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22.10.2011

13:27 Uhr

Nach Gaddafi

Libyen versucht den Neuanfang

Nach dem Tod Gaddafis will Libyen eine neue Führung wählen - und das schon binnen acht Monaten. Ein neugewählter Nationalkongress soll dann eine Regierung bestimmen und die Verfassung ausarbeiten.

Bis zum nächsten Sommer sollen die Libyer neu wählen dürfen. dpa

Bis zum nächsten Sommer sollen die Libyer neu wählen dürfen.

MisrataNach dem Tod von Muammar Gaddafi hat die Übergangsregierung der libyschen Bevölkerung Wahlen bis spätestens nächsten Sommer versprochen. Zunächst müssten die Waffen von den Straßen verschwinden und halbwegs geordnete Verhältnisse wiederhergestellt werden, sagte Ministerpräsident Mahmud Dschibril am Samstag auf einem Wirtschaftsforum in Jordanien. Die erste Parlamentswahl solle dann spätestens in acht Monaten stattfinden. Dieser neu gewählte Nationalkongress werde anschließend eine Übergangsregierung bestimmen und eine Verfassung ausarbeiten, über die die Bevölkerung dann in einem eigenen Referendum entscheiden solle. Die Nato will ihren Einsatz in dem nordafrikanischen Land in eineinhalb Wochen beenden.

Der Übergangsrat wollte nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes offiziell am Sonntag die „Befreiung“ des Landes ausrufen. Gemäß der Pläne dafür werde er noch am Samstag von seinem Amt zurücktreten, sagte Dschibril am Rande der Konferenz am Toten Meer der Nachrichtenagentur Reuters. Dschibril hatte Anfang Oktober angekündigt, seinen Posten nach der Befreiung des Landes aufzugeben.

Die Familie von Gaddafi verlangte von der Übergangsregierung die Herausgabe seines Leichnams. Der Körper müsse an Gaddafis Stamm in der Stadt Sirte übergeben werden, um ihn nach islamischem Regeln beerdigen zu können, hieß es in einer Erklärung, die von einem syrischen Fernsehsender veröffentlicht wurde. Die Familie forderte auch den Leichnam von Gaddafis Sohn Motassim, der wie sein Vater am Donnerstag getötet wurde, als Kämpfer der Übergangsregierung die Stadt Sirte einnahmen. Der als Nachfolger Gaddafis gehandelte Sohn Saif konnte nach Angaben des Übergangsrats in Richtung südlicher Grenze fliehen.

Nach wie vor ist unklar, wie Gaddafi getötet wurde. Er wurde zunächst in einem Wasserrohr unter einer Straße in der Nähe von Sirte entdeckt und lebend gefangengenommen. Nach Darstellung des Übergangsrates starb Gaddafi später in einem Krankenwagen. Der Fahrer des Wagens sagte allerdings der Nachrichtenagentur Reuters, Gaddafi sei bereits tot gewesen, als er den Körper in Empfang genommen habe. Diese Aussage würde die weit verbreitete Annahme stützen, dass der frühere Machthaber gelyncht wurde. Die UN-Menschenrechtsorganisation forderte eine Untersuchung.

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Die halbnackte Leiche Gaddafis mit Einschusswunde am Kopf war am Freitag in einem Kühlraum in der Stadt Misrata zur Schau gestellt worden. Etliche Menschen fotografierten den Körper mit ihren Mobiltelefonen. Ein Kommandeur in Misrata sagte, Gaddafi werde wie jeder Muslim seine Rechte bekommen und würdevoll behandelt.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen äußerte wie andere westliche Vertreter kein öffentliches Bedauern über den Tod Gaddafis. Die Nato habe den Einsatz schnell und mit größter Vorsicht durchgeführt. „Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben“, sagte Rasmussen auf einer Pressekonferenz am späten Freitagabend. Der Einsatz, der offiziell mit dem Schutz der Bevölkerung begründet wurde, soll nach seinen Worten am 31. Oktober offiziell beendet werden.

Am Donnerstag hatten der Nato zufolge französische Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne Gaddafis angegriffen, als er sich mit Gefolgsleuten aus Sirte absetzen wollte. Seitdem gibt es keine Angriffe auf libysche Ziele mehr. Im UN-Sicherheitsrat begannen bereits Gespräche, die seit März geltende Flugverbotszone über dem Land aufzuheben.

Nato will Libyen-Einsatz Ende Oktober beenden

Video: Nato will Libyen-Einsatz Ende Oktober beenden

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Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

22.10.2011, 15:36 Uhr

Warum bleibt die völlig unzureichende, ja lügenhafte Erklärung Rasmussens bei Ihnen so einfach im Raum stehen? Warum werden die ungeheuren Zerstörungen, die die NATO bei Ihren Bombardierungen zugunsten einer obskuren, von Fundamentalisten durchsetzten Freischärlerbande (immerhin stammt ihr Anführer, ein Al-Qaida-Mann, aus dem Umkreis der Bali-Attentäter) angerichtet hat, nicht dokumentiert? Man kann den Libyern nur wünschen, dass sie jetzt nicht an den Tropf der "internationalen Gemeinschaft" gehängt werden. Und noch eine Bemerkung: wieso "schon" in 8 Monaten?

kurzda

22.10.2011, 16:11 Uhr

Was die Libyer von den Rebellen halten wird hier geschildert:

http://www.focus.de/politik/ausland/krise-in-der-arabischen-welt/libyen/tid-23977/cnn-kriegsreporter-ben-wedeman-die-rebellenkaempfer-machen-was-sie-wollen_aid_676942.html

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