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28.05.2014

06:49 Uhr

Nach der Europawahl in Frankreich

„Ja, ich bin schockiert!“

VonThomas Hanke

Unser Korrespondent ist fassungslos. Nicht nur über den Wahlerfolg der Rechtsextremen in Frankreich. Auch über den Umgang der Medien mit der Partei. Er berichtet, wie er ganz persönlich die Tage nach der Wahl erlebt.

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Europaweite Erfolge: Rechte Parteien feiern Erdrutschsiege

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ParisAls am Sonntag die ersten Exit-Polls zu den Europawahlen kamen, traute ich meinen Augen nicht: Die Front National (FN) liegt vorne! Sicher, es gab entsprechende Umfragen – aber die Wirklichkeit ist noch einmal etwas anderes. Bei der Kommunalwahl waren die Rechtsextremen auf sechs Prozent gekommen. Und jetzt sollten die Franzosen sie zur stärksten Partei gemacht haben?

Zu meinen größten Überraschungen in den zweieinhalb Jahren, die ich jetzt in Paris lebe, zählt die Offenheit, mit der inzwischen über die Kollaboration mit den Nazis gesprochen wird. In zahlreichen Reportagen, Büchern und Fernsehfilmen wurde und wird auf den Eifer eingegangen, mit dem die französische Polizei und die anderen Mitarbeiter des Vichy-Regimes den Nazis in die Hände arbeiteten. Von früher war ich das nicht gewohnt.
Kollaboration war für mich ein Teil der Geschichte. Seit Sonntag ertappe ich mich aber bei dem Gedanken, wie es wohl heute wäre.

Thomas Hanke ist Frankreich-Korrespondent des Handelsblatts.

Thomas Hanke ist Frankreich-Korrespondent des Handelsblatts.

Sicher, die FN ist nicht die NSDAP. Sie hetzt nicht gegen Juden und hat sogar ihre ausländerfeindliche Rhetorik zurückgefahren. Doch ihr ideologischer Kern ist nach wie vor sehr ähnlich: Das Volk ist gesund, leidet aber unter dem Joch eines faulen Systems. Es gibt weder rechts noch links, sondern nur das Vaterland und seinen politischen Ausdruck, die FN. Das Parlament ist ein „fauler Zauber“ – die Nazis sagten Schwatzbude –, die regierenden Politiker stehen im Dienste des internationalen Kapitals – für die Nazis war es das „jüdische Finanzkapital“. Als neue Variante des Vaterlandsverrats hat die FN den Politiker erfunden, der als „Statthalter für Brüssel“ wirke. Liberalismus ist schlimm, weil er die patriotischen Werte relativiert, und demokratische Rechte kann man schon mal einschränken, wenn das Interesse des Vaterlands es verlangt.

Als vor rund 30 Jahren schon einmal die Front unerwartet stark wurde, gab es spontane Demos gegen die Rechtsextremen. Am vergangenen Sonntag blieben die Pariser zu Hause oder im Restaurant. Sicher tue ich dem Kollegen Unrecht, aber der Gedanke „Kollaborateur!“ zuckte mir durch den Sinn, als ein Reporter des (staatlichen) Fernsehens am Sonntagabend unterwürfig bei Jean-Marie Le Pen um ein paar Worte bettelte. Der Gipfel kritischer Berichterstattung bestand dann in der Frage: „Herr Le Pen, haben Sie selber mit einem so großen Erfolg gerechnet?“ Ich glaube, ich tue ihm doch nicht Unrecht: Wer sich so an einen Mann ranschmeißt, für den der Holocaust ein Detail und „Herr Ebola“ die Lösung für Afrikas Bevölkerungsprobleme ist, der hat das Zeug zum Kollaborateur.

Kommentare (74)

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28.05.2014, 07:45 Uhr

Geradewegs so, als hätte die NPD in D so ein Ergebnis "eingefahren".

Wenige in D können sich vmtl vorstellen, wie das Ergebnis des FN in F eingeschlagen hat.

Man mag von Hollande halten was man will: die Klatsche galt nicht nur ihm - genausowenig wie eine ähnliche Klatsche in D nur Merkel gegolten hätte.

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28.05.2014, 07:53 Uhr

Sie sollten ihren Korrespondenten austauschen und ihn in friedlichen Gebieten schicken wie die Türkei z.B.

Die Franzosen sind insgesamt National eingestellt und das
ist erst einmal nicht falsch. Wäre Deutschland so eingeestellt dann würden Grüne,SPD,Linke und CDU vor Aufregungen und Millionen Kerzen nach Hintergründen suchen.

Der nationalismus der Franzosen ist uralt und ein beispiel hilft manchmal weiter.

Als die Alleierten in Frankreich landeten , sagte De Gaulle im Rundfunk so ähnlich: Wir Franzosen sind mit einigen Engländern und Amerikanern in der Normandie gelandet und werden unser Land von den Deutschen befreien.

Nicht ganz korrekt wiedergegeben aber was zählt ist dieser Patriotismus und Nationaler Stolz der Franzosen.

Nationaler Stolz ist daher bei Franzosen Volksgut.

Selbst der linkeste Linke ist national.

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28.05.2014, 07:55 Uhr

Wer die EU und den Euro kritisiert ist ein Nazi!

Wer auf Probleme durch den Euro und die EU im eigenen Vaterland hinweist ist ein Nationalist und Nazi.

Mit dieser Sichtweise der Medien und Ihrer systemtreuer Journalisten, ohne kritisch die Probleme des Euro und der EU zu hinterfragen, so werden sich immer mehr Menschen in der EU von den etablierten Parteien abwenden.

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