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26.11.2015

14:47 Uhr

Nach Flugzeugabschuss

Der Ton wird rauer zwischen Moskau und Ankara

Nach dem Abschuss des russischen Militärflugzeugs will die Türkei beschwichtigen. Präsident Erdogan sucht den Kontakt zu Kremlchef Putin, doch der verschärft den Ton. Erdogan wiederum wehrt sich gegen jegliche Vorwürfe.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan weist die Vorwürfe zurück, sein Land würde Ware vom IS kaufen. „Das ist beschämend“, sagte Erdogan. ap

Angespanntes Verhältnis

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan weist die Vorwürfe zurück, sein Land würde Ware vom IS kaufen. „Das ist beschämend“, sagte Erdogan.

Istanbul/MoskauDas Verhältnis zwischen Russland und der Türkei ist zwei Tage nach dem Abschuss eines russischen Bombers an der türkisch-syrischen Grenze weiter angespannt. Die Türkei bemüht sich um Deeskalation, übt allerdings auch indirekte Kritik an Russland. Der Ton wird insgesamt rauer.

Die türkische Regierung zeigt sich bemüht, die Umstände des Abschusses aufzuklären. Nach dem Zwischenfall seien russische Militärvertreter in das türkische Armee-Hauptquartier eingeladen worden, hieß es am Mittwoch in einer schriftlichen Stellungnahme. Dort sei den Russen erläutert worden, dass eine Einsatzregel befolgt worden sei, weil die Besatzung des russischen Flugzeugs nicht auf Warnungen reagiert habe.

Nach dem Abschuss habe sich die Türkei bemüht, die russischen Piloten ausfindig zu machen und zu retten. Zudem beteuert die Türkei nach wie vor, dass zum Einen die Herkunft des Bombers zum Zeitpunkt des Abschusses unbekannt war, der Jet zum Anderen allerdings auch vorher gewarnt worden sei.

Das Vorgehen sei, so Präsident Erdogan am Donnerstag, „eine automatische Reaktion“ gewesen, die mit den türkischen Verhaltensregeln in Einklang gestanden habe. Wenn sich das Land heute dem gleichen Verstoß gegenüber sähe, würde es genauso reagieren.

Kampfjet-Abschuss

Warnung an Piloten: Türkisches Militär veröffentlicht Tonaufnahme

Kampfjet-Abschuss: Warnung an Piloten: Türkisches Militär veröffentlicht Tonaufnahme

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Erdogan sucht einem Medienbericht zufolge den direkten Kontakt zu seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Wie die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“ am Donnerstag berichtet, will Erdogan unbedingt ein Gespräch am Rande des Uno-Klimagipfels in Paris am 30. November mit dem Kremlchef führen. Es wäre ein Signal der Entspannung.

Vor dem Treffen wolle er mit Putin noch einmal telefonieren. Bereits am Mittwoch hatte Erdogan betont, dass sein Land keine weitere Eskalation wolle, sondern auf der Seite „des Friedens, des Dialogs und der Diplomatie“ stehe.

So sichern Staaten ihren Luftraum in Grenzgebieten

Wie werden Grenzen in Krisengebieten geschützt?

In etlichen Weltregionen haben Staaten Luftraumüberwachungszonen entlang ihrer Grenzen eingerichtet, zum Beispiel China, Südkorea oder die USA. Solche Zonen haben die Funktion eines Frühwarnsystems, der Einflug ist nur unter ganz bestimmten Auflagen erlaubt. Eine sogenannte Air Defense Identification Zone (ADIZ) war bis zum Fall der Mauer in Deutschland jedem Piloten bekannt. Sie verlief entlang der deutsch-deutschen Grenze. Flugplätze wie Lübeck, die nur wenige Flugminuten vom Todesstreifen entfernt lagen, konnten erst nach bestimmten Flugplan-Regularien und in speziellen Korridoren angeflogen werden – sonst drohten Abfangjäger. (Quelle: dpa)

Gibt es sowas auch im türkisch-syrischen Grenzgebiet?

Offiziell ist noch unklar, welche Art von Überwachungszone es hier gibt. Nach unbestätigten Angaben aus Luftfahrtkreisen hat die Türkei einseitig eine Art ADIZ an der Grenze zu Syrien eingerichtet – angeblich, um potenzielle Eindringlinge schon vor Luftraumverletzungen, also noch über syrischem Territorium, zu erkennen und abzufangen. Da die abgeschossene Maschine bei einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Stundenkilometern nur kurze Zeit über türkischem Luftraum gewesen sein dürfte, klingt diese Erklärung plausibel: Denn das türkische Militär will die russischen Piloten vor dem Abschuss über einen Zeitraum fünf Minuten zehn Mal gewarnt haben.

