwei Explosionen auf dem Flughafen, kurz hintereinander. Zwei Männer sprengen sich in die Luft. Einer von ihnen wird anhand der Aufnahmen einer Überwachungs-Kamera als Ibrahim El Bakraoui (29) identifiziert, ein Belgier. Der Polizei ist er durch verschiedene Straftaten bekannt, aber nicht als Islamist. Vom zweiten Selbstmord-Attentäter in der Abflughalle kennt man die Identität noch nicht. Ein dritter Mann - auf dem Foto der Überwachungskamera ganz links, mit dem größten Sprengsatz auf seinem Gepäckwagen - sprengt sich nicht in die Luft. Warum, weiß man nicht. Er überlebt, kann fliehen. Neu auch: Das Trio kam mit dem Taxi zum Flughafen. Beim Gepäck wollten sich die drei keinesfalls helfen lassen.

Was ist über den Anschlag in der U-Bahn bekannt?

Der Selbstmord-Anschlag in der Metro-Station Maelbeek geht auf das Konto von Khalid El Bakraoui, dem jüngeren Bruder des identifizierten Flughafen-Attentäters. Wegen verschiedener Vorstrafen waren seine Fingerabdrücke bei der Polizei gespeichert. Der 27-Jährige - ebenfalls Belgier - zündet die Bombe Punkt 09.11 Uhr im mittleren von drei Wagen. Wie der jüngere El Bakraoui dorthin kam und ob er dort Mittäter hatte, weiß man nicht. Am Flughafen kann er eigentlich nicht gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft gibt aus ermittlungstaktischen Gründen keine weitere Auskunft.

Wie viele Todesopfer gibt es?

Noch sind nicht alle Opfer identifiziert. Die belgischen Behörden stellten über Ostern klar, dass die bislang genannte Zahl von 31 Toten die drei Selbstmordattentäter einschließt, die sich selbst in die Luft sprengten. Damit fielen 28 Menschen dem Terror der Attentäter zum Opfer. Zudem gab es circa 260 Verletzte. Unter den Verletzten sind auch mehrere Deutsche, darunter ein schwer verletzter Mann.

Gibt es einen Zusammenhang zum Terror in Paris?

Vieles deutet darauf hin: der Ablauf, der Sprengstoff, die Tatorte. Und auch einiges davon, was man über die Täter weiß. Einer der beiden Brüder - Khalid - soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge mit 130 Toten im November in Paris genutzt wurde. An der Adresse im Stadtteil Schaerbeek, wo der Taxifahrer das Flughafen-Trio abgeholt hatte, wurden 15 Kilogramm hochexplosives Azetonperoxid (TATP), ein Koffer mit Nägeln und Schrauben, sowie weiteres Material für den Bombenbau gefunden. Von Ibrahim El Bakraoui wurde auch ein Testament entdeckt. Darin soll es heißen: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Wer wird noch gesucht?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fandet man noch nach einer ganzen „Reihe von Personen“. Zahlen und Namen nannte Staatsanwaltschaft Frédéric Van Leeuw keine. Der Verdacht richtet sich aber insbesondere gegen ein Mann namens Najim Laachraoui (24), der bereits seit dem Wochenende offiziell gesucht wird. Er soll - zusammen mit Salah Abdeslam, der am Freitag in Brüssel festgenommen wurde - einer der Drahtzieher der Paris-Anschläge gewesen sein. Am Vormittag meldeten belgische Medien bereits seine Festnahme. Das stimmte aber nicht.

Hat sich die Lage in Belgien beruhigt?

Weiterhin gilt Terrorstufe 4 - die höchstmögliche. Das öffentliche Leben funktioniert mittlerweile halbwegs wieder. Aber das ganze Land trauert. Um 12.00 Uhr gab es eine Schweigeminute. Bis Karfreitag ist noch offiziell Staatstrauer. Die Flaggen wehen auf halbmast. Die Metro-Station Maelbeek wird vermutlich noch mehrere Wochen geschlossen bleiben. Der Flughafen Brüssel bleibt auf jeden Fall auch am Donnerstag noch geschlossen.

Neben ihm könnten noch mehrere weitere Personen mit Verbindungen zu den Anschlägen auf der Flucht sein, sagte Paul Van Tigchelt von der belgischen Abteilung für Terrorabwehr. Es blieb bei der höchsten Terrorwarnstufe. Im ganzen Land wurde eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten, die Staatstrauer gilt noch bis Freitag.

