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12.05.2013

20:50 Uhr

Nach Fabrikeinsturz

Höhere Löhne für Bangladeschs Textilarbeiter

Jüngst kamen in Bangladesch über 1100 Menschen bei dem Einsturz einer Textilfabrik ums Leben. Nun soll ein Gremium aus Fabrikbesitzern, Arbeitern und Politikern der Regierung Vorschläge für höhere Löhne unterbreiten.

Herkunftsnachweis an Modeartikel: Der Mindestlohn in Bangladeschs Bekleidungsindustrie soll steigen. ap

Herkunftsnachweis an Modeartikel: Der Mindestlohn in Bangladeschs Bekleidungsindustrie soll steigen.

DhakaNach dem verheerenden Fabrikeinsturz in Bangladesch will die Regierung den Mindestlohn von Arbeitern in der Bekleidungsindustrie anheben. Ein neu geschaffenes Gremium werde binnen drei Monaten konkrete Empfehlungen für Gehaltserhöhungen abgeben, kündigte Textilminister Abdul Latif Siddiky am Sonntag an. Das Kabinett werde dann über die Vorschläge entscheiden.

Dem Gremium sollen neben Vertretern von Fabrikbesitzern auch Arbeiter sowie Regierungsmitglieder angehören.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Ende April stürzte in einem Vorort von Dhaka ein achtstöckiges Hochhaus ein, in dem sich fünf Textilfabriken befanden. Mehr als 1100 Menschen kamen ums Leben. Die Bergungsarbeiten dauerten am Wochenende noch an. Bis Sonntagabend wurden nach Behördenangaben 1125 Leichen aus den Trümmern geborgen.

Der Einsturz des teilweise illegal errichteten Fabrikgebäudes gilt als das schlimmste Unglück in der Geschichte der Textilindustrie. Neben den gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Fabriken hat der Vorfall auch die schlechte Bezahlung der Beschäftigten in den Fokus gerückt. Der Monatslohn von Arbeitern in der bangladeschischen Bekleidungsindustrie war zuletzt 2010 um 80 Prozent auf 3000 Takas (29 Euro) angehoben worden - nach massiven Protesten.

Von

ap

Kommentare (1)

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Traurig

13.05.2013, 02:06 Uhr

Für das Ganze hat jemand neulich einen zutreffenden Begriff geprägt: Humankolonialismus....

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