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18.04.2016

15:10 Uhr

Nach Erdbeben in Japan

Atomaufsicht hält Kraftwerke für sicher

Nach den schweren Erdbeben in Japan sieht die Atomaufsicht keinen Grund zur Schließung einzelner Kernkraftwerke. Und das, obwohl ein Werk nur rund 120 Kilometer vom Zentrum der Beben entfernt liegt.

Vor fünf Jahren erschütterte ein schweres Erdbeben Japan. Es löste einen Tsunami und die Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Fukushima aus. dpa

Kraftwerkskatastrophe von Fukushima

Vor fünf Jahren erschütterte ein schweres Erdbeben Japan. Es löste einen Tsunami und die Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Fukushima aus.

TokioDie japanische Atomaufsicht sieht ungeachtet der Serie schwerer Erdbeben keinen Grund zur Schließung von Kernkraftwerken. Die Situation werde aber genau beobachtet, erklärte Behördenchef Shunichi Tanaka am Montag.

Für die Anlage Sendai mit zwei Reaktoren lägen keine Sicherheitsbedenken vor. Diese ist etwa 120 Kilometer entfernt von Kumamoto, dem Zentrum der schweren Erdbeben, bei denen mehr als 40 Menschen ums Leben kamen und die Infrastruktur beschädigt wurde.

Auch die Kernkraftwerke Sendai mit zwei und Ikata mit vier Reaktoren würden weiter genau beobachtet. Beide liegen ebenfalls weniger als 200 Kilometer entfernt von Kumamoto und werden von den Konzernen Kyushu beziehungsweise Shikoku betrieben.

Wie die Staaten weltweit zur Kernenergie stehen

Kernkraft-Debatte

Nicht nur in Deutschland löste der GAU von Fukushima eine Debatte über die Sicherheit der Atomkraft aus. Welche Staaten trotz der Katastrophe in Japan bis 2030 ihre ersten Reaktoren anwerfen könnten.

Russland

Russland will bis 2030 insgesamt 26 Atomreaktoren bauen. Bisher gibt es 32 Blöcke. Das Land wirbt beim weltweiten Reaktorverkauf mit höchsten Sicherheitsstandards. Auch bis zu acht schwimmende Kernkraftwerke sind in Russland geplant.

Ukraine

Die Ukraine will bis 2030 die Reaktorzahl fast verdreifachen. Nach Abschaltung des letzten Tschernobyl-Reaktors 2000 liefern heute 15 Blöcke knapp 50 Prozent des Stroms. Ausstiegspläne gibt es nicht.

Weißrussland

Das autoritär geführte Weißrussland plant bis 2017/18 mit russischer Hilfe für 6,3 Milliarden Euro ein erstes Atomkraftwerk. Der Neubau in Ostrowez im Gebiet Grodno liegt an der Grenze zu den EU-Mitgliedern Polen und Litauen

Italien

Italien will seine Pläne zum Wiedereinstieg in die Kernenergie endgültig auf Eis legen. Die Regierung brachte jetzt im Senat eine Gesetzesänderung ein, die die Vorbereitungen und die Suche nach Standorten für neue Kernkraftwerke definitiv stoppt. Zunächst müsse die Sicherheit atomarer Energie weiter erforscht werden.

Frankreich

Frankreich als Land mit den meisten AKW in Europa hält an der Atomkraft fest. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy argumentiert, die 58 AKW im Land seien zehnmal sicherer als andere Kernkraftwerke und ein wichtiges Instrument zum Klimaschutz.

Schweiz

Die Schweiz debattiert nach Fukushima neu über Kernkraft. Das Land produziert 40 Prozent seines Stromes in fünf Kraftwerken. Pläne für zwei Neubauten liegen auf Eis, bis eine neue Sicherheitsprüfung fertig ist. Bisher war die Stimmung nicht grundsätzlich gegen Atomkraft, doch das könnte sich jetzt ändern.

Österreich

Österreich hat den Verzicht auf Atomkraft in der Verfassung verankert. Das einzige Kernkraftwerk des Landes in Zwentendorf ging nach einer Volksabstimmung nie in Betrieb. Mit der Atomwende in Deutschland fühlt sich der Nachbar voll bestätigt und fordert einen EU- oder gar weltweiten Ausstieg aus der Nuklearenergie.

Tschechien

Nachbar Tschechien hält am Ausbau des umstrittenen AKW im südböhmischen Temelin 100 Kilometer von der deutschen Grenze fest. Bis 2013 will der Energiekonzern CEZ den Bauauftrag für zwei weitere Druckwasser-Reaktoren vergeben. In der tschechischen Öffentlichkeit regt sich dagegen kein Widerstand.

Slowakei

Auch in der Slowakei kein Umdenken in der Energiepolitik: Im AKW Mochovce werden derzeit ein dritter und vierter Reaktorblock gebaut, die bis 2012 bzw. 2013 fertiggestellt sein sollen. Im Gespräch ist auch eine Laufzeitverlängerung für die beiden alten Reaktorblöcke in Bohunice über 2015 hinaus.