Der zweite Bruder, Khalid El Bakraoui, sprengte sich laut Staatsanwaltschaft in der U-Bahnstation in die Luft. Über ihn gibt es dem belgischen Fernsehsender RTBF zufolge eine eindeutige Verbindung zu Abdeslam. Denn er habe unter falschem Namen nicht nur eine Wohnung im Pariser Vorort Charleroi gemietet, in der die Attentate vorbereitet wurden. Er sei auch der Mieter der Brüssler Wohnung, die von der Polizei vergangene Woche durchsucht worden sei und die Ermittler auf die Spur von Abdeslam gebracht habe, berichtete der Sender.

Belgien und der Islamismus

Anschlag auf Jüdisches Museum

Am 24. Mai 2014 erschießt der Islamist Mehdi Nemmouche bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen. Der Täter ist Franzose. Er wird später im südfranzösischen Marseille verhaftet und nach Belgien ausgeliefert. Nemmouche ist bislang nicht verurteilt.

Belgische Kämpfer in Syrien

Aus keinem EU-Land sind hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung so viele Kämpfer in den syrischen Bürgerkrieg gezogen wie aus Belgien. Das berichtete das britische Magazin „The Economist“ im Vorjahr. Nach einer aktuellen Auflistung des Thinktanks Brookings reisten bislang bis zu 650 Kämpfer aus Belgien in das Konfliktland.

Syrien-Rückkehrer in Verviers

In der Stadt Verviers sollen nach Angaben des belgischen TV-Senders RTL-Info bis zu zehn Syrien-Rückkehrer gelebt haben. Verviers hat etwa 50.000 Einwohner und liegt rund 35 Kilometer südwestlich von Aachen.

Paris-Attentäter mit Kontakt nach Belgien

Einer der Attentäter, die das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo in Paris im Januar 2015 angriffen, hatte Verbindungen nach Belgien. Ein Mann aus dem südbelgischen Charleroi hatte in den vergangenen Monaten mit Amedy Coulibaly über den Kauf eines Autos und von Waffen verhandelt. Die Polizei habe entsprechende Dokumente bei dem Verdächtigen gefunden, berichteten belgische Medien. Coulibaly hatte am Freitag in einem koscheren Supermarkt in Paris Geiseln genommen und vier Menschen erschossen. Er selbst wurde anschließend von der Polizei getötet. Auch einige der Terroristen der Pariser Attentate vom November 2015 kamen ursprünglich aus Belgien.

Ein belgischer Ermittler sagte der AP, es sei eine „plausible Hypothese“, dass Abdeslam nicht nur für die Anschläge in Paris mitverantwortlich war, sondern dass er auch Teil der Zelle war, die nun in Brüssel zuschlug. Zu beiden Anschlägen bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat. Eine für Mittwoch geplante Anhörung von Abdeslam in Brüssel wurde auf Donnerstag verschoben.

Die zweite Verbindung nach Paris war der Sprengstoff, den Brüssler Ermittler nach den Anschlägen in der Wohnung der Brüder fanden. Bei den 15 Kilogramm TATP handele es sich um dieselbe Art, die auch in Paris verwendet worden sei, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Bei einer Razzia im Viertel Schaerbeek entdeckten die Ermittler auch einen Laptop, auf dem das Testament von Ibrahim El Bakraoui abgespeichert war, wie Staatsanwalt Van Leeuw sagte. Darin habe der Attentäter geschrieben, dass er sich nicht mehr sicher fühle und fürchte, ins Gefängnis zu kommen.

Belgische Medienberichte, wonach der flüchtige Verdächtige vom Flughafen Najim Laachraoui sein soll, bestätigen sich zunächst nicht. Der Mann, nach dem bereits seit vergangener Woche gefahndet wird, wäre eine weitere eindeutige Verbindung nach Paris. Denn Laachraoui soll die Sprengstoffgürtel für die Attentäter angefertigt haben, die im November in Paris 130 Menschen töteten. Laachraouis DNA wurde nach Angaben aus Ermittlerkreisen auf allen Gürteln sowie in einer Brüsseler Wohnung gefunden, wo sie offensichtlich hergestellt wurden.

Von

ap

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