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20.07.2015

16:03 Uhr

Nach der Grexit-Krise

Griechenland atmet durch

Es kehrt ein Stück Normalität in Griechenland ein: Die Banken sind wieder geöffnet. Indes setzt die Regierung in Athen erste Sparmaßnahmen um. Vorerst gibt es allerdings kein Votum zu den umstrittenen Bauern-Steuern.

Die griechische Tragödie

Die Chronologie der Krise

Die griechische Tragödie: Die Chronologie der Krise

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AthenNach drei äußerst kritischen Wochen hofft Griechenland auf leichte Entspannung. Die Banken öffneten am Montag erstmals wieder und versorgten die Bürger mit etwas mehr Bargeld. Auch der Staat war mit einem frischen Milliardenkredit aus Brüssel wieder flüssig – unter anderem, um fällige Schulden an die Europäische Zentralbank zurückzuzahlen.

Allerdings machen höhere Steuern das Leben in Griechenland nun deutlich teurer. Wann die Wirtschaft wieder einigermaßen rund laufen wird, wagen auch Experten nicht zu sagen.

Vorige Woche hatte Ministerpräsident Alexis Tspiras strenge Reformauflagen der Kreditgeber akzeptiert und durchs Parlament gebracht. Daraufhin gaben die Europartner grünes Licht für Verhandlungen über ein neues Hilfspaket und bewilligten einen Überbrückungskredit von 7,16 Milliarden Euro, der nach EU-Angaben am Montag auch überwiesen wurde. Die EZB erhöhte ihren Rahmen für Notfallkredite um 900 Millionen Euro für die griechischen Banken.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Mit diesem Polster im Rücken machten die Banken nach drei Wochen am Montagmorgen wieder auf. Vor den Türen warteten die Kunden geduldig. Zwar dürfen sie nach wie vor nur 60 Euro pro Tag von ihren Guthaben abheben, aber immerhin für eine Woche im Voraus, also 420 Euro auf einen Schlag. Im Ausland gibt es allerdings weiter kein Geld per Kredit- oder Bankkarte. Schecks werden nicht ausgezahlt, sondern nur dem Konto gutgeschrieben.

Wann die Beschränkungen fallen, ist nach Angaben des griechischen Bankenverbands noch nicht abzusehen. Verbandspräsidentin Louka Katseli mahnte die Bürger zur Ruhe. Sie könne Ängste verstehen, sagte sie dem Staatsfernsehen ERT. „Aber nach der Angst zu handeln, schafft erst die Bedingungen, vor denen die Leute sich fürchten.“

Seit 2008 seien 124 Milliarden Euro von den Konten abgeflossen, davon allein 40 Milliarden in den vergangenen Monaten. Wäre das Geld nicht abgehoben worden, hätten die griechischen Banken kein Liquiditätsproblem gehabt, sagte Katseli.

Teil des von den Gläubigern verlangten Reformpakets ist eine Mehrwertsteuererhöhung von 13 auf 23 Prozent, die am Montag in Kraft trat. Betroffen sind unter anderem Fleisch, Speiseölsorten, Kaffee, Tee, Kakao, Essig, Feuerwerkskörper, Toilettenpapier und Kondome. Der erhöhte Satz trifft auch Dienstleister wie Taxifahrer, Bestattungsunternehmer und Nachhilfelehrer. Anfang August dürften auch die Fahrscheine für Busse und Bahnen teurer werden.

Kommentare (1)

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20.07.2015, 17:01 Uhr

Ob sie öffnen oder nicht, ist egal. Griechenland ist und bleibt auf die Zeit unterm Euro völlig Pleite, mit oder ohne Banken.

Das Land lebt ausschließlich vom Ponzi-Scheme: rechte Tasche, linke Tasche. Immer handelt es sich um das Geld der EU-Steuerzahler, was bald auf die Euro-Steuerzahler verengt werden soll.
Deren Anteil wird dann natürlich noch größer.

Die Griechen haben davon nicht viel. Helfen müssen sie sich schon ganz alleine. Dazu gehören neue Gesetze, die auch wirklich umgesetzt und vollstreckt werden, was sehr unwahrscheinlich ist. Denn das gab es im Lande noch nie.

An diesem Beispiel wird deutlich, was uns unterm Euro alle erwartet: Dysfunktion, Fehlleistungen und Betrügereien ohne Ende. Merkwürdig, daß alle dies wissen, nur Frau Merkel nicht. Selbst Schäuble hat mittlerweile gelernt, daß es so nicht geht. Immerhin.

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