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14.11.2015

16:44 Uhr

Nach den Anschlägen in Paris

„Warum passiert das immer hier bei uns?“

VonThomas Hanke

Der eine spielt „Imagine“ auf dem Klavier, andere tragen sich in das Kondolenzbuch im Bürgermeisteramt ein, wieder andere kehren an die Orte des Schreckens zurück. Szenen aus einer verwundeten Stadt.

Frankreich trauert um die Opfer der Terroranschläge in Paris. ap

Trauernde vor der Konzerthalle Bataclan

Frankreich trauert um die Opfer der Terroranschläge in Paris.

ParisEine Stadt versucht, das Unbegreifliche zu erfassen, das ihr in der Nacht zum Samstag geschehen ist. Dafür ist es wahrscheinlich noch viel zu früh, denn noch sind ja nicht einmal die Einzelheiten der Anschläge, geschweige denn die Täter und ihre Hintermänner bekannt. Die Polizeiarbeit läuft noch auf Hochtouren. Und doch - irgendwie müssen die Franzosen ja mit dem Schrecken klar kommen, der in der ganzen Welt für Erschütterung sorgt.

Die Konzerthalle Bataclan, in der die meisten Opfer von den Terroristen erschossen wurden, ist von der Polizei noch weiträumig abgesperrt. „Hier kommen Sie nicht durch, die Kollegen arbeiten immer noch an der Spurensicherung“, sagt eine junge französische Polizistin, die hinter dem Gitter in der Rue Oberkampf steht. Ein paar hundert Meter weiter, am Boulevard Voltaire, bietet sich ein ganz anderes Bild: Auch dort eine Absperrung durch die Polizei, aber ein gutes Dutzend von Fernsehübertragungswagen hat den Platz in Beschlag genommen.

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

Auf einmal werden Klavierklänge laut. An einem alten, klapprigen Piano sitzt ein junger Mann im dunklen Anzug und spielt „Imagine“ von John Lennon. Kein Lied könnte besser zu der Stimmung dieses Tages passen. Menschen kann man ermorden, aber die Kultur nicht. Immer lauter ziehen die Klänge über den Platz. Schnell ist Lennons berühmtester Song zu Ende. Wortlos steht der Pianospieler auf, fährt mit einem Finger über die Augen, hängt sein Piano an ein Fahrrad und fährt davon.

Da ist sie wieder, diese französische Individualität, die man zunächst schon verschwunden wähnte. Eine Individualität, ein Wille zur Selbstbehauptung, die auch am Abend des 7. Januar, nach dem Mordanschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, deutlich wurden. Doch anders als damals gibt es heute keine Demonstrationen.

Der Terror von Paris – Was wir noch nicht wissen

Komplizen

Offen ist nach wie vor, wie viele Terroristen es insgesamt gab - und damit auch, ob weitere Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß sind. Besteht womöglich noch akute Gefahr? Bisher teilten die Ermittler auch nicht mit, wer die in Brüssel Festgenommenen sind. Ob sie in die Anschläge verwickelt sind, werde untersucht, hieß es. Unklar ist auch, ob der Verdächtige aus der Routinekontrolle unter den Festgenommenen ist.

Identität

Bisher sind erst drei Attentäter offiziell identifiziert, Näheres wurde nur über Mostefaï bekannt. Kamen die anderen Angreifer aus dem Ausland oder lebten sie in Frankreich? In welcher Verbindung standen sie zueinander, wie organisierten sie sich? Und planten sie die Anschläge eigenständig, oder wurden sie von Hintermännern instruiert und gesteuert? Waren sie bisher völlig unauffällig oder womöglich bereits im Visier der Sicherheitsbehörden? Damit hängt auch die Frage nach eventuellen Versäumnissen zusammen. Fragen wirft auch der gefundene syrische Pass auf. Ist das Dokument echt oder gefälscht? Und warum hatte es der Attentäter überhaupt bei sich?

Verdächtiger

Rätsel gibt ein Mann aus Montenegro auf, der vor gut einer Woche von der Polizei in Oberbayern mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff im Auto gestoppt wurde. Angeblich war er damit auf dem Weg nach Paris. Ein Zusammenhang mit den Anschlägen wird geprüft.

Ein paar hundert Meter vom Bataclan entfernt, vor dem Bürgermeisteramt des elften Arrondissements, ist ein einfacher Tisch mit einem DIN A4 Heft aufgebaut, das als Kondolenzbuch dient. Zwei Sträuße mit weißen Rosen liegen daneben. „Solidarität mit allen mit Bürgern, die um ihre Familienangehörigen trauern. Wir alle stehen aufrecht. Stopp der Barbarei“, lautet der erste Eintrag. Es folgen viele weitere, die meisten auf französisch, aber einige auch auf englisch, spanisch und russisch. „An alle Freunde von Pogo, die diese Nacht davon gegangen sind. Ihr werdet ewig in unseren Herzen sein. Punky“ hat ein Franzose in großen Druckbuchstaben in das Schulheft geschrieben. Ein Engländer oder Amerikaner gibt seiner Verstörung Ausdruck: „13 Stunden danach weiß ich immer noch nicht, wie ich mich fühle. Jemand trifft Freunde und kommt nie wieder nach Hause, einfach so.“

In dem Kondolenzbuch im Bürgermeisteramt Mairie in Paris können Trauernde ihre Botschaften hinterlassen. (Foto: Thomas Hanke)

Kondolenzbuch in Paris

In dem Kondolenzbuch im Bürgermeisteramt Mairie in Paris können Trauernde ihre Botschaften hinterlassen.

(Foto: Thomas Hanke)

Ein französischer Kollege berichtet, dass er mit einem Mann mit starkem deutschen Akzent gesprochen habe, der auf der Mairie Neuigkeiten von seiner Frau suchte, die er seit der Nacht vermisst. Das Bürgermeisteramt hat eine Betreuungsstelle für Menschen eingerichtet, die während des Anschlages und der Geiselnahme nicht körperlich getroffen wurden, aber an der Seele verletzt sind. „Wir haben in dieser Nacht 167 Menschen betreut, und sie kommen auch jetzt noch, weil sie Hilfe suchen“, sagt Bürgermeister François Vauglin.

Wie viele Ausländer unter diesen Hilfesuchenden sind, weiß er nicht. Er selber habe von dem Angriff auf den Musiksaal erfahren, weil ihn eine Mitarbeiterin anrief. „Ich bin dann sofort in die Mairie, habe sie aufgemacht, um Menschen Hilfe anbieten zu können.“ Er erklärt sich den Anschlag mit dem Hass der islamistischen Fundamentalisten, die mutmaßlich dahinter stecken, mit ihrem Hass auf Vielfalt, Lebensfreude und den Optimismus der Jugend.

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