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06.08.2011

18:01 Uhr

Nach der US-Abstufung

„Den Börsen droht ein Ausverkauf“

Die Ratingagentur Standars&Poor's stuft die US-Bonität zurück - und sorgt damit für diplomatische Verstimmungen zwischen den USA und China. Anleger zittern vor der Reaktion der Märkte.

Auf Halbmast: Die wirtschaftliche Lage der USA wird immer bedrohlicher. Quelle: dpa

Auf Halbmast: Die wirtschaftliche Lage der USA wird immer bedrohlicher.

BerlinDer Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, erwartet nach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) einen Ausverkauf an den Börsen. „Das wird die Verunsicherung an den Märkten noch weiter treiben“, sagte der Ökonom. 

Die S&P-Entscheidung sei „ein weiterer Schlag ins Gesicht der Weltkonjunktur“. Sie zeige zugleich, „dass die Ratingagenturen als Brandbeschleuniger wirken. Mit einer solchen Herabstufung wird die Gefahr noch verschärft“, erläuterte Horn. 

Die Börse in Saudi-Arabien war der erste große Handelsplatz weltweit, der auf die Nachricht von der US-Herabstufung reagieren konnte. Nach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's stürzten die Kurse ab. Bis zur Schließung am Samstagabend fiel der saudi-arabische Leitindex TASI um 5,46 Prozent auf 6073,44 Punkte. Alle anderen wichtigen Börsenplätze waren wegen des Wochenendes geschlossen.

Der Würzburger Ökonom und Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat trotz der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit die finanzielle Schlagkraft der Vereinigten Staaten von Amerika betont. „Die USA können nicht insolvent werden. Das Risiko des Zahlungsausfalls ist gleich null, weil eine starke Notenbank im Hintergrund steht, die Anleihen aufkauft“, sagte Bofinger.

Trotzdem drohen sich Beziehungen der USA mit China zu verschlechtern. China schlägt ungewohnt aggressive Töne an. „Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen“, kommentierte eine regierungstreue Nachrichtenagentur. Wenn die USA weitere Nackenschläge verhindern wollten, müssten sie ihre „riesigen Militärausgaben und aufgeblähten Sozialausgaben“ beschneiden. Zwar drückte Peking nur aus, was in den USA und in der Welt viele denken - doch der Ton erinnert fatal an die Verbalattacken aus der Zeit des Kalten Krieges. 

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Die Absicht des größten Gläubigerland der USA ist klar. Peking verliert die Geduld. Gigantische 1,15 Billionen US-Dollar hat das Reich der Mitte in amerikanische Schatzanleihen investiert. Bereits seit Monaten stichelt Peking immer mal wieder gegen den Dollar. Die Zeit, das die Amerikaner allein die Leitwährung stellen, nähere sich dem Ende. Jetzt wird es für die USA ernst. 

Zwar stufte die „New York Times“ die Herabstufung eher als eine „symbolische“ Aktion ein, deren konkrete Folgen derzeit noch alles andere als klar seien - doch die knallharte Reaktion aus Peking lässt nichts Gutes ahnen. 

Praktisch bis zur letzten Minute hatte Washington versucht, die Herabstufung zu verhindern. Bereits am Freitagnachmittag hatte S&P der Regierung die Hiobsbotschaft zukommen lassen, die offizielle Verkündung wurde vorsorglich auf den Abend verschoben - die Börsen rund um die Welt hatten geschlossen. 

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

06.08.2011, 16:49 Uhr

ja ja... und was sagt Frankreich dazu: "'Frankreich hat ein uneingeschränktes Vertrauen in die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft', sagte er am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Baroin lobte die US-Regierung für ihr 'entschlossenes Vorgehen', um die Schulden in den Griff zu bekommen. Die Herabstufung der US-Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor's dürfe man nicht überbewerten."

Einfach unglaublich... klar, die Herabstufung darf man nicht überbewerten. Am besten gleich Montag früh sein ganzes Erspartes in Aktien investieren. Sind ja jetzt schön billig nech..... ;-)

Buerge-r

06.08.2011, 18:02 Uhr

„Die USA können nicht insolvent werden. Das Risiko des Zahlungsausfalls ist gleich null, weil eine starke Notenbank im Hintergrund steht, die Anleihen aufkauft“, sagte Bofinger.

Ich verstehe studierte Ökonomen nicht. Haben die alle auf der Uni 'ne Gehirnwäsche bekommen und den gesunden Menschenverstand abgegeben? Was Bofi mit der "starken Zentralbank" meint, heißt wohl praktisch, diese könne einfach die benötigten 14,3 Bill. grüne Scheinchen drucken und es gibt überhaupt kein Problem.

Die riesigen Fehlanreize des aufgeblähten, sozialistisch-unproduktiven Finanzsektors der mit seinen ständigen masturbatorischen Eingrifffen in den Markt betrügerische Umverteilung organisiert und nebenbei die Realwirtschaft völlig in die Irre leitet, der instabile Derivateberg, der bis zum Mond reicht usw. All das beruht auf der von Zentralbanken geduldeten oder befeuerten Kreditblase aus leeren Versprechungen, die nie eingehalten werden können. Bemerken die sogenannten Ökonomen, die daraus resultierende Vertrauenskrise überhaupt?

Also ich würde die Experten die seit den letzten 20 Jahren Dienst tun und die Schulden- und Deregulierungsorgie ideologisch begleitet haben, alle rausschmeißen und frische Leute fragen, wie wir aus dem Irrsinn mit einem blauen Auge rauskommen.

Account gelöscht!

06.08.2011, 19:17 Uhr

Herr Horn ist kein Ökonom, sondern ein Ideologe, auch er bemüht sich ständig, die Wahrheit und Realität zu verzerren, hier wieder einmal eindrucksvoll nachzulesen. Die Aktienkurse werden fallen, aber es werden immer wieder Versuche unternommen werden, mit dünnen Umsätzen die Kurse "hochzukaufen"...

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