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16.12.2014

11:53 Uhr

Nach Geiseldrama von Sydney

Iran soll Australien vor Attentäter gewarnt haben

Er sei ein Betrüger, der sich als politischer Dissident ausgegeben habe und noch dazu geistesgestört: Der Iran hat laut dem Teheraner Polizeichef Australien mehrfach vor dem Geiselnehmer von Sydney gewarnt – ohne Erfolg.

Australien in Trauer: Ein Meer aus Blumen in der Nähe des Tatortes auf dem Martin Place in Sydney. Reuters

Australien in Trauer: Ein Meer aus Blumen in der Nähe des Tatortes auf dem Martin Place in Sydney.

TeheranDie Teheraner Polizei hat nach eigenen Angaben Australien mehrmals vor dem ausgewanderten iranischen Geiselnehmer gewarnt. „Dieser Mann war ein Betrüger und hat sich bei seinem Asylantrag in Australien als politischer Dissident ausgegeben“, sagte Irans Polizeichef Ismaeil Ahmadi Moghaddam am Dienstag. All dies sei der australischen Polizei auch mitgeteilt worden.

Der Mann habe in Teheran eine Reiseagentur und mehrere Kunden betrogen, so der Polizeichef laut der Nachrichtenagentur ISNA. Um nicht ins Gefängnis zu kommen, sei er 1996 zunächst nach Malaysia geflohen und von dort aus nach Australien. Das iranische Außenministerium hatte am Montag die Geiselnahme in Sydney scharf verurteilt und den Geiselnehmer als geistesgestört bezeichnet.

Der Täter war als Man Haron M. identifiziert worden. Er war laut Polizei wegen Beihilfe zum Mord an seiner Ex-Frau und eines sexuellen Übergriffs auf eine Frau angeklagt. Vergangenes Jahr wurde er zu 300 Stunden Sozialarbeit verurteilt, weil er den Angehörigen in Afghanistan getöteter Soldaten beleidigende Briefe geschrieben hatte. Er war gegen Kaution auf freiem Fuß. Die Behörden betonten, es handle sich um einen verstörten Einzeltäter und nicht um eine größere terroristische Verschwörung.

Zeitlicher Ablauf des Geiseldramas in Sydney

9.45 Uhr (Ortszeit)

Die Polizei wird zum Café des Schokoladenherstellers Lindt am Martin Place in der Innenstadt von Sydney gerufen. Erste Berichte, es könnte sich um einen bewaffneten Raubüberfall handeln, bestätigen sich nicht.

10.10 Uhr

Australische Fernsehsender zeigen Aufnahmen von Geiseln in dem Café, die ihre Arme hochhalten und die Hände gegen ein Fenster des Cafés gedrückt halten. Kurze Zeit später erscheinen zwei Geiseln am Fenster, die eine schwarze Flagge mit weißer arabischer Schrift halten.

10.30 Uhr

Bewaffnete Polizisten versammeln sich vor dem Café. Umliegende Gebäude werden evakuiert.

12.30 Uhr

Premierminister Tony Abbott verspricht im Staatsfernsehen eine gründliche Polizeireaktion auf den Zwischenfall.

Gegen 16.00 Uhr

Drei Männer flüchten aus dem Notausgang des Cafés und rennen auf die Polizei zu. Einer von ihnen trägt eine Lindt-Schürze. Es handelt sich offenbar um einen Angestellten des Cafés.

Gegen 17.00 Uhr

Zwei Frauen rennen aus der gleichen Seitentür in die Arme von Polizisten. Beide tragen Lindt-Schürzen.

18.00 Uhr

Abbott teilt mit, der Geiselnehmer habe von einer „politischen Motivation“ gesprochen. Er verweist aber nicht auf Sorgen vor einem möglichen Terroranschlag.

18.30 Uhr

Die stellvertretende Polizeichefin Catherine Burn sagt, die Polizei führe „heikle Verhandlungen“, die Diskretion voraussetzten. Sie will nicht sagen, ob zum Geiselnehmer ein direkter Kontakt hergestellt worden sei. Auch zur Zahl der festgehaltenen Geiseln oder der Taktik der Behörden bei dem Geiseldrama macht sie keine genaueren Angaben.

20.15 Uhr

Polizeichef Andrew Scipione erklärt es zur Priorität der Polizei, jeden sicher aus dem Café zu holen. Er will nicht über die Motive des Bewaffneten oder einen möglichen terroristischen Zusammenhang spekulieren.

21.00 Uhr

Die Beleuchtung im Café wird ausgeschaltet. Polizisten vor dem Gebäude ziehen Nachtsichtbrillen auf.

Der 50 Jahre alte Iraner und selbst ernannter radikaler Prediger hatte am Montagmorgen 17 Geiseln in einem Café genommen und die meisten 16 Stunden lang in seiner Gewalt. Er zwang sie, eine schwarze Fahne mit dem islamischen Glaubensbekenntnis an ein Schaufenster zu halten. Einigen Geiseln gelang im Laufe des Tages die Flucht. In der Nacht zu Dienstag stürmte die Polizei das Lokal. Der Täter und zwei Geiseln wurden erschossen, vier weitere Menschen verletzt.

Am Dienstag haben Menschen der beiden in einem Café getöteten Geiseln gedacht. Wie Hunderte Landsleute legten auch Australiens Premierminister Tony Abbott und seine Frau Margie Blumen am Martin Place nieder. An der provisorischen Gedenkstätte am Tatort türmten sich Blumen. Viele Menschen weinten.

„Ich werde diesen Tag nicht vergessen, so lange ich lebe“, sagte Jenny Borovina, die stundenlang in ihrem Büro in der Nähe des Tatortes festgesessen hatte. Sie habe mit ihrem Sohn und ihrer Tante telefoniert, weil sie nicht wusste, ob sie lebend aus dem Gebäude komme. Abbott legte einen Strauß weiße Blumen nieder und schrieb eine Nachricht in ein kleines Kondolenzbuch.

Premierminister Abbott sagte, die Sicherheitsbehörden stellten sich jetzt die gleichen Fragen wie die Bevölkerung: „Wie kann es sein, dass jemand mit einer solch langen und kontroversen Vergangenheit nicht auf der richtigen Überwachungsliste stand? Und wie kann jemand wie er sich völlig frei in der Gesellschaft bewegen?“ Dies Fragen sollten in den kommenden Tagen und Wochen sorgfältig beantwortet werden.

Muslimische Gruppen in Australien verurteilten die Geiselnahme und erklärten, der Geiselnehmer habe das muslimische Glaubensbekenntnis missbraucht. Unter dem Hashtag #IllRideWithYou, boten Zehntausende Australier ihren muslimischen Landsleuten Unterstützung gegen mögliche Anfeindungen an.

Kommentare (3)

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Herr Lung Wong

16.12.2014, 12:37 Uhr

Unfassbar was so alles unter dem Begriff "Asyl" unterwegs ist. Nein, ich bin kein "Rechter", ich viele Jahre mit den Grünen sympathisiert, dann auch die Linke gewählt und bin zudem noch passives SPD-Mitglied.

Account gelöscht!

16.12.2014, 12:56 Uhr

Gab es bei 9/11 nicht auch eine Vorwarnung?

Schon interessant wie mit solchen konkreten Hinweisen umgegangen wird. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Frau Margrit Steer

16.12.2014, 13:18 Uhr

Ein solcher Mann gehört auch nicht gegen Kaution auf reien Fuß, sodnern in den Knast
In der westlichen Welt, vor allem auch bei uns, müssen Strafen auch endlich mal Strafen sein

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