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28.04.2016

18:01 Uhr

Nach Krankenhaus-Bombardierung

Putin und Obama müssen Syrien-Verhandlungen retten

Die UN fordert angesichts der Kämpfe in Syrien dringend eine Friedensinitiative von Obama und Putin. In der Nacht wurde ein Krankenhaus in Aleppo zerstört. Das Rote Kreuz warnt angesichts der Lage vor einer Katastrophe.

Bewohner und Hilfskräfte versuchen am Donnerstag Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs von der Nacht zuvor zu bergen. Bei dem Angriff wurde auch ein Krankenhaus schwer getroffen und mindestens 20 Menschen getötet. dpa

Schäden nach Luftangriff auf Aleppo

Bewohner und Hilfskräfte versuchen am Donnerstag Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs von der Nacht zuvor zu bergen. Bei dem Angriff wurde auch ein Krankenhaus schwer getroffen und mindestens 20 Menschen getötet.

Beirut/GenfAngesichts der eskalierenden Kämpfe in Syrien fordert die UN eine neue Friedensinitiative von US-Präsident Barack Obama und Russlands Staatschef Wladimir Putin. Der laufende Prozess sei kaum noch am Leben, sagte der Syrien-Gesandte Staffan de Mistura am Donnerstag. In der Nacht war ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus in Aleppo zerstört worden. In der Metropole toben seit Wochen ungeachtet einer von den USA und Russland im Februar auf den Weg gebrachten Waffenruhe heftige Kämpfe zwischen Rebellen und der Armee. Die Versorgung von Millionen Menschen sei gefährdet, sagte der für humanitäre Hilfe zuständige UN-Vertreter Jan Egeland. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel in den kommenden Stunden und Tagen auf dem Spiel steht.“

Die im Februar ausgerufene, immer brüchigere Waffenruhe war auf Drängen Russlands und der USA zustandegekommen. Nun drohe sie in Aleppo und mindestens drei anderen Orten zu scheitern, sagte De Mistura. „Deswegen mein Aufruf zu einer dringenden amerikanisch-russischen Initiative auf höchster Ebene.“ Obama und Putin „müssen wiederbeleben, was sie geschaffen haben, aber das heute kaum noch am Leben ist“. In den vergangenen 48 Stunden sei im Schnitt alle 25 Minuten ein syrischer Zivilist ums Leben gekommen.

Die Akteure im Syrien-Konflikt

Das Regime

Seit fast fünf Jahren tobt in Syrien ein auch von außen befeuerter Bürgerkrieg. Die Krise ist auch deshalb schwer zu lösen, weil es zahlreiche Akteure mit eigenen Interessen gibt. Zum Beispiel das Regime. Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Syriens Armee hat im langen Krieg sehr gelitten, konnte aber zuletzt dank massiver russischer und iranischer Hilfe Geländegewinne erzielen. Machthaber Assad lehnt einen Rücktritt ab.

Islamischer Staat

Die Terrormiliz IS ist die stärkste Kraft in Syrien neben der Regierung. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken.

Rebellen

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Teilweise kooperieren sie mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

Die Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen, dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

Die Kurden

Kurdische Streitkräfte kontrollieren mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurden-Partei PYD, Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte „Augsburg“, die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

Russland

Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern, dass Assad abtritt. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Zuletzt eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten. (Quelle: dpa)

De Mistura hatte die Zahl der Toten in dem fünfjährigen Konflikt jüngst auf 400.000 geschätzt. Er führt die Friedensverhandlungen in Genf zwischen den Aufständischen und der syrischen Regierung. Allerdings haben die Rebellen die Gespräche abgebrochen. Im Mai sollten die Treffen fortgesetzt werden, sagte De Mistura am Donnerstag. Einen konkreten Termin nannte er jedoch nicht. Außenminister Frank-Walter Steinmeier lud de Mistura zu Beratungen nach Berlin ein.

Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben beim Angriff auf das Al-Kuds-Krankenhaus in Aleppo mindestens 27 Menschen. Unter den Opfern seien drei Kinder. Die Gruppe Ärzte ohne Grenzen sprach von einem gezielten Angriff auf die Klinik, deren Standort allgemein bekannt gewesen sei. Eine lokale Zivilschutzgruppe berichtete, insgesamt seien 50 Menschen bei diesen Luftangriffen ums Leben gekommen. Die Angaben aus Syrien können kaum überprüft werden. Syrien wies jede Verantwortung für die Bombardierung zurück. Russische Vertreter waren für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Die Regierung in Moskau unterstützt Syriens Präsident Baschar al-Assad mit Luftangriffen. Sie hat den Beschuss ziviler Ziele jedoch immer bestritten.

Die Kämpfe um Aleppo waren zuletzt eskaliert. Nach Erkenntnissen der Beobachtungsstelle wurden in den vergangenen sechs Tagen bei Luftangriffen der Regierung etwa 200 Zivilisten getötet. Das Rote Kreuz warnte angesichts der Lage in Aleppo vor einer Katastrophe. Durch die Kämpfe seien „Millionen Menschen einer großen Gefahr ausgesetzt“, heißt es in einer Erklärung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Die Waffenruhe gilt nicht für Kämpfe gegen Extremisten-Gruppen wie den Islamischen Staat (IS). Obama hatte in diesem Zusammenhang am Montag die Entsendung von bis zu 250 Soldaten nach Syrien angekündigt. Die Regierung in Damaskus erklärte am Donnerstag, sie sei beunruhigt über Berichte, dass etwa 150 US-Soldaten in einem von kurdischen Milizen kontrollierten Gebiet eingesetzt würden. Es handle sich um einen Akt der „eklatanten Aggression“, zitierten staatliche Medien einen Regierungsvertreter. Die US-Truppen sollen sich demnach bereits in einem Teil des Landes befinden, der von kurdischen Milizen gehalten wird.

Von

rtr

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