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15.01.2017

10:00 Uhr

Nach den Terroranschlägen

Istanbul lebt mit der Angst

Der Terroranschlag in der Neujahrsnacht war nicht der erste in Istanbul. Viele Menschen haben Angst und ändern ihre Gewohnheiten, um nicht zum Opfer zu werden. Damit sind sie in Europa nicht alleine.

Ob am Flughafen, auf den Geschäftsstraßen oder in den Wohnungssiedlungen: Die Bevölkerung Istanbuls befindet sich derzeitig in Aufruhr. Dementsprechend stiegen auch die Sicherheitsvorkehrungen für einreisende Touristen. dpa

Angst vor Terror

Ob am Flughafen, auf den Geschäftsstraßen oder in den Wohnungssiedlungen: Die Bevölkerung Istanbuls befindet sich derzeitig in Aufruhr. Dementsprechend stiegen auch die Sicherheitsvorkehrungen für einreisende Touristen.

IstanbulFür Ethem Salli ist Istanbul immer noch eine der großartigsten Städte der Welt. Und dennoch hat seine Begeisterung in den vergangenen Wochen und Monaten einen Dämpfer erlitten. Wie viele andere Türken geht auch der 41 Jahre alte Umweltingenieur wegen der Welle von Terroranschlägen nicht mehr gerne nach draußen und meidet Menschenansammlungen. Die Fahrt zur Arbeit und wieder zurück - mehr unternimmt er derzeit nicht.

„Ich habe Angst, wie alle anderen um mich herum“, erklärt Salli. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Regierung viel Sicherheit bieten kann.“ Im Moment fühlten sich einfach alle ständig in Gefahr. „Und so sind die Türkei und Istanbul zu beängstigenden Orten geworden.“

Betroffen sind allerdings nicht nur die Türkei und Istanbul. Von Berlin bis Brüssel, von Florida bis Frankreich fragen sich die Menschen, ob sie aus Angst vor Terroranschlägen ihr Alltagsleben verändern müssen. In Paris treffen sich Einwohner und Touristen wieder in den vielen Cafés der Stadt, genau wie vor den Terroranschlägen vom 13. November 2015. Viele Schulen haben aber Ausflüge gestrichen, damit die Kinder nicht zum Ziel von Anschlägen werden.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

In Belgien gilt weiterhin die zweithöchste Alarmstufe, Soldaten und Polizisten sind mittlerweile kein ungewohnter Anblick mehr auf den Straßen. Die Belgier gehen dennoch weniger aus als früher. In einer Umfrage der Verkehrsbehörde gaben ein Drittel der Befragten an, sie hätten im vergangenen Jahr ihr Verhalten wegen der Terroranschläge in Brüssel geändert, gingen zum Beispiel nicht mehr ins Kino oder in Einkaufszentren. Und in Deutschland unterstützen nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt immer mehr Menschen eine verstärkte Überwachung mit Kameras an öffentlichen Plätzen.

Der Anschlag auf den Nachtclub Reina in der Silvesternacht am Ufer des Bosporus zielte auf die wohlhabende Elite und ausländische Besucher in Istanbul ab. Er traf aber auch die Hoffnungen und Ambitionen einer Metropole mit mehr als 15 Millionen Einwohnern. Die 39 Toten im Reina waren bei weitem nicht die einzigen Opfer eines dunklen Jahres für die historische Stadt. So wurden im Januar 2016 bei einem Anschlag in der Altstadt zehn deutsche Touristen getötet. Weitere 45 Menschen kamen im Juni bei einem Angriff auf den Flughafen der Stadt ums Leben.

Kommentare (2)

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Herr Leo Löwenstein

13.01.2017, 11:15 Uhr

Das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben, leider.

Herr Erdogan hat mit dem Feuer gespielt und hat es bekommen.
Die Türkei war auf einem wirklich guten Weg, ein friedlicher, guter Staat zu werden, endlich in ruhige Gewässer zu steuern und so den Bürgern ein friedliches Land zu schaffen.

Doch das wurde alles zerstört. Statt mit den Kurden den Friedensprozess weiter voranzutreiben, erfolgte die erneute Konfrontation, die Folgen sind bekannt, ein kleiner Bürgerkrtieg mit zerschossenen Städten im Kurdengebiet und die darauf folgenden Anschläge durch die PKK

Sympathisieren mit dem IS und aneren extrem konservativen Islamistengruppierungen, da dieser gegen die Kuren kämpfen.
Fördern eines streng konservativen Islam hin, Unterdrückung der Pressefreiheit etc.
Weitere Bombenanschläge nach Entkoppelung vom IS durch den IS.
Steigende Radikalisierung in der Bevölkerung, dadurch Unterdrückung anderer Meinungen aggressives Auftreten gegenüber der EU.

Die Geister, die er rief, um ein großosmanisches Reich zu schaffen, werden dazu führen, dass es anschließend ein kleinosmanisches Reich geben wird. Die Geschichte zeigt es und wird sich wohl immer wiederholen.
Menschen sind nicht lernfähig, alles was 2 Generationen zurückliegt, findet keine Beachtung bei Personen, die gerne die volle Macht haben wollen.

Herr Paul Kersey

13.01.2017, 11:44 Uhr

@Löwenstein
Amen! Trumps Lernfähigkeit aus der Geschichte bezweifel ich ebenfalls.

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