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20.09.2011

15:03 Uhr

Nach Italien-Abstufung

Volkswirte wettern gegen unfähige Krisenpolitik

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Herabstufung Italiens kommt für Ökonomen nicht überraschend. Vielmehr sehen sie in dem harten Rating-Urteil einen weiteren Beleg für das katastrophale Krisenmanagement der Euro-Regierungen.

Eine europäische und zwei deutsche Fahnen. dapd

Eine europäische und zwei deutsche Fahnen.

Düsseldorf/Rom„Die Herabstufung Italiens ist ein weiterer Mosaikstein in dem trüben Bild, das die Staatsfinanzen in vielen Ländern abgeben“, sagte der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, Handelsblatt Online. „Es dauert leider viel zu lange, als dass Regierungen den Ernst der Lage erkennen und dies angemessen durch Taten dokumentieren. Offenbar schreckt selbst das griechische Beispiel einige Regierungen nicht ausreichend ab.“ Daher überrasche ich auch das harte Rating-Urteil zu Italien nicht. Es sei vielmehr noch „durch das ungeschickte Lavieren der italienischen Regierung befördert worden“.

Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, klagt über ein hilfloses Krisenmanagement, dessen Hilfsmaßnahmen verpuffen. So stiegen die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen schon seit Mitte August, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) „aggressiv Staatsanleihen kauft und damit de facto Staatsausgaben mit der Notenpresse finanziert“, sagte Krämer Handelsblatt Online. Dies liege auch daran, dass die Märkte wüssten, dass viele Wähler in den Geberländern die Hilfspolitik der Staatengemeinschaft ablehnen. „Deshalb bezweifeln die Investoren die langfristige Glaubwürdigkeit der Garantien, die die Staatengemeinschaft zugunsten der Peripherieländer gegeben hat“, fügte der Volkswirt hinzu.

Nach Krämers Überzeugung werden diese Zweifel erst abnehmen, wenn die Peripherieländer ihre Haushaltsdefizite wie versprochen senken und ihre Volkswirtschaften wettbewerblich organisieren. „Dann würden die Wähler die Hilfen für die Peripherieländer eher als ein Investment akzeptieren, das die Währungsunion stabilisiert und insofern in ihrem Interesse liegt“, sagte er. Davon sei Europa allerdings noch weit entfernt. „Die Staatsschuldenkrise ist noch lange nicht vorüber."

Standard & Poor's hatte die langfristige Bonität für die drittgrößte Wirtschaft der Euro-Zone von der Note „A+“ auf „A“ herabgestuft, die kurzfristige Kreditwürdigkeit von „A-1+“ auf „A-1“. Den weiteren Ausblick bewertete die Agentur „negativ“, was bedeutet, dass weitere Herabstufungen möglich sind.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Kommentare (10)

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Euyonimus

20.09.2011, 15:53 Uhr

IWF: Wenn die Rendite italienische Staatsanleihen 8-9% erreicht, ist die Schuldenlast des Landes nicht mehr tragbar.
vor 6 Min (15:42) - Echtzeitnachricht


wie soll das nur weitergehen :-((

Account gelöscht!

20.09.2011, 16:17 Uhr

Antwort: GAME OVER :-)

Entweder mit neuen "Papierschnipseln", die gleichmäßig verteilt werden neu anfangen...

oder die alten "Papierschnipsel" den Gewinnern des Monopoly abnehmen, gleichmäßig verteilen, und los geht es wieder.

So einfach ist das!

Philipp

20.09.2011, 16:21 Uhr

Zitat : "Es dauert leider viel zu lange, als dass Regierungen den Ernst der Lage erkennen und dies angemessen durch Taten dokumentieren. Offenbar schreckt selbst das griechische Beispiel einige Regierungen nicht ausreichend ab." Die einzige Botschaft die bis jetzt angekommen ist, ist doch das gerettet wird um jeden Preis. Also kann man sich doch ruhig Zeit lassen, Maßnahmen und Versprechungen ankündigen, die jederzeit widerufen oder nur halbherzig angehen.

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