Großbritannien

In Großbritannien gibt es keine breite öffentliche Debatte über Atomkraft. Nach Fukushima ordnete Premier David Cameron eine nochmalige Überprüfung der 19 Meiler an.

Belgien

Belgien: Atomkraft ist mit 55 Prozent die Hauptquelle für Strom. 2003 wurde beschlossen, 2015 mit dem Ausstieg zu beginnen. Damals haben die Grünen mitregiert. Jetzt befürchten sie, dass der Ausstieg rückgängig gemacht wird. Die Zukunft der AKW ist auch ungewiss, weil Belgien seit knapp einem Jahr keine gewählte Regierung mehr hat.

Finnland

In Finnland soll die Zahl der Atomreaktoren von derzeit vier auf acht erhöht werden. Der fünfte wird schon gebaut, und auch an den geplanten sechsten und siebten hält Helsinki fest. Der noch nicht beschlossene achte wird möglicherweise gestrichen.

Schweden

Schweden hat keine konkreten Neubaupläne. Weiter gilt aber, dass bei Stilllegung eines der derzeit zehn Reaktoren als Ersatz ein neuer gebaut werden kann.

Bulgarien

Bulgarien hat nach dem japanischen Atomunglück die Baupläne für das umstrittenen Kraftwerksprojekt mit Russland, Belene, für drei Monate auf Eis gelegt. Die Sicherheit des zweiten AKW (neben Kosloduj) soll verbessert werden. Umweltschützer lehnen das Projekt ab, weil Belene in einem Erdbebengebiet liegt. Die Regierung möchte erst nach einer Kostenstudie entscheiden.

Griechenland

Griechenland hat kein AKW. Nach Fukushima betonte die sozialistische Regierung, im Land solle es niemals Atomkraftwerke geben. Diese Linie vertraten alle Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten und verwiesen unter anderem auf die Erdbebengefahr.

Spanien

In Spanien hat der Super-GAU in Japan keinen Wandel in der Atompolitik und auch keine größere Debatte ausgelöst. Die Regierung verfolgt seit Jahren die Linie eines schrittweisen Ausstiegs aus der Nutzung der Kernenergie: Es sollen keinen neuen Atomkraftwerke gebaut und die bestehenden nach Ablauf der Betriebszeit von 40 Jahren abgeschaltet werden.

USA

In den USA ist bisher keine breite Debatte über eine Neubewertung der Atomkraft in Gang gekommen. Präsident Barack Obama hat sich mehrfach zu weiteren Nutzung von Kernenergie bekannt. Das Netz von derzeit 104 Reaktoren, die ein Fünftel des US-Stroms produzieren, soll ausgebaut werden. Der US-Energiekonzern NRG zieht sich allerdings aus einem Neubauprojekt in Texas zurück.

Israel

Israel hat Pläne für sein erstes Atomkraftwerk auf Eis gelegt. Eine geheime Reaktoranlage gibt es in der Wüste Negev. Sie dient aber nicht zur Stromerzeugung, sondern laut dem Internetportal GlobalSecurity.org zur Herstellung von Plutonium für Atomwaffen.

China

China hat ein gerade beschlossenes gewaltiges Programm zum Ausbau der Atomkraft vorläufig gestoppt und erneut auf den Prüfstand gestellt. Neue AKW werden vorerst nicht genehmigt. Jetzt haben Sicherheitstests der Altanlagen und der neuen Projekte Priorität.

Indien

In Indien gibt es nach Fukushima verstärkt Proteste gegen den seit Jahren umstrittenen Bau eines 9900-MW-Atomkraftwerks mit sechs Reaktoren im Maharashtra. Das Vorhaben ist eines von mehreren Atomenergie-Projekten der Regierung. In der breiten Öffentlichkeit werden die Gefahren der Kernenergie aber nicht diskutiert.

Brasilien

Brasilien hat keine Kehrtwende vollzogen. Das Land hat zwei AKW in der Nähe von Rio, wo ein drittes (Angra III) gebaut werden soll. Zudem liegen Pläne für weitere Atomkraftwerke in der Schublade. Die siebtgrößte Volkswirtschaft will die Energiesicherheit langfristig sichern. Allerdings deckt Brasilien mehr als 80 Prozent seines Energiebedarfs aus Wasserkraft.

Südafrika

Südafrika macht nach Fukushima nichts anders als vorher. Das AKW Koeberg nahe Kapstadt ist weiter in Betrieb. Sechs weitere Kernkraftwerke sollen bis 2030 gebaut werden. In Südafrika gab es keine intensive Atomdiskussion.

2011 führten Erdbeben und ein anschließender Tsunami zur Atomkatastrophe von Fukushima. Alle Atomanlagen wurden damals vom Netz genommen. Sendai ging im vergangenen August mit einem Reaktor wieder in Betrieb, im Oktober folgte der zweite.

Ministerpräsident Shinzo Abe und die Industrie halten Kernkraftwerke für notwendig, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Der Import von Kohle und Flüssiggas zur Stromproduktion kommt das rohstoffarme Land teuer zu stehen.

Von

rtr

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