Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.06.2014

16:17 Uhr

Nach Hedgefonds-Urteil

Argentinien kämpft gegen die Pleite

VonAlexander Busch

Im Kampf gegen eine drohende Zahlungsausfall will Argentinien mit der US-Justiz verhandeln. Bis Ende des Monats muss die argentinische Regierung einen Kompromiss mit ihren Gläubigern aushandeln. Doch das wird schwierig.

Geht Argentinien nun pleite?

Video: Geht Argentinien nun pleite?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

São PauloBis Anfang der Woche freuten sich die Argentinier noch auf die einfache Vorrunde ihrer Albiceleste bei der Fußballweltmeisterschaft. Gegner wie Iran, Nigeria und Bosnien-Herzegowina versprechen klare Siege. Der dritte Weltmeistertitel scheint näher gerückt. Doch dann schmetterte das oberste US-Gericht am Montag Argentiniens Berufungsantrag im Prozess um ausstehende Auslandsschulden ab.

Damit bestätigt die Justiz frühere Urteile, nach denen Argentinien Gläubiger voll auszahlen muss, die nicht an den Schulden-Umstrukturierungen von 2005 und 2010 teilgenommen haben. Geklagt hatten drei US-Fonds unter Führung des Hedgefonds NML Capital, der nach dem Urteil verkündete, dass er eine sofortige Bezahlung der Schulden erwarte. Damit steht Argentinien steht 13 Jahre nach dem historischen Zahlungsausfall erneut vor einer Verschuldungskrise.

Sofort stürzte die Börse in Buenos Aires um zehn Prozent ein, genauso wie die Kurse für argentinische Anleihen. Ihre durchschnittlichen Zinsaufschläge gegenüber US-Anleihen stiegen um einen Prozentpunkt auf über elf Prozent.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Der Grund für die Panik an den Finanzmärkten: Die argentinische Regierung steckt in der Bredouille. Denn zahlt sie die Hedge-Fonds aus, dann drohen weitere Klagen anderer „Holdouts“, also nicht an den Umschuldungen beteiligter Gläubiger, die auf Rückzahlungen in Höhe von geschätzt rund zehn Milliarden Dollar pochen könnten.

Argentinien droht damit ein erneuter Zahlungsausfall auf seine Schulden – 13 Jahre nach dem bisher größten Default seiner Geschichte. In dessen Folge gelang es Argentinien bei den Umschuldungsverhandlungen für Kredite in Höhe von rund 100 Milliarden Dollar einen Abschlag von zwei Drittel des Nominalwertes zu erzielen.

Doch die komplizierten Umschuldungspakete drohen jetzt nachträglich zu platzen: Denn nach dem jetzt bestätigten erstinstanzlichen Gerichtsurteil muss Argentinien alle anderen Zahlungen an Gläubiger sofort stoppen, bis die klagende Gläubigergruppe voll ausbezahlt wurde.

Am 30. Juni stehen Auszahlungen in Höhe von 907 Millionen Dollar an die Gläubiger an, welche sich an den zwei Umschuldungen beteiligt hatten. Fallen diese Zahlungen aus, dann würde Argentinien ein „technisches Default“ begehen. Argentinien wäre dann zwar in der Lage seine Schulen zu zahlen, dürfte es aber aus gesetzlichen Gründen nicht.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.06.2014, 18:23 Uhr

Argentinien ist in finanzieller Hinsicht ein Schurkenstaat, der praktisch schon bei Anleihenbegebung vor hat seine Gläubiger zu betrügen. Kein halbwegs konservativer Investor wird eine argentinische Anleihe kaufen oder zeichnen. Wer so etwas im Depot hat ist ein Spekulant. Dieser Fall zeigt aber exemplarisch wie wichtig Hedgefonds wie die genannten "Holdouts" sind. Denn diese sorgen dafür, daß die zahlungsunwilligen Betrügerstaaten wie Argentinen zur Verantwortung gezogen werden und mit allen legalen Mitteln gezwungen werden die vertraglichen Zusagen, welche sie freiwillig angeboten haben, auch einzuhalten und zu erfüllen. Es kann einfach nicht sein, daß Staaten meinen sie hätten eine Art "Sonderschuldnerstatus" und könnten sich nach Belieben aus ihren eingegangenen Verpflichtungen herauswinden. Diese Geschrei immer, wenn private oder institutionelle Anleger nicht an einer Umschuldung von Staatsanleihen teilnehmen wollen; so als ob es eine Art natürliches Anrecht von Staaten auf verringerte Schuldenrückzahlung und nachträgliche einseitige Vertragsänderungen geben würde. Dieses Recht gibt es nicht! Es müssen die gleichen Regeln für alle Schuldner gelten. Wenn Argentinien nicht mehr zahlen kann, dann soll es klipp und klar den Staatsbankrott erklären und aufhören rumzueiern. Staaten wie Griechenland, Portugal oder Irland sollten sich die Situation in Argentinien genau ansehen, denn irgendwann wird es ihnen genau so gehen.

Account gelöscht!

19.06.2014, 12:56 Uhr

Bei einem Staatsbankrott hätte niemand auch nur einen müden Peso bekommen. Da wurde mühsam eine Regelung ausgehandelt; warum ist eigentlich ein US-Gericht berechtigt, einem unabhängigen Land vorzuschreiben, wen es auszuzahlen hat, weil sich eine Minderheit nicht an diese Vereinbarungen halten mag? "Geierfonds" ist noch viel zu milde ausgedrückt.

Account gelöscht!

19.06.2014, 14:19 Uhr

Weil es sich um unter amerikanischem Recht (USA, Gerichtsstand New York) in Dollar begebene Anleihen handelt. Dies hat Argentinien deshalb aus freien Stücken gemacht, weil niemand nach den vorherigen unsäglichen Betrügereien an den Gläubigern bereit war, Anleihen unter argentinischem Recht und in Pesos zu zeichnen bzw. zu kaufen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×