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13.10.2012

13:02 Uhr

Nach Justizstreit

Neue Gewaltwelle erschüttert Ägypten

Der ägyptische Präsident Mursi hat sich mit der Justiz angelegt. Nach einem umstrittenen Freispruch für Mubarak-Anhänger wollte er den Generalstaatsanwalt entlassen. Daraufhin kam es am Freitag zu schweren Unruhen.

Demonstranten werfen am Freitag mit Steinen auf den Tahrir-Platz in Kairo. dapd

Demonstranten werfen am Freitag mit Steinen auf den Tahrir-Platz in Kairo.

Istanbul/KairoIn Ägypten ist nach den heftigsten Krawallen seit Amtsantritt des neuen Präsidenten Mohammed Mursi am Samstag wieder Ruhe eingekehrt. Bei den Ausschreitungen am Tag zuvor waren in Kairo rund 200 Menschen verletzt worden. Die unabhängigen Tageszeitungen kritisierten vor allem Anhänger der Muslimbrüder, die mit Stöcken und Eisenstangen um sich geschlagen hatten.

Die Zeitung „Al-Tahrir“ zog mit dem Titel „Die Kamel-Schlacht der Bruderschaft“ gar einen Vergleich zu dem brutalen Vorgehen des Regimes von Ex-Präsident Husni Mubarak. Auch „Al-Masry al-Youm“ schrieb: „Eine Schlacht ohne Kamel.“.

Der Machtkampf zwischen Präsident Mohammed Mursi und der ägyptischen Justiz hatte am Freitag in Kairo zu den heftigsten Unruhen seit Mursis Wahl im Juni geführt. Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich auf dem Tahrir-Platz schwere Auseinandersetzungen, wie ein AFP-Journalist berichtete. Hintergrund ist unter anderem der umstrittene Freispruch mehrerer ranghoher Beamte des gestürzten Staatschefs Husni Mubarak.

Bei Straßenschlachten zwischen Gegnern und Anhängern von Mursi sind am Freitag in Kairo nach offiziellen Angaben 110 Menschen verletzt worden. Nach Angaben von Augenzeugen und Krankenhausärzten wurden 200 Demonstranten schwer verletzt. In den ersten derartigen Zusammenstößen seit der Wahl des Islamisten im Juni bewarfen sich beide Gruppen mit Steinen, Flaschen und Brandsätzen und lieferten sich Handgemenge. Die Polizei griff nicht ein.

Anhänger des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi schlugen mit Stöcken und Eisenstangen um sich. Nach Angaben von Augenzeugen flogen auch Steine von beiden Seiten. Ihnen zufolge eskalierten die Proteste, als Anhänger der Muslimbrüder eine Bühne zerstörten, die einer Gruppe gehörte, die Slogans gegen Mursi rief. Einige Demonstranten zündeten demnach zwei Busse an, mit denen die Muslimbrüder angereist waren.

Hunderte Menschen waren am Freitag einem Aufruf der Muslimbruderschaft gefolgt, gegen die Freisprüche von 24 Beamten der alten Führung unter Mubarak zu protestieren. Die Beamten waren am Mittwoch von Vorwürfen freigesprochen worden, für den Tod von Demonstranten auf dem Tahrir-Platz während des Aufstands gegen Mubarak Anfang 2011 verantwortlich zu sein.

Auf dem Tahrir-Platz stießen die Mursi-Anhänger auf liberale und säkulare Gruppen, die am Freitag gegen die Dominanz der Islamisten in der verfassungsgebenden Versammlung sowie gegen Mursis Regierungsstil protestierten. Mursis Kritiker werfen ihm vor, die für die ersten 100 Tage versprochenen Reformen nicht umgesetzt zu haben. Zudem befürchten weltlich orientierte Bürger und Christen eine Islamisierung der Gesellschaft.

Die Islamisten riefen auf dem Tahrir-Platz: „Das Volk will die Säuberung der Justiz“ und „Wir lieben dich, oh Mursi“. Sie trugen Bilder von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Die „Revolutionsjugend“ und Mitglieder verschiedener linker Parteien schrien ihnen entgegen: „Nieder mit der Herrschaft der Muslimbrüder“ und „Nieder mit dem Verfassungsrat“.

Mehrere Stunden lang schleuderten Demonstranten Steine aufeinander und griffen sich gegenseitig mit Stöcken an. Zwei Busse, mit denen Anhänger der Muslimbrüder zu einer Kundgebung gebracht worden waren, wurden in Brand gesteckt.

Als sie eine Bühne der überwiegend linken und liberalen Kritiker des islamistischen Präsidenten stürmten, kam es zu einem Handgemenge. Wenig später eskalierte die Lage. Auch in der Industriestadt Mahalla el Kobra im Nil-Delta kam es zu Ausschreitungen. Demonstranten legten Feuer an der örtlichen Zentrale der Muslimbruderschaft und verbrannten Mursi-Plakate.

Er habe bei der Wahl für Mursi gestimmt, um einen Präsidenten aus dem Umfeld des gestürzten Machthabers Husni Mubarak zu verhindern, sagte der Demonstrant Abdullah Walid auf dem Kairoer Tahrir-Platz. „Jetzt bedauere ich das, denn sie sind nur zwei Seiten einer Medaille. Mursi hat nichts für die Revolution getan. Es tut mir so leid, dass ich ein neues unterdrückerisches Regime an die Macht gebracht habe“, sagte Walid.

Kommentare (2)

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btw

13.10.2012, 01:35 Uhr

Mit Mursi haben sich die Amerikaner einen Klotz ans Bein geheftet.
Schadenfreude kann da nicht aufkommen, bedenkt man wieviel Menschen unter Mursi bereits umgebracht wurden.

Account gelöscht!

13.10.2012, 11:35 Uhr

Ja, ja. Das ist der viel gefeierte arabische Frühling. Gaddafi, Mubarak, Hussein usw. hatten die Verrückten wenigstens im Griff.

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