Wie erkennt man, welche Flugzeuge in der Luft sind?

Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben in der Regel sogenannte Transponder an Bord. Das sind automatische Signalgeber, die beim Abtasten durch Radarstrahlen Angaben zum Flugzeug, seinem Kurs, der Geschwindigkeit und seinem Kennzeichen machen. Bei Militärflugzeugen gibt es zusätzlich sogenannte IFF-Signalgeber. Zur Identifizierung von Freund oder Feind senden sie bestimmte Signale, die verschlüsselt oder unverschlüsselt Hinweise auf die Art der Mission des jeweiligen Kampfflugzeugs geben.

Wie werden Eindringlinge abgefangen?

Maschinen, die sich nicht melden aber den Luftraum verletzen, werden nach international festgelegten Verfahren zunächst per Funk angesprochen. Reagieren sie nicht, wird ein sogenannter Quick Reaction Alert (QRA) ausgelöst. Innerhalb kürzester Zeit steigen dabei Abfangjäger auf, um Sichtkontakt herzustellen. Das geschah auch so beim Germanwings-Flug über den französischen Alpen, als der Airbus auf seinem Crashkurs einer Sperrzone über einer Atomforschungsanlage gefährlich nahe kam. Reagiert der Eindringling auf optische Signale nicht, droht die Eskalation – die bis zum Abschuss reichen kann.

Hat die Türkei dabei spezielle Verfahren?

Die Türkei hat nach Informationen aus Luftfahrtkreisen ihre Eingreifprozesse („Rules of Engagement“) nach mehreren Zwischenfällen verschärft. Wichtigster Anlass war der Abschuss eines unbewaffneten türkischen Aufklärungsjets vor der syrischen Küste ohne jegliche Vorwarnung. Zuletzt gab es wiederholt Luftraumverletzungen durch in Syrien operierende russische Militärjets, die Moskau mit Navigationsproblemen entschuldigte. Die Türkei warnt heute daher auf ihr Territorium zufliegende Flugzeuge schon vor dem Eindringen in ihren Luftraum über die Notfallfrequenz. Bleiben sie unbeantwortet und sind keine Kursänderungen erkennbar, wird Abfang-Alarm gegeben.

Wie navigieren Flugzeuge?

Moderne Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben heute sogenannte Glascockpits, in die präzise Navigationsgeräte eingebaut sind. Sie arbeiten mit Satellitenunterstützung und zeigen fortlaufend die Position über dem Boden („Moving Maps“). Zudem gibt es weitere Navigationseinrichtungen, die diese Angaben ergänzen. Am Boden gibt es Radargeräte, die eine klare Zuordnung des Flugzeugs im Luftraum erlauben. Allerdings: Wie die Praxis zeigt, ist das unbeabsichtigte, kurzzeitige Eindringen in gesperrte Lufträume weder bei kleinen Cessnas noch bei schnellen Militärjets jemals ganz auszuschließen.

Daran scheint Russland in diesen Tagen relativ wenig Interesse zu haben: Putin erhob abermals schwere Anschuldigungen. „Es sieht so aus, dass die türkische Regierung die Beziehungen bewusst in eine Sackgasse steuert“, sagte er. Noch immer warte man auf eine Entschuldigung für den Abschuss des Kampfjets an der syrischen Grenze oder ein Angebot für eine Entschädigung. Auch eine realistische Erklärung, warum die türkische Luftwaffe am Dienstag den Jet ins Visier genommen habe, stehe noch aus, ergänzte ein Präsidialamtssprecher.

Erdogan wiederum reagierte am Donnerstag mit neuer Kritik am russischen Vorgehen in Syrien. Er warf Russland am Donnerstag vor, seinen Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat in dem Bürgerkriegsland als Vorwand zu nutzen, um Oppositionsgruppen ins Visier zu nehmen – mit dem Ziel, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stärken.

Ohne Russland direkt zu erwähnen, forderte Erdogan das Land heraus, seinen Vorwurf zu beweisen, wonach die Türkei vom IS Öl und Gas kaufe. Die Anschuldigungen bezeichnete der türkische Präsident als „beschämend“. Die Türkei sei das Land, das den ernstesten Kampf gegen den IS führe, sagte Erdogan weiter. Es habe in den vergangenen Jahren Tausende Extremisten festgenommen.